Sport hat seit Jahrtausenden eine besondere Anziehungskraft auf die Menschen. Das Betrachten sportlicher Höchstleistungen und dramatischer Wettbewerbe ist eine der beliebtesten Freizeitaktivitäten rund um den Globus. Besonders die amerikanischen Profiligen sowie die europäischen Ligen im Fußball sind Zuschauermagnete. Die weltweit wertvollsten Teams kommen alle aus den USA und das hat einen bemerkenswerten Grund: die vermeintliche Chancengleichheit.

Der Profifußball in Europa ist wirtschaftlich weiter auf Erfolgskurs. Kommerz, Inszenierung und Investoren sind inzwischen fester Bestandteil der einst so „bodenständigen“ Sportart. Damit hat sich der Fußball „amerikanisiert“. Die große Herausforderung im europäischen Fußball ist es aktuell, die Spannung in den nationalen Ligen aufrecht zu erhalten. Mehrere Ligen – wie die österreichische und deutsche Bundesliga, die spanische LaLiga oder auch die französische Ligue 1 – werden von ein oder zwei Teams dominiert, sodass es nur noch einen sehr eingeschränkten sportlichen Wettbewerb um den Meistertitel gibt.

Die Nachfrage nach Sport hängt von der Unvorhersagbarkeit des Siegers ab. | © pixabay

Ein Grund, warum die amerikanischen Major Leagues so viel Geld über das Fernsehen, Ticketing und Merchandising einnehmen, ist die große sportliche Ausgeglichenheit. Das Beispiel NFL unterstreicht das: Seitdem der Meister der Football-Liga im Super Bowl ermittelt wird, haben es lediglich vier von 32 Franchises nicht geschafft, das Endspiel mindestens einmal zu erreichen. Rekordsieger sind die Pittsburgh Steelers und die New England Patriots mit gerade einmal sechs Erfolgen. Zum Vergleich: Der FC Bayern München hat in den letzten 50 Jahren 28 Meisterschaften eingefahren.

In Deutschland sind über 20 Millionen Menschen besonders interessiert an Sport und 27 Millionen folgen mit mäßigem Interesse den verschiedensten Sportarten. Zusammen entspricht dies mehr als die Hälfte der Einwohnerzahl Deutschlands. In den USA ist diese Quote mit 73 Prozent noch höher. Bei mehreren Studien wurde belegt, dass der Sport reizvoller bleibt, je größer die Unsicherheit über das Ergebnis ist. Die Nachfrage nach Sport hängt somit entscheidend von der Unvorhersagbarkeit des Siegers ab. Diese Unsicherheit über das Ergebnis steigt, je ausgeglichener die teilnehmenden Teams sind. Die Ausgeglichenheit einer Liga wird durch den Level der Wettbewerbsbalance innerhalb einer Liga bestimmt. Die Wettbewerbsbalance bezieht sich auf die rationale Erwartung von Fans über den Sieger des Sportereignisses. Ohne zumindest einen geringen Grad an Wettbewerbsbalance würden Fans das Interesse an diesem Sport verlieren.

In den amerikanischen Profiligen sind diverse Regeln etabliert, mit denen die Spannung im Titelkampf hoch gehalten werden soll. Tatsächlich ist der Titelkampf in den US-Ligen – gemessen an der Zahl unterschiedlicher Meister – in den vergangenen 25 Jahren wesentlich offener gewesen als im europäischen Fußball. Das liegt unter anderem daran, dass in den USA im Anschluss an die reguläre Meisterschaftssaison Playoffs gespielt werden. Hier werden die Karten noch einmal neu gemischt. Playoffs oder ein Endspiel um die nationale Meisterschaft wären auch für den Fußball in Europa mittel- bis langfristig vorstellbar. Eine solche Neuerung wäre sportlich und wirtschaftlich gleichermaßen reizvoll und zudem leicht umzusetzen.

Drei amerikanische Instrumente für die Chancengleichheit: „The whole is greater than its parts“

In Amerika stehen die einzelnen Klubs wie in Europa im sportlichen und wirtschaftlichen Wettkampf. Sie wissen jedoch, dass sie langfristig Rückschritte machen, wenn die Ausgeglichenheit der Liga sinkt. Schon seit den Anfangsjahren wird die Denkweise im amerikanischen Sport mit den Worten „The whole is greater than its parts“ beschrieben. Mit dieser Argumentation haben sich die Ligen auf eine Reihe von Regeln geeinigt, die für eine Chancengleichheit sorgen sollen.

