Warum bei Leistungsproblemen vor allem kognitive Fertigkeiten eine Rolle spielen. Ein Gastkommentar von Mentalcoach Wolfgang Seidl.

Wenn Fußballmannschaften nicht die entsprechende Leistung erbringen, dann urteilen Zuseher oft zu schnell und sprechen von einem Mentalitätsproblem der Akteure. Mit Mentalität ist die Einstellung der Spieler gemeint.

Natürlich können Leistungsprobleme einer Mannschaft, sogar im Profifußball, von einer mangelnden Einstellung einzelner Spieler ausgehen. Hier sind Trainer gefordert, zusammen mit den Spielern die persönlichen Gründe zu erforschen und die Probleme zu beseitigen.

Motiviert, aber trotzdem fehlt die Leistung

Was aber ist, wenn die Einstellung der Spieler vorbildlich ist, die taktischen und körperlichen Voraussetzungen passen, sie aber trotzdem nicht die geforderte Leistung erbringen? Welche Ursachen können hier vorliegen und warum werden diese Umstände selbst im Profifußball noch zu wenig beachtet?

Jeder der sich mit Fußball näher beschäftigt weiß, dass in einem Match unvorhergesehene Ereignisse eintreffen können, die die Spieler auf mentaler und kognitiver Ebene extrem herausfordern. Unter diesen Umständen können selbst scheinbar beherrschte technische und taktische Fertigkeiten gestört werden. So gelingt es Spielern unter Druck oft nicht, eine Handlung, die sie eigentlich routiniert beherrschen, auf Höchstniveau erfolgreich abzurufen.

Zum Beispiel ist ein Spieler bei einem wichtigen Entscheidungsspiel voll motiviert und will heute „120 Prozent“ geben, aber aufgrund des Drucks verkrampft er, denkt über Konsequenzen des Scheiterns nach und ist von seiner optimalen Leistung Welten entfernt.

Mentale Fertigkeiten müssen entwickelt und regelmäßig trainiert werden, um im entscheidenden Moment abrufbar zu sein

Wenn alles nach Plan läuft, können sich die Athleten auf ihre fußballerischen Fertigkeiten verlassen. Daneben gibt es aber noch die kognitiven Fertigkeiten, die sich auf die Aufnahme (Wahrnehmung) und Verarbeitung (Denken oder Erinnerungen) von Informationen beziehen.

Im Fußball zweifelt keiner, dass man die technischen und taktischen Fertigkeiten optimieren kann, wenn man sie entsprechend trainiert. Es wird jedoch sehr oft übersehen, dass das Training des äußeren, motorischen Ablaufes nur dann gut gelingt, wenn er durch die kognitiven und mentalen Prozesse gestützt wird. So empfiehlt der renommierte Sportpsychologe Hans Eberspächer, dass kognitive Prozesse ebenso regelmäßig auf Fertigkeitsniveau trainiert werden sollten.

Bei diesen kognitivmentalen Fertigkeiten handelt es sich dabei um folgende:

  • Selbstgesprächsregulation
  • Kompetenzerwartung
  • Aufmerksamkeitsregulation
  • Aktivationsregulation
  • Vorstellungsregulation
  • Zielsetzung und Analyse

Fußballer zum Beispiel trainieren bei der Selbstgesprächsregulation, wie sie in herausfordernden und schwierigen Situationen im Match, ihre Optionen mithilfe ihrer Selbstgespräche erweitern anstatt einschränken. Wir müssen wissen, es besteht eine enge Verflechtung zwischen den eigenen Selbstgesprächen und der Handlung. In schwierigen Situationen schlägt zuerst das Selbstgespräch ins Negative („Ich kann nicht mehr“) bevor sich das auf das Tun auswirkt. Die negative Wendung findet zuerst immer im Kopf statt. Erst dann folgen die entsprechenden Handlungen.

Ähnlich ist es bei der Kompetenzerwartung. In der Praxis sehen wir sehr oft, dass Fußballer im Training ihr volles Potential abrufen können, jedoch in einem wichtigen Spiel verlieren sie oft die Überzeugung von ihren Fertigkeiten, sind unkonzentriert, werden emotional und lassen ihre Ausgeglichenheit vermissen. Dann spricht man vom Phänomen des „Trainingsweltmeisters“.

Bei der Aufmerksamkeitsregulation lernen Sportler, sich im Match auf die wesentlichen Dinge zu fokussieren und unwichtige, sowie störende Faktoren auszublenden. Dabei kann der Fokus, wie bei einer Taschenlampe, bewusst einmal sehr eng sein (bei einem Zweikampf beim Gegner) oder auf weit gestellt werden (wenn ein langer Pass über das halbe Spielfeld gespielt wird).

Um angemessen handeln zu können, benötigen Fußballer ein individuell angemessenes psychisches und physisches Erregungsniveau. Mithilfe der Aktivationsregulation lernen sie effiziente mentale Techniken, um sich jederzeit bewusst in ihre Zone der optimalen Leistungsfähigkeit zu begeben.

Vorstellungen beeinflussen bewusst oder unbewusst die Handlungen. In der Vorstellungsregulation können mithilfe von Visualisierungsübungen zum Beispiel neue Bewegungsabläufe trainiert werden. Ähnlich wie ein Pilot in seiner Vorstellung einen Triebwerkausfall mit den entsprechenden Handlungen im Kopf durchspielt, können Fußballer sich gedanklich gezielt auf spezielle Situationen im Match vorbereiten. Dadurch verbessert sich auch die Handlungsschnelligkeit, was gerade im Fußball immer wichtiger wird.

Das Setzen realistischer aber hoher Ziele und die Analyse für das Erreichen oder Nicht-Erreichen von Zielen ist ein wesentlicher Schritt, um sich als Spieler und auch als Mannschaft stetig weiter zu entwickeln. So fordere ich zum Beispiel in meinen Coachings Spieler und Mannschaften zur regelmäßigen Selbsteinschätzung auf, um ihre eigene Leistung zu beurteilen, ihre Stärken und Schwächen zu evaluieren, um im Entwicklungsprozess weiter zu kommen. Diese Übungen bringen Spieler dazu, sich selbst gegenüberzutreten und Verantwortung für ihren persönlichen Fortschritt zu übernehmen.

Erfolgreiche Trainer wissen, dass der mentale und kognitive Bereich am Platz den großen Unterschied ausmacht. So sieht zum Beispiel Joachim Löw in der kognitiven Ausbildung von Fußballern noch große Entwicklungsmöglichkeiten. Es geht darum, gedanklich schneller zu werden, und Spielzüge voraus zu denken.

Es ist also an der Zeit, dass Spieler neue Wege gehen und ihr geistiges Potential ebenso optimieren, wie ihr technisches, taktisches und körperliches Können. #

Wolfgang Seidl

Wolfgang Seidl

Mentalcoach

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN-Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.

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