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DARTS Kaum eine Sportart hat im letzten Jahrzehnt einen derart großen Aufschwung erlebt wie das professionelle Darts. Eine Mischung aus zuschauerfreundlichen Rahmenbedingungen kombiniert mit einer prosperierenden Kommerzialisierung machen den Sport sowohl live in der Halle als auch vor dem Fernseher zu einem Spektakel. Steigende Zuschauer- und Umsatzzahlen sowie Rekordpreisgelder sind die Folge, was Darts zu einem boomenden Wirtschaftsfaktor macht.

Wir schreiben den 1. Jänner 2020 – das Finale der Darts- Weltmeisterschaft. Die Fans im vollbesetzten Alexandra Palace im Norden Londons warten gespannt auf die drei Match-Darts von Peter »Snakebite« Wright. Mit einem Wurf in das Doppel-Zehn-Feld kann sich der Schotte zum ersten Mal in seiner Karriere zum Darts-Weltmeister krönen. Die ersten zwei Darts landen knapp außerhalb des Feldes. Der dritte schlägt mitten in der Doppel-Zehn ein. Pure Ekstase. Das teilweise wild verkleidete Publikum ist nicht mehr auf den Bierbänken zu halten und feiert lautstark den neuen Weltmeister, als gäbe es nichts Größeres. »Snakebite« reißt seine Fäuste in den Himmel, während ihm im selben Moment die ersten Tränen die Wangen herunterkullern. Der geschlagene dreifache Weltmeister Michael »Mighty Mike« van Gerwen zeigt sich als großer Verlierer und gratuliert seinem Kontrahenten. Wright geht langsam Richtung »Sid Waddell Trophy « und umarmt sie, ehe er sie kurze Zeit später in die Höhe strecken darf. Ein Moment voller Emotionen. Dem Schotten mit dem markanten Irokesenhaarschnitt und der aufgemalten Schlange werden aber nicht nur Ruhm und Ehre in der Welt des Darts zuteil, sondern auch 500.000 Pfund Preisgeld.

 

Aus den Hinterzimmern auf die große Sportbühnen der Welt

Die Darts-WM ist das alljährliche Highlight der Professional Darts Corporation (PDC). Knapp 80.000 Menschen strömen über das gesamte Turnier verteilt in den Alexandra Palace, während allein im vereinigten Königreich etwa eine Million Menschen vor den Bildschirmen zusehen. Gestartet als Zeitvertreib für biertrinkende Pub-Besucher, ist der Sport mittlerweile hoch professionalisiert und kommerzialisiert – auch wenn die Akteure größtenteils nicht wie »typische« Profisportler aussehen. Von den Bierbäuchen und Glatzen sollte man sich allerdings nicht täuschen lassen. Auch wenn viele Profis ihre Anfänge in eben jenen Pubs hatten, ist ihre Welt mittlerweile eine komplett andere. Tägliches, stundenlanges Training mit sturem Werfen auf ein Feld, Rechnen, um die richtigen Check-Out-Wege zu verinnerlichen, Reisen durch ganz Europa, Pressetermine und vieles mehr stehen auf der Tagesordnung. Auch wenn sich die körperliche Anstrengung in Grenzen hält, ist die psychische und physische Belastung nicht zu unterschätzen.

Wie aber schaffte der Darts-Sport den Sprung aus den Hinterzimmern der Pubs auf die großen Sportbühnen der Welt? Darts ist – auf hohem Niveau – ein extrem spannender Sport für den Zuschauer. Er ist schnelllebig, die Situation kann sich im Handumdrehen ändern und es gibt einiges zu bejubeln. Zusätzlich halten Details wie die Möglichkeit auf einen »9-Darter«, bei dem man ein Leg mit neun Würfen beendet, die Spannung zusätzlich hoch. Der »9-Darter« gilt in der Welt des Darts als ultimative Errungenschaft und wird zum Beispiel bei der Weltmeisterschaft monetär belohnt. Wem zwei dieser Würfe gelingen, kann sich über zusätzliche 100.000 Pfund freuen. Sollte das mehreren Spielern gelingen, wird der Betrag aufgeteilt. Darts- Legenden wie Phil Taylor, der zwischen 1994 und seinem Karriereende 2018 ganze 16-mal die Weltmeisterschaft gewinnen konnte, oder Michael van Gerwen trugen maßgeblich zum steilen Aufstieg des professionellen Darts-Sports bei. Nicht nur weil sie genial Dartpfeile werfen können, sondern auch weil sie wie beinahe alle professionellen Spieler einen »einfachen« Hintergrund haben und oft per Zufall dort gelandet sind, wo sie jetzt sind. Das zeigt auch das nächste Beispiel.

WIRTSCHAFSFAKTOR Gestartet als Zeitvertreib für biertrinkende Pub-Besucher, ist der Darts-Sport mittlerweile hoch professionalisiert und kommerzialisiert. | © Dmitry Rukhlenko

 

»The Iceman« sammelt 1,32 Millionen Pfund in zwei Jahren

Ein Mann mit einer außergewöhnlicheren Geschichte und Gewinner der heurigen Weltmeisterschaft: Gerwyn »The Iceman« Price. Der Waliser begann erst 2010 mit dem Darts-Sport, damals auf regionaler Ebene in Wales. »The Iceman« war zuvor professioneller Rugbyspieler und kann als einer der wenigen Profis einen durchtrainierten, sportlichen Körperbau aufweisen.

