Egal ob Sänger, Schauspieler oder international anerkannte Sportler und Athleten: Für ihre Fans haben sie alle eine Vorbildfunktion. Berühmte Personen haben dabei zwei Persönlichkeiten: die öffentliche und die private. Privat können sie – wie jeder andere auch – tun und lassen, was sie wollen. Die öffentliche Persönlichkeit aber bringt Verantwortung mit sich – gerade in Krisenzeiten. Ein Gastkommentar von Autor Andreas Klement.

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In den letzten Wochen haben sich einige Sportler nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Mitte April zeigte beispielsweise der frühere Nationaltorhüter Jens Lehmann in der Fernsehsendung „Doppelpass“ Unverständnis für die Schließung von Stadien und erweckte den Eindruck, dass es möglich sein müsse, die Stadien stattdessen mit weniger Zuschauern zu bespielen. Immerhin könne man auch im Baumarkt die Menschen nicht wirklich voneinander trennen. Die Corona-Maßnahmen nannte er einen extremen Eingriff in die Freiheitsrechte. Dass Fußballspieler sich zu politischen Ereignissen äußern, ist vielleicht ungewöhnlich, an sich aber nicht problematisch – auch wenn die von Lehmann getroffenen Aussagen den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Verbreitung des Virus widersprechen. Nicht umsonst, wurden Großveranstaltungen in Deutschland abgesagt. In Großbritannien war man da nicht ganz so schnell: Das Pferderennen in Cheltenham, das trotz Corona stattfand, hat man inzwischen als einen Hauptverbreitungsherd des Virus ausgemacht.

Einige Sportler haben sich derweil in der Coronakrise durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien hervorgetan: Taylan Duman, Mittelfeldspieler beim Regionalligisten Borussia Dortmund II, ließ zum Beispiel auf Instagram verlauten, Italien habe sich die Infektionsfälle zum Großteil selbst ausgedacht, um so EU-Gelder abzugreifen. Kurze Zeit später löschte Duman das Video wieder.

Taylan Duman ließ zum auf Instagram verlauten, Italien habe sich die Infektionsfälle zum Großteil selbst ausgedacht, um so EU-Gelder abzugreifen. | © instagram.com/taylan

Ohnehin scheint Instagram ein Herd von Verschwörungstheorien unter Sportlern zu sein.

So klagte die auf Weitsprung spezialisierte Leichtathletin Alexandra Wester im April in einem Video, dass die Corona-Maßnahmen Menschen ihrer Freiheit beraubten. „I’m always going to speak up“, sagt sie auf Englisch und spricht dann von einem vermeintlich bevorstehenden Impfzwang für die Bevölkerung und davon, dass Ärzte, welche die Menschenrechte verteidigten, in Gefängnispsychiatrien eingesperrt würden. Beweise liefert sie dafür keine, statt dessen Namedropping: ganz am Anfang der Botschaft erwähnt Wester den französischen Massenpsychologen Gustav Le Bon und verleiht der Nachricht damit einen pseudowissenschaftlichen Anstrich. Dass die Botschaft aber zumindest einen Teil ihrer Fans anspricht, das zeigen die Kommentare unter dem Video. Und genau darin liegt ein Problem, wenn Personen mit Vorbildfunktion derartige Theorien teilen: sie verbreiten sie in Bevölkerungsgruppen, die sich sonst von Verschwörungstheorien vielleicht nicht angesprochen fühlen. Fans eifern ihren Idolen nach – bis sie zum Beispiel durch aberwitzige Verschwörungstheorien ihre Glaubwürdigkeit verspielt haben und damit ihre Vorbildfunktion verlieren.

Das Video ist nicht das erste Mal, dass Wester sich zu Verschwörungstheorien äußert: An anderer Stelle erwähnte die Sportlerin die vermeintliche Horrordroge „Adrenochrom“. Das biologische Nebenprodukt von Adrenalin, so die wilde Verschwörungstheorie, werde unterirdisch gefangen gehaltenen Kindern abgezapft, um eine geheime Elite stärker und besser zu machen, als den Rest der Welt. Wem das bekannt vorkommt, der hat wahrscheinlich das Video von Xavier Naidoo gesehen, in dem er im weinend von angeblich in unterirdischen Höhlen gefangenen Kindern berichtet… Der Sänger ist neben Vegan-Koch Attila Hildmann derzeit einer der prominentesten deutschen Verschwörungstheoretiker. Beide protestieren gegen die angeblich repressiven Corona-Maßnahmen, sei es eine Ausgangssperre, Maskenpflicht oder die vermeintlich bevorstehende Zwangsimpfung der gesamten Bevölkerung. Dahinter stecke wiederum eine geheime internationale Elite unter Führung von Bill Gates, so die Theorie. Oft genug vermischen sich hier wilde Verschwörungstheorien mit rechtem Gedankengut: So bedient die Adrenochrom-Theorie antisemitische Stereotype und Vorurteile. Schon im Mittelalter hatte man Juden vermeintliche Kindermorde vorgeworfen und die Anhänger völkischer und nationalsozialistischer Ideen im frühen 20. Jahrhundert glaubten alles Übel in einer geheimen und international agierenden, jüdischen Elite auszumachen.

Weitsprung-Leichtathletin Alexandra Wester beklagte im April in einem Video, dass die Corona-Maßnahmen Menschen ihrer Freiheit beraubten. | © instagram.com/alexavalerie

Zurück zum Sport: Mit diesem Wissen im Hinterkopf, sind Äußerungen wie die von Alexandra Wester, doppelt problematisch, denn so verbreiten sich nicht nur Verschwörungstheorien, sondern auch rechtes Gedankengut gelangt – beabsichtigt oder nicht – in den Mainstream-Diskurs.

Entsprechend hat sich der deutsche Leichtathletik-Verband von den Aussagen der Sportlerin distanziert. Sie ist allerdings nicht die einzige deutsche Sportlerin, die derartige Thesen im Netz verbreitet. Ihr Freund Joshiko Saibou, Basketball-Nationalspieler und Spieler der Telekom Baskets Bonn, hatte sich auf Instagram ebenfalls kritisch zu den Corona-Beschränkungen geäußert: „Du bist mitverantwortlich. Du, der seit Kindheit gelernt hat, Autoritäten haben das letzte Wort. Du, der gelernt hat, Du gibst das wieder, was Fernsehen, Zeitungen und die Politik dir sagen. Und Du, der gelernt hat, wehe Du hinterfragst, selbst, wenn Du Deine Menschenrechte verlierst, selbst wenn Zahlen und Aussagen widersprüchlich sind, hinterfrage nichts. Selbst, wenn Menschen niedergeschlagen und verhaftet werden: Das ist zum Wohl aller. Also Blatt vorn Mund.“ Das Blatt ist ganz klar der Mundschutz, den sich der Sportler am Ende des Videos überzieht. Wie andere Verschwörungstheoretiker auch, spielt der Sportler auf eine vermeintliche Meinungsdiktatur an, die Andersdenkenden den Mund verbiete. Doch Meinungsfreiheit in der Demokratie heißt, dass man zwar alles sagen darf, aber nicht, dass man dies bei kontroversen Aussagen auch kritiklos tun kann. Zwar gab es vielerlei Kritik an dem Video, persönliche Folgen hatte es aber keine: Weder sein Verein, noch die Nationalmannschaft haben Saibou dafür gefeuert. Beide distanzierten sich aber von den Aussagen. Es sei Saibous private Meinung und nicht die des Verbandes, sagte Ingo Weiss, der Präsident des Deutschen Basketball-Bundes.

Grundsätzlich können Sportler im Privatleben tun, lassen und denken, was sie wollen. Das geht keinen etwas an. Doch verschwimmt auf Social Media-Profilen der Privatmensch mit der öffentlichen Rolle. Und letzteres bringt Verantwortung mit sich. Denn für viele Deutsche sind Sportler wichtige Vorbilder. Das gilt für Erwachsene, genauso wie für Kinder.

Basketball-Nationalspieler Joshiko Saibou hatte sich auf Instagram ebenfalls kritisch zu den Corona-Beschränkungen geäußert: »Du, der gelernt hat, Du gibst das wieder, was Fernsehen, Zeitungen und die Politik dir sagen.« | © instagram.com/joshisaibou

85,6 Prozent der Deutschen sehen in Athleten ein Vorbild in Sachen Leistungswillen.

82,9 Prozent stimmten der Aussage zu, Athleten vermittelten ein Gemeinschaftsgefühl. Sie hätten zudem eine Vorbildfunktion hinsichtlich Leistungsfähigkeit (80,7 Prozent) und Fairness (79,1 Prozent). Das hat eine Studie der Deutschen Sporthilfe und der Deutschen Sporthochschule in Köln ergeben, die die Akzeptanz des Spitzensports in Deutschland untersucht hat. Immerhin 81,3 Prozent der Deutschen vertrauen der Studie nach deutschen Athleten. Und das macht es so entscheidend, welches Bild Sportler nach Außen präsentieren. Für einen Großteil der deutschen Bevölkerung sind sie Vorbilder – und das eben nicht nur in Bezug auf ihre sportliche Leistung. Rund 60 Prozent der Deutschen interessieren sich für den einen oder anderen Spitzensport und haben dabei für die Athleten eine hohe Wertschätzung: 81,3 Prozent vertrauen demnach darauf, „dass deutsche Athleten moralisch integer handeln und die Einhaltung von Regeln sowie Fairplay und Unbestechlichkeit beachten. Bei internationalen Athleten liegt dieser Zustimmungswert lediglich bei 39,3 Prozent.“

