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Foto: 2021 FC Red Bull Salzburg | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin (03-2021) erschienen.

GASTBEITRAG Antrainierte mentale Fertigkeiten können in herausfordernden Situationen über Sieg oder Niederlage entscheiden. Aber warum werden selbst bei Bundesligaklubs diese Erkenntnisse noch immer vernachlässigt? Ein Gastbeitrag von Mentalcoach Wolfgang Seidl.

Stellen Sie sich vor, in einem Bundesligaspiel dominiert die Heimmannschaft das Geschehen und spielt Chance um Chance heraus. Das Einzige was fehlt, sind die Tore. Durch ein Kontertor gehen die Gäste in der zweiten Hälfte in Führung. Einige Minuten später – es läuft die 70. Minute – fällt durch ein offensichtliches Abseitstor das 0:2 für die gegnerische Mannschaft.

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Wie würde üblicherweise die Reaktion des Heimteams in der Praxis aussehen?

In diesen Momenten dominiert bei vielen Spielern die Wut über das ungerechte Ergebnis und der Zweifel an den noch möglichen Erfolg. Die Emotionen der Spieler gehen hoch. Die Körpersprache der Heimmannschaft spiegelt die inneren Gefühle wider. Ihre Selbstgespräche sind vorwiegend negativ. Sie sind in der »Opferrolle« gefangen. Ihre Konzentration ist geschwächt, sodass die Gefahr besteht, noch einen weiteren Gegentreffer zu bekommen. Ihre fehlende Entschlossenheit führt zu Passivität und schlussendlich zu Resignation. Die Folge, das Heimteam kann den Rückstand nicht mehr aufholen und verliert.

Sehen wir uns im Vergleich dazu ein Team an, das Spieler in ihren Reihen hat, die ihre mentalen Fertigkeiten präventiv und nachhaltig trainieren. Wie würde dieses Team in dieser herausfordernden und schwierigen Situation agieren?

Die meisten Teammitglieder schaffen es, ihre Emotionen unter Kontrolle zu halten, ihre inneren Zweifel beiseitezuschieben und sich mithilfe positiver Selbstgespräche zu puschen. Die Spieler verstärken ihre Kommunikation, um sich gegenseitig aufzubauen und zu motivieren. Sie übernehmen bei Ballbesitz Verantwortung und sind aktiv. Ihre Körpersprache strahlt Stärke und Zuversicht aus. Sie agieren noch entschlossener als zuvor, was sich positiv auf das Zweikampfverhalten und die Laufleistung auswirkt. Jeder Spieler ist vollkommen fokussiert und bereit, Fehler des Gegners für sich auszunutzen.

Wichtige Bemerkung: Jede Handlung im Match wird von einem mentalen Prozess begleitet. Es liegt an jedem einzelnen Akteur, ob er diesen Handlungsprozess bewusst beeinflusst oder den Verlauf dem Zufall überlässt.

Am Ende ist es nebensächlich, wie das Spiel ausgeht, ob es noch zu einem Unentschieden oder einem Sieg reicht. Entscheidend ist, wie das Team trotz Rückstand agierte und mit welchem Einsatz sie ihre Fans begeisterte. Das Team, wird auch im Falle einer Niederlage, mit Selbstvertrauen ins nächste Match gehen.

Warum sehen wir in der Realität solche kollektiv mental starken Mannschaften so selten?

Weil bei elf Spielern am Platz nur einige wenige sich diese mentalen Fertigkeiten erarbeitet haben und in diesen entscheidenden Situationen umsetzen können. Nach wie vor wird die mentale Ausbildung, vom Nachwuchs aufwärts, vernachlässigt. Mentale Stärke ist nicht angeboren, sondern gehört wie Technik, Taktik und Fitness gezielt trainiert.

 

»Viel wichtiger ist es, unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen und präzise zu agieren.«

Ralf Rangnick | Fußballfunktionär

 

Technische vs. Mentale Faktoren

Im Fußball liegt der Hauptfokus noch immer auf den technischen Faktoren. Der mentale Bereich wird von einem Großteil der Vereine nicht berücksichtigt. Dr. Ceri Evans, ein angesehener Psychologe, der neben den New Zealand All Blacks (Neuseeländische Rugby Nationalmannschaft) auch mit Arsenal unter Arsène Wenger arbeitete, kennt zwei Hautgründe für diesen Umstand:

Erstens ist es für Vereine einfacher, sich mit Messbaren und Vertrauten auseinanderzusetzen. Außerdem lenkt der Fokus auf technische Faktoren von mentalen Themen ab, welche unkomfortabel sein können in Bezug auf Leadership, Teamwork oder emotionalen Reaktionen. Verantwortliche im Fußball tun sich noch immer schwer, psychische oder seelische Probleme zu thematisieren.

Zweitens ist es für Vereine leichter, Dinge, die sie nicht sehen und verstehen, als weniger relevant und zuverlässig abzutun. Dr. Evans hält es für einen schwerwiegenden Fehler, daraus zu schließen, dass die mentale Welt weniger wertvoll ist, nur weil sie schwer fassbar ist.

Auch Fußballfunktionär Ralf Rangnick sieht das größte Verbesserungspotenzial im Kopf. Im athletischen Bereich gehe es lediglich mehr um marginale Fortschritte. Viel wichtiger sei es, »unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen und präzise zu agieren«.

Der Fußball hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Nicht nur, dass das Spiel schneller und kraftbetonter wurde, auch der Druck auf die Akteure nahm zu. Um diese neuen Herausforderungen zu meistern, sind mentale Fertigkeiten gefordert, die ebenso trainiert gehören wie ein Muskel. Mich als Mentalcoach stimmt positiv, dass die junge Generation von Trainer und Funktionäre diese Wichtigkeit erkannt haben, und sich für die mentale Betreuung Experten ins Betreuerteam holen. #

Wolfgang Seidl

Wolfgang Seidl

Mentalcoach

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN-Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.

www.mana4you.at

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