Ab 2014 nahm Price an Turnieren der PDC teil und kletterte nach und nach in deren Weltrangliste nach oben. In der sogenannten »Order of Merit«, die sich nach dem gewonnenen Preisgeld der letzten zwei Jahren richtet, konnte er nach seinem WM-Titel im Jänner 2021 sogar die Langzeit-Nummer-Eins Michael van Gerwen vom Thron stoßen. 1,32 Millionen Pfund sammelte Price in den vergangenen zwei Jahren, während van Gerwen sich mit knapp 300.000 Pfund weniger begnügen musste. In der Liste mit den höchsten Preisgeldern zwischen 1990 und 2020 steht »Mighty Mike« mit 9,2 Millionen Pfund aber immer noch deutlich an der Spitze.

 

Die Kommerzialisierung einer Kultur

Die Gegebenheiten bei Live-Events sind zuschauerfreundlich und erinnern mehr an ein Bierzelt als an eine professionelle Sportveranstaltung. Damit gelingt es den Veranstaltern, die fortschreitende Kommerzialisierung des Sports zu kaschieren. Diese findet unweigerlich statt. Die Preisgelder steigen stetig: waren es 2010 noch 200.000 Pfund für den WM-Sieg, sind es 2021, trotz Einnahmerückgängen aufgrund der Corona- Pandemie, 500.000 Pfund. Insgesamt werden mittlerweile 2,5 Millionen Pfund an Preisgeld ausgeschüttet. 2007 waren es noch 500.000 Pfund.

Die PDC zieht nach und nach große Sponsoring-Deals an Land und inzwischen gibt es sogar eine eigene »PDC-Europe«, die Turniere außerhalb des Vereinigten Königreichs veranstaltet. Auch am europäischen Festland erfreut sich das professionelle Darts großer Beliebtheit. Veranstaltungen in den Niederlanden, Deutschland und Österreich zeigen, dass der Markt in Mitteleuropa nicht zu unterschätzen ist. Das ist vor allem dem deutschen TV-Sender Sport1, ehemals DSF, zu verdanken, der die Darts-WM seit 2004 überträgt und mit der steigenden Beliebtheit auch andere Live-Events mit ins Programm genommen hat. Das Finale der heurigen WM verfolgten 1,55 Millionen Zuschauer auf Sport1 – mit einem Gesamt- Marktanteil von 4,9 Prozent. Indes hat auch DAZN die Übertragungsrechte für die Turniere der PDC vom britischen Rechtehalter Sky Sports erworben und mit Elmar Paulke die jahrelange »Darts-Stimme« von Sport1 abwerben können. Die Anzahl der Zuschauer vor den Streaming-Endgeräten dürfte demnach ebenfalls beachtlich sein. Konkrete Zahlen gibt es dazu aber nicht.

Das freut nicht nur die Fernsehanstalten und Streaming-Anbieter, sondern auch die Industrie hinter dem Sport. Produzenten von Darts-Scheiben und Pfeilen – egal ob Steeloder E-Darts – profitieren vom anwachsenden Interesse in Form von steigenden Absätzen.

»THE GENTLE« Mensur Suljovic ist Österreichs Aushängeschild im internationalen Darts. | © dpa

 

Darts in Österreich

Ganz entscheidend für den Darts-Boom in Österreich ist der im ehemaligen Jugoslawien geborene Österreicher Mensur »The Gentle« Suljovic. Er startete seine professionelle Karriere 1999 bei der British Darts Organisation (BDO), die heute nicht mehr existiert und wechselte 2007 zur PDC. Zehn Jahre später konnte »The Gentle« in Cardiff bei der »Champions League of Darts« seinen ersten Titel bei einem großen TV-Event einstreichen. Bei der WM 2018 konnte er zum dritten Mal in das Achtelfinale einziehen. Diese Ergebnisse sicherten ihm 2018 einen Wildcard- Platz in der »Premier League Darts«. Diese wird im Liga- Format mit anschließendem Playoff ausgetragen. Dabei spielen die vier Anführer der PDC »Order of Merit« und sechs Wildcard-Spieler, die aufgrund ihrer Leistungen ernannt werden. In der Premier League Darts werden insgesamt 855.000 Pfund an die Spieler ausgeschüttet.

In seinem Debütjahr konnte Suljovic die Playoffs nicht erreichen, bei seiner Rückkehr im folgenden Jahr wurde er Sechster. Seitdem läuft es für ihn bescheiden, einzig den »Austrian-Darts-Open-Titel« konnte er sich sichern. Ende 2019 geriet er abermals in die internationalen Schlagzeilen, als er bei der Weltmeisterschaft den Weg für Fallon Sherrock, als bislang einzige Frau, in die dritte Runde ebnete.

Professionelles Darts ist im Zuge der Kommerzialisierung der letzten Jahre ein äußerst attraktiver Mediensport geworden. Die wilden Live-Events gepaart mit bodenständigen und nahbaren Profis ergeben eine einzigartige Mischung. Eine Mischung, die dem Profisport à la Fußball und Co. eine willkommene Abwechslung bietet. #

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Eingangsfoto: APA

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