Paradoxerweise nutzen die Major Leagues sozialistische Ansätze für ihr kapitalistisches Streben:

»Eine Meisterschaft ist nur dann interessant, wenn der Ausgang des Spiels nicht bekannt ist. Zur Erreichung dieses Zieles ist es erforderlich, die verfügbaren Ressourcen gleichmäßig über alle Teams zu verteilen. Die effizienteste Methode ist, den Spielermarkt zu beschränken und somit die Position von kapitalstarken Klubs zu mindern oder das Einkommen gleichmäßig über alle Klubs zu verteilen.«

»Eine Meisterschaft ist nur dann interessant, wenn der Ausgang des Spiels nicht bekannt ist« | © pixabay

Was im US-Teamsport bewährt ist, lässt sich aber nicht durchgängig auf den europäischen Fußball übertragen. Denn damit alle Franchises in den amerikanischen Profiligen wirtschaftlich erfolgreich sein können, sollten alle Klubs die Chance haben, einen Titel zu gewinnen. Um diese sportliche Chancengleichheit herzustellen und zu verhindern, dass sich die potentesten Klubs in den großen Märkten wie New York oder Los Angeles die besten Spieler zusammenkaufen, haben alle Ligen im Laufe der Jahrzehnte drei Instrumente in verschiedenen Formen eingeführt:

1. Das Revenue Sharing

Gewisse Einnahmen werden unter allen Klubs aufgeteilt. So werden Fernsehgelder und die Einnahmen aus dem Ticketverkauf gleichmäßig zugewiesen.

2. Der Salary Cap

Die Gehaltsobergrenze legt fest, wie viel Geld ein Team an Spielergehältern zahlen darf. Es gibt harte Caps wie in der NFL, und gar kein Cap wie im Baseball, bei dem stattdessen nur die allerreichsten Klubs, deren Einnahmen eine gewisse Grenze überschreiten, eine sogenannte Luxussteuer zahlen müssen.

3. Der alljährliche Draft

Hier werden die besten Nachwuchsspieler so verteilt, dass die schlechten Teams besser und die guten eher schlechter werden. Auch hier gibt es viele Wege in den unterschiedlichsten Ligen und selbst der Draft ist kein Königsweg zum Erfolg.

Ob diese Methoden tatsächlich zu mehr Chancengleichheit führen, wurde schon öfters untersucht. Die meisten Studien stellen keine messbaren Effekte fest. Manche kommen gar zu dem Schluss, dass sie eher zu mehr Ungleichheit führen. Denn die Gewinnverteilung oder die Luxussteuer können Besitzer von Klubs in kleinen Märkten dazu veranlassen, lieber auf eine schlagkräftige Mannschaft zu verzichten und geringere Ticketumsätze in Kauf zu nehmen, um dank geteilter Fernsehgelder und Ausgleichszahlungen erfolgreicherer Klubs doch noch satte Gewinne einzustreichen. Professionelle Sport-Franchise-Unternehmen in Amerika haben sich zu Gelddruckmaschinen für die Eigentümer entwickelt. Gewinnbeteiligung und Gehaltsobergrenzen bedeuten, dass große Teile der Einnahmen des Teams direkt in die Taschen der Eigentümer fließen.

Ein Salary Cap ist in Europa nicht mit dem Arbeitsrecht der EU vereinbar. | © pixabay

Allerdings ist schon die Grundannahme des Modells, sportliche Ausgeglichenheit führe zu größerem Interesse an einer Liga, strittig. Als die Boston Celtics mit dem legendären Bill Russell in den 60er Jahren zehn Titel in Folge gewannen, stand die NBA kurz vor der Pleite. Als Michael Jordans Chicago Bulls in den 90er Jahren sechsmal Champions wurden, ging die NBA global durch die Decke.

Der Liga-Sport in den USA wird als ein Produkt gesehen, das gezielt für den Weiterverkauf an interessierte Abnehmer (Zuschauer, Fernsehstationen, Werbewirtschaft) produziert wird. Trotzdem werden die Major Leagues dadurch nicht zu einem reinen Showsport. Denn am einfachsten lässt sich wirtschaftlicher Erfolg immer noch mit sportlichem erreichen. Das Denken „Titel um jeden Preis“ ist in Amerika jedoch weniger verbreitet als in Europa. Damit stehen die amerikanischen Profiligen in großem Kontrast zur europäischen Charakteristik, „dass Manager anscheinend einen größeren Nutzenzufluss in erzielten Toren sehen als in Gewinnmaximierung“.

US-System in Europa kaum umsetzbar

In Europa ist das Draft-System ebenso wenig geeignet wie das geschlossene Ligasystem ohne Auf- und Abstiegsmöglichkeit. Das europäische System mit nationalen Ligen und den übergeordneten europäischen Klubwettbewerben (Champions und Europa League) ist ein elementarer Erfolgsfaktor. Die immer wieder diskutierte Idee einer geschlossenen Europaliga wird daher von vielen kritisiert. Nicht nur, dass damit gewachsene und bewährte Strukturen zerstört würden, vielmehr hat das europäische Modell den Vorteil, dass die Liga in allen Tabellenregionen spannend ist – denn abgesehen vom Meisterschaftstitel geht es für die Klubs dahinter um den Einzug in die europäischen Wettbewerbe und um den Klassenerhalt. Der nachvollziehbare Wunsch der Vereine, die wirtschaftliche Planungssicherheit zu erhöhen, wird nur in Grenzen in Erfüllung gehen können. Die Unwägbarkeit des sportlichen Wettbewerbs gehört zum Wesen des Fußballs.

Würde ein europäischer Top-Verein seine über Jahrzehnte erarbeitete wirtschaftliche und sportliche Wettbewerbsposition freiwillig aufgeben? | © Christian Bertrand

Dann gibt es noch eine rechtliche Komponente. Denn eine Einschränkung des Gehaltes in Form eines „Salary Cap“ wie in den USA ist nicht ohne weiteres mit rechtlichen Freiheiten im Wettbewerb und Arbeitsrecht der EU vereinbar, denn das US-Modell weist Eigenschaften eines Kartells auf und erschwert somit den Markteintritt. Ebenso fällt es schwer zu glauben, dass ein europäischer Top-Verein wie Bayern München seine über Jahrzehnte erarbeitete wirtschaftliche und sportliche Wettbewerbsposition freiwillig aufgeben würde.

Darüber hinaus stellt sich mit Hinblick auf die Gehaltsobergrenzen in einzelnen europäischen Ligen die Frage, wie sich dies auf die Wettbewerbsfähigkeit in Europa auswirken würde. Wenn die UEFA keine Gehaltsobergrenze vorschreibt, würde eine Liga, die sich dafür entscheidet, die Ausgaben ihrer Teams für Spieler zu begrenzen, sich der Fähigkeit berauben, mit den anderen zu konkurrieren. Die besten Spieler spielen zweifellos in den Ligen, in denen sie mehr Geld verdienen können. Dies bedeutet, dass die Qualität der weniger zahlenden Ligen deutlich abnehmen würde. Belege für diese Spielerflucht finden sich in jüngster Vergangenheit zur Genüge: Beispielsweise Spieler, die Europa nach China verlassen haben. Diese Profis „opfern“ das Niveau einer besseren Liga und damit verbunden die Chance auf eine Einberufung ins Nationalteam, nur weil ihnen eine Unsumme an Geld angeboten wird.

Außerdem sind und bleiben Vereine wie Real Madrid, der FC Bayern München oder der FC Barcelona aufgrund ihrer Geschichte attraktive Arbeitgeber für große Stars. Eine Gehaltsobergrenze ändert daran nichts. Die Marketing- und Sponsoringmöglichkeiten, die sie durch das Spielen für diese Klubs ergeben, bieten einen größeren Anreiz, sich ihnen anzuschließen.

Das Denken »Titel um jeden Preis« ist in Amerika weniger verbreitet als in Europa. | © UEFA

Das Bedürfnis nach „Super-Teams“

Letztendlich stellt sich die Frage, ob Ausgeglichenheit tatsächlich das beste anstrebbare Ziel für Sportligen ist. Aus der Erfahrung in vielen Sportarten verschiedener Niveaus und Organisationen ist zu erkennen, dass „Super-Teams“ den Sport interessanter machen. Wer sind die Vereine, an die man sich Jahrzehnte später erinnert und über die man spricht? Es sind diejenigen, die eine bestimmte Epoche dominieren. Die Mannschaften, die das Spiel auf ein neues Level bringen oder etwas Einzigartiges vollbringen.

Den Befürwortern von Ausgeglichenheit wird oftmals vorgeworfen, dass jede Form der Unterhaltung einen „Helden“ und einen „Schurken“ braucht. In Deutschland beispielsweise nimmt der FC Bayern München und in Österreich der FC Red Bull Salzburg beide Rollen ein, so wie es in jeder Sportliga weltweit der Fall ist. Sport ist schließlich Unterhaltung für die Zuschauer. Das Schlimmste, was man über jede Form von Unterhaltung sagen kann, ist, dass sie langweilig ist. Auch wenn der Kampf um den Ligatitel nicht das Drama liefert, das die Fans sich erhoffen, so sind Klubs wie der FC Bayern doch ein Verein, den niemand ignorieren kann. #

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