»Wir nützen unser Potential nicht aus«

Der Sport ist im digitalen Zeitalter angelangt. Big Data, Tracking-Technologien und Videoanalysen lösen Intuition und Bauchgefühl zusehends ab. So gewinnen Sporttechnologie und die entsprechend ausgebildeten Fachkräfte immer mehr an Bedeutung. Die Fachhochschule Technikum Wien (FHTW) ist weltweit führend in der Ausbildung dieser Fachkräfte.

Aus diesem Grund haben wir mit Fakultätsleiter Dr. Anton Sabo ein ausführliches Gespräch geführt: Warum Marcel Hirscher und Dominic Thiem so erfolgreich sind, wieso Thomas Muster ohne eines individuellen Tennisschlägers nie unter die Top 100 der Welt gekommen wäre, weshalb die Wissenschaft im Sport zu wenig anerkannt ist und was es mit der Schuhsole von Lionel Messi sowie einem Kreuzband aus Seide auf sich hat.

Was ist die FH Technikum Wien?

Die FH Technikum Wien ist Österreichs einzige rein technische Fachhochschule. Das Ausbildungsangebot umfasst zwölf Bachelor- und 19 Master-Studiengänge, die in Tagesform, Abendform oder als Fernstudium angeboten werden. Derzeit gibt es an der FH Technikum Wien 4.400 Studierende. Insgesamt hat die Hochschule bisher mehr als 13.000 Absolventinnen und Absolventen hervorgebracht – und das seit 1994.

Geben Sie uns einige Hintergründe zum Bereich Sportgerätetechnik. Wie wurde er an der FH Technikum Wien verankert?

Es gibt drei zentrale Bereiche in der Sporttechnologie, auf die der Erfolg im Spitzen- und Breitensport aufbaut: Erstens das Sportgerät, zweitens die sportliche Technik (wie spiele ich Tennis, wie fahre ich Ski) und drittens der sportliche Trainingszustand (Herzkreislauf, Muskelkraft, Laktat und so weiter). Aus unserer Sicht gibt es für diese drei Punkte kein Optimum, sondern einzig das individuelle Optimum.

An der FH Technikum sind wir für zwei Dinge zuständig: das Sportgerät und die sportliche Technik. Der weltweite Überbegriff dafür ist Sports Technology. Wir sind bis heute die Hochschule, die weltweit am meisten Absolventinnen und Absolventen in diesem Bereich herausgebracht hat: über 350 an der Zahl.

Was erwartet Studierende im Bachelor-Studiengang Human Factors and Sports Engineering?

Der Studiengang rund um die Entwicklung ergonomischer Produkte – von der Idee bis zum Endergebnis stehen hier Technik, Materialwissenschaft, Produktdesign und Ergonomie ganz im Zeichen des Menschen.

Das Studium beschäftigt sich mit der Konstruktion von ergonomischen Produkten mit modernen Materialien aber auch mit der Erfassung und biomechanischen Analyse menschlicher Bewegungen. Ziel ist es, Geräte auf effiziente Weise zu entwickeln und testen.

Geben Sie uns doch ein Beispiel aus der Praxis.

Uns ist es beispielsweise in der Fakultät Life Science Engineering gelungen, ein Kreuzband aus Seide zu entwickeln. Dieses Kreuzband ist jetzt gerade im Tierversuch und wird schätzungsweise in ein bis zwei Jahren das erste Mal bei einem Menschen zum Einsatz kommen.

In einem weiteren Projekt haben wir einen eigenen Laufschuh für das Laufband entwickelt oder individuelle ergonomische Schuhe und Stöcke fürs Nordic Walking.

Wie lange dauert eine solche Entwicklung?

Die reine Entwicklung nimmt Minimum vier bis fünf Jahre in Anspruch. Unter acht bis zehn Jahren können diese Projekte in der Regel aber nicht abgeschlossen werden. Bis zum Endergebnis braucht es Zeit.

Trotz dieser tollen Projekte sehen Sie in der Sporttechnologie in Österreich noch einen Nachholbedarf?

Die technische Wissenschaft ist im Sport zu wenig anerkannt. Es gibt für die Forschung der Sporttechnologie keinen einzigen Euro vom Staat. Bis heute ist es in Österreich nicht gelungen, ein Sporttechnologie-Innovationszentrum zu schaffen. Diese waren in der Vergangenheit bereits fertig geplant, aber aufgrund politischer Veränderungen wurden diese Pläne wieder verworfen.

Und dennoch sind Ihre Absolventinnen und Absolventen am Arbeitsmarkt sehr gefragt.

Das stimmt, unsere Studierenden sind am Arbeitsmarkt sehr begehrt – vor allem international. So stecken sie das gelernte Know-how in diverse Verbände auf der ganzen Welt. Österreich geht dabei leer aus.

Ein Beispiel: Norwegen macht durchschnittlich 50 bis 60 Olympia-Medaillen im Winter, aber auch bis zu zehn im Sommer. Norwegen hat fünfeinhalb Millionen Einwohner, wir (Österreich; Anm. d. Red.) haben fast neun Millionen und machen in London 2012 keine einzige Medaille und vier Jahre später in Rio de Janeiro lediglich eine Bronzene. Wir nützen unser Potential nicht aus!

Geben Sie uns einen Überblick zum Master-Studium Sports Technology.

