Seite wählen

Foto: Beat Baschung | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin (03-2021) erschienen.

EXKLUSIV-GESPÄCH Schiedsrichter-Urgestein Urs Meier, 62, über seine 27 Jahre als Spielleiter am Fußballplatz, Unterbezahlung, Morddrohungen, den VAR als Kunstzerstörer und warum Jürgen Klopp und Zinédine Zidane wahre Champions sind.

Spricht man über den Schweizer Fußball und seine bekanntesten Protagonisten, fällt immer wieder der Name Urs Meier und das obwohl der 62-Jährige nur bis zu seinem 18. Lebensjahr gegen das runde Leder getreten hat. Als Meier Ende 2004 offiziell seine Schiedsrichterkarriere beendete, hatte er in 27 Jahren 883 Spiele geleitet. Seit 1994 FIFA-Referee erwarb er sich in zahlreichen Champions-League- und UEFA-Cup-Einsätzen die Hochachtung von Spielern und Fans. Es folgten 1998 die Berufung für die WM in Frankreich, zwei Europameisterschaften 2000 und 2004 und die Weltmeisterschaft 2002, bei der er als Höhepunkt das Halbfinale zwischen Deutschland und Südkorea leitete. Im selben Jahr pfiff er auch das Champions-League-Finale Real Madrid gegen Bayer Leverkusen in Glasgow und wurde von einer Fachjury hinter Pierluigi Collina zum besten Schiedsrichter der Welt gewählt. Die Auszeichnung zum Schweizer »Schiedsrichter des Jahres« erhielt Meier von 1995 bis 2000 sechsmal in Folge, ein siebtes Mal wurde er 2004 geehrt.

Der Vater von zwei volljährigen Kindern lebt heute mit seiner Frau Andrