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Foto: ph.FAB | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin (03-2021) erschienen.

SCHIEDSRICHTER Das Schiedsrichterwesen hat sich die letzten zwei Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Den Männern und Frauen mit Pfeife stehen mittlerweile eine Reihe technischer Hilfsmittel zur Verfügung. Der Fußball soll damit fairer werden und gravierende Fehlentscheidungen sollen der Vergangenheit angehören.
Der Fußball hat lange Zeit gebraucht, um sich der technischen Hilfe mittels Fernsehbilder zu bedienen. In der amerikanischen Eishockeyliga NHL gibt es seit 1991 den Videobeweis, die American-Football-Liga NFL bedient sich seit 1999 dieser technischen Hilfe und auch im Tennis gibt es schon seit über einem Jahrzehnt das Hawk-Eye, das strittige Millimeterentscheidungen der Vergangenheit angehören lässt.
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Österreich zieht Topligen nach

In der beliebtesten Sportart der Welt beschloss man erst im Jahr 2018 nach mehreren Testläufen in unterschiedlichen Ländern die Implementierung des VAR im Regelwerk des IFAB (International Football Association Board). Sowohl in den europäischen Klubbewerben – Champions League und Europa League – als auch in den Topligen von der englischen Premier League bis zur deutschen Bundesliga ist der VAR seit einigen Saisonen im Einsatz.

Ab der Saison 2021/22 ist der VAR auch Teil der österreichischen Bundesliga. Das Schiedsrichterwesen steht der Einführung sehr positiv gegenüber: jede Hilfe ist willkommen, um den Job zu erleichtern und das Spiel fairer zu gestalten. Österreich ist die letzte der Top-10-Ligen in der UEFA-Fünfjahreswertung, in der der VAR eingeführt wird. Für die Einführungskosten von rund einer Million Euro kam der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) auf. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 1,5 Millionen Euro und werden den Bundesligavereinen von den TVAusschüttungen abgezogen.

 

Die Einführung des VAR in Österreich kostete eine Million Euro. Die jährlichen Kosten belaufen sich auf 1,5 Millionen Euro.

 

Gesponsert wird der VAR in Österreich vom Online-Vergleichsportal – mit dem auch für den Videobeweis passenden Namen – »Durchblicker«. Neben der Integration ins Logo kommt es etwa auch zum Branding der VAR-Zentrale in Wien-Meidling.

Das System wurde vor der Saison in allen Bundesligastadien getestet. Mindestens fünf Kameras werden pro Stadion benötigt, um dem VAR und seinem Assistenten (AVAR) passende Bilder in die Zentrale schicken zu können. In ständigem Kontakt mit dem Hauptschiedsrichter am Feld werden vier Situationen geprüft: Tore, Elfmetersituationen, Platzverweise und Identitätsfeststellungen, damit der Schiedsrichter nicht einen falschen Spieler ermahnt oder ausschließt. Dafür steht der Schiedsrichter im ständigen Austausch mit dem VAR, damit dieser die Wahrnehmung am Feld mit den TV-Bildern vergleichen kann, wie Bundesliga-Schiedsrichter Manuel Schüttengruber auf Anfrage des Sport Business Magazin erklärt. Die Letztentscheidung bleibt aber beim Hauptschiedsrichter am Platz, der sich strittige Situationen nochmal via Bildschirm am Spielfeldrand ansehen kann. Dies macht er in den meisten Fällen auf Zuruf des VAR, aber auch wenn plötzliche Reklamationen von Spielern kommen, greifen Schiedsrichter zu diesem Hilfsmittel.

Der VAR ist die größte Einführung von technischen Hilfsmitteln im Fußball seit Mitte der 2000er-Jahre, als das Schiedsrichterteam mit Headsets ausgestattet wurde. »Es wird alles kommuniziert, was ich sehe«, so Schüttengruber. Über das Headset ist der Schiedsrichter in dauerhaften Kontakt mit seinen beiden Assistenten an den Outlinien, was vor allem in lauten Stadien hilfreich ist. Am Gespräch beteiligen kann sich auch der vierte Offizielle, der sich im Bereich der Trainerbänke auf Höhe der Mittellinie positioniert und mittels Kontaktknopf optional am Gespräch teilnehmen kann. »Er soll immer dort helfen, wo der Schiedsrichter nicht hinsieht. Der vierte Schiedsrichter schaut also immer vom Ball weg, denn auf den Ball und rundherum blickt ohnehin der Hauptschiedsrichter «, erklärt Schüttengruber. Eine große Hilfe ist das Headset auch beim Erkennen von Abseitspositionen. »Da gebe ich dem Kollegen den Zeitpunkt der Ballabgabe durch und er konzentriert sich auf seine Abseitslinie. Für die Spieler war die ständige Kommunikation zu Beginn ungewohnt «, erzählt der 38-Jährige.

VAR, Torlinientechnik und Co: Die technischen Hilfsmittel der Schiedsrichter

SPIELENTSCHEIDEND Tore, Elfmetersituationen, Platzverweise und Identitätsfeststellungen werden vom VAR geprüft, damit der Schiedsrichter nicht einen falschen Spieler ermahnt oder ausschließt. | © Vladimir Koshkarov

Torlinientechnologie in Österreich kein Thema

In einigen europäischen Liegen wie der englischen Premier League kommt seit 2013/14 die Torlinientechnologie Hawk-Eye zum Einsatz. Dabei wird mittels Kameras exakt bestimmt, ob der Ball mit vollem Umfang die Torlinie überquert hat oder nicht. Ob der Ball hinter der Linie ist, bekommt der Schiedsrichter binnen Sekunden über seine Schiedsrichteruhr angezeigt. Szenen wie das legendäre Wembley-Tor bei der Weltmeisterschaft 1966, das England zum bislang einzigen großen Titel verhalf, gehören damit der Vergangenheit an. Laut Robert Sedlacek, dem Vorsitzenden der ÖFB-Schiedsrichter- Kommission, war die Torlinientechnologie in Österreich allerdings nie im Gespräch, zumal sie auch kein Teil des VAR ist.

Ein mittlerweile gewohntes Hilfsmittel für die Männer und Frauen mit Pfeife ist die Schiedsrichteruhr. Auf dieser erreichen sie Signale von den Assistenten an den Outlinien, die mittels Knopfdruck auf ihren Fahnen Fouls oder Abseitsstellungen anzeigen können. Dadurch muss der Hauptschiedsrichter nicht mehr nur auf das optische Signal durch das Heben der Fahnen achten und reagieren, sondern bekommt über die Uhr auch ein akustisches Signal oder eine Vibration als Hinweis, dass der Assistent eingreift.

Im Jahr 2013 sorgte die Einführung eines kleineren technischen Hilfsmittels für Belustigung vieler Zuschauer: der Freistoßspray. Seitdem tragen die Schiedsrichter bei Freistößen, wo eine Mauer aufgestellt wird, eine weiße Markierung am Spielfeld auf. Der aufgesprühte Spray verschwindet innerhalb kürzester Zeit wieder. Das früher oft gesehene Vorschreiten der Mauer unter den vorgeschriebenen Abstand von 9,15 Metern wird somit verhindert. Ein einfaches, aber effektives Hilfsmittel. #

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