SPITZENSPORTLER SIND VORBILDER FÜR 85 PROZENT DER DEUTSCHEN: ZUR VOLLSTÄNDIGEN STUDIE

Trotz der hohen Zustimmungswerte hat die Studie aber auch gezeigt: Negatives Verhalten sportlicher Vorbilder wirkt sich entsprechend negativ auf die öffentliche Wahrnehmung des Spitzensports aus. Man denke hier zum Beispiel an die Doping-Skandale der Tour de France und ehemalige Radsporthelden, wie Lance Armstrong, die aufgrund der Doping-Vorwürfe die unbestrittene Vorbildfunktion verloren haben. So ist laut einem Vergleich mit einer Studie von 2011 die Vorbildfunktion von Athleten in Deutschland leicht gesunken, besonders der Aspekt Fairness: Dort fiel die Zustimmung von 87,2 Prozent auf 79,1 Prozent.

»Wir konnten erstmals eine Kausalkette nachweisen, dass die Akzeptanz des Spitzensports in der deutschen Bevölkerung maßgeblich vom Vertrauen in die Integrität der Athleten, der Verbände und insbesondere der Funktionäre abhängt«,

sagte Professor Christoph Breuer, der Chef des Instituts für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule in einer entsprechenden Pressemitteilung.

Auch wenn die Studie sich selbstverständlich nicht mit Verschwörungstheorien unter Spitzensportlern beschäftigt hat, so zeigt sie, dass das Ansehen von Sportlern stark von ihrem Verhalten abhängt. Das unfaire Verhalten einiger kann – wie die Dopingskandale gezeigt haben – auf eine ganze Sportart abfärben.

85,6 Prozent der Deutschen sehen in Athleten ein Vorbild in Sachen Leistungswillen. | © pixabay

In der Öffentlichkeit zu stehen, bringt Sportlern viele Vorteile.

Neben Erfolg und Ruhm, zum Beispiel Sponsorenverträge. Sie können zu Sprachrohren für Minderheiten werden, oder sich erfolgreich für eine gute Sache einsetzen. Mit hohen Follower-Zahlen auf Instagram oder Twitter haben sie eine hohe Reichweite und gelten entsprechend als Influencer, also Meinungsführer und Multiplikatoren in Sozialen Netzwerken.

Kritik an Sportlern wie Alexandra Wester kommt nicht nur von Seiten der Verbände oder Medien. So sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Bundestag-Sportausschusses, gegenüber dem Stern, dass Menschen, denen eine besondere Vorbildfunktion zugeschrieben werde, sich ihrer Verantwortung bewusst sein müssten. Dass Verschwörungstheorien auch bei Spitzensportlern auf fruchtbaren Boden fielen, betrachte sie mit Sorge – gerade wegen ihrer Rolle als Influencer und der damit verbundenen großen Reichweite.

Fazit ist also: Wer den Luxus genießt, von der Öffentlichkeit zu profitieren, der sollte sich dieser Vorbildfunktion bewusst sein – auch wenn das immer ein Spagat zwischen Privatleben und Sport ist.


© Andreas Klement

Andreas Klement

ist Autor, Speaker, Moderator und Athleten-Coach. Andreas Klement analysiert die Erfolgsmechanismen aus dem Sport, die zu herausragenden Leistungen und Erfolg führen.

Das Thema Leadership und Verbindung mit Spitzensport inspirierte Andreas Klement schon während seiner ganzen beruflichen Laufbahn. Andreas Klement hat sich auf die Suche begeben und die besonderen Erfolgsfaktoren entdeckt: Strategien der Champions. Er unterstützt Unternehmen bei ihrer Strategieentwicklung in Verbindung mit passenden Personalentwicklungskonzepten.

Er setzt dabei ganz auf Mitarbeiterorientierung: Je höher der Standardisierungsgrad in der Firma, desto individueller sollte man mit seinen Mitarbeitern umgehen. Deshalb bringt Andreas Klement zwei Dinge zusammen, die auf den ersten Blick gar nicht so viel gemeinsam haben: Leadership und Sport.

Der Backhaus Verlag und das Magazin „Erfolg“ haben ihn zum Top-Experten der DACH-Region ausgezeichnet. Er gehört zudem zu den TOP18 Referenten Südtirols. Und das englisch- und deutschsprachige Magazin Discover zählt ihn zu „Germany’s Best Leadership und Business Trainers“.



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Von Andreas Klement