Egal ob Sportgerät oder sportliche Bewegung – beim interdisziplinären Master-Studiengang Sports Technology steht die Kombination von Sport und Technologie im Fokus.

Eine Idee für ein neues Sportgerät soll umgesetzt oder ein bereits vorhandenes Sportgerät optimiert werden, ein bestimmter Bewegungsablauf hat Verbesserungspotential. Um diese und noch mehr Aufgabenstellungen rund um ein Sportgerät oder eine sportliche Bewegung bearbeiten zu können, sind verschiedene technische Kenntnisse notwendig, welche im Master-Studium Sports Technology angewandt vermittelt werden.

Welche Projekte werden von den Studierenden umgesetzt?

Was kann man sich darunter vorstellen? Wir haben in den letzten 25 Jahren circa 1.000 Projekte abgeschlossen. Ein Student hat beispielsweise drei Jahre lang an der Schuhsole von Lionel Messi gearbeitet. Dieser hat am Freitag bei uns das Diplom bekommen und am Montag in Herzogenaurach bei Adidas in der Entwicklungsabteilung zu arbeiten begonnen. Diese Erfolgsbeispiele sind keine Seltenheit und gibt es seit über 15 Jahren.

Sehr spannend…

Ein weiteres Beispiel ist der Salzburger Felix Breitschädel, der im norwegischen Skiverband im Bereich Forschung und Technik aktiv und auch an der Ski-Entwicklung beteiligt ist. An der norwegischen Universität für Wissenschaft und Technik in Trondheim untersucht er, wie Langlaufski und Schnee zusammenspielen – und das mit Erfolg. Unter anderem hat er ein eigenes Schleifverfahren für Langlaufski entwickelt.

Die Medaillenausbeute bei den Olympischen Spielen gibt Felix Breitschädel und seinem Team Recht: Kein andere Nation hat in der Vergangenheit in dieser Disziplin mehr gewonnen. Seit den Winterspielen 2010 in Vancouver sind circa 80 Prozent aller norwegischen Medaillen auf dieses Verfahren zurückzuführen. Dafür wird auch jede Menge Geld in die Hand genommen – zehn bis 15 Millionen im Jahr, im Gegensatz zu Österreich.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Verbänden und anderen Playern des Sports Business aus?

Wir arbeiten mit zahlreichen Sportverbänden wie dem Österreichischen Bogensportverband (ÖBSV) oder der dem Österreichischen Tischtennisverband (ÖTTV), um nur einige zu nennen, zusammen. Wir würden das in Zukunft gerne ausbauen, um noch mehr Verbände mit unserem Know-how zu unterstützen.

Ein Beispiel ist Rollstuhltennis. Dort betreuen wir den österreichischen Paralympics- Teilnehmer Nico Langmann, der aufgrund seiner hohen Querschnittslähmung kaum Bauchmuskelfunktionalität hat. Wir machen mit dem Sportler Elektrostimulation und bauen dadurch extern seine Bauchmuskulatur auf. Darüber hinaus verbessern wir stetig eines seiner Sportgeräte, den Rollstuhl.

Gibt es noch ein anderes Beispiel?

In der Vergangenheit haben wir den Tennisschläger von Thomas Muster mit dem von John McEnroe (US-amerikanischer Tennisspieler und siebenfacher Grand-Slam-Sieger; Anm. d. Red.) verglichen. Meine These: Beide wären nie unter die Top 100 der Welt gekommen, wenn sie ihre Tennisschläger getauscht hätten. Das hat den Hintergrund, dass jedes Sportgerät sehr unterschiedlich und individuell auf die Qualitäten des jeweiligen Sportlers zugeschnitten ist.

Damit ist auch der immense sportliche Erfolg von Marcel Hirscher und Dominic Thiem erklärbar. Hinter dem perfekten Sportgerät steckt eine eigene Wissenschaft.

Von diesen Erfolgsbeispielen profitiert dann auch der Breitensport.

Das ist korrekt, denn der Spitzensport hat einen Marktetingeffekt und eine Vorbildwirkung, von dem der Breitensport lebt. Thomas Muster früher sowie Dominic Thiem heute und der damit verbundene „Tennis-Boom“ sind die besten Exempel dafür.

Trotz vieler positiver und erfolgreicher Beispiele steckt der wissenschaftlich unterstützte Einsatz von Technologie im österreichischen Spitzensport nach wie vor in den Kinderschuhen. Hauptsächlich ist das ein Systemfehler. Trainer sind in dieser Hinsicht unzureichend ausgebildet und Verbände wissen zu wenig von den Möglichkeiten.

Die Technologie-Nutzung in Österreich hat also noch viel Aufholbedarf. Geben Sie uns doch einen Ausblick in die Zukunft. Wo geht die Reise hin?

Die Politik muss sich zur Sporttechnologie bekennen. In anderen Branchen wie der Biotechnologie und Autoindustrie ist das längst gang und gäbe. Wir brauchen diese Technologie auch für den Sport.

Wir haben mit der Fachhochschule Technikum Wien 4.400 Technik-Studierende, zwölf Bachelor- und 19 Master-Studiengänge, zig Millionen verschiedene technische Ausrichtungen und vieles mehr. All das könnte Österreich heute in der Praxis nutzen. #

Fotos: Samo Vidic/Red Bull Content Pool | FH Technikum Wien |  Baumgarnter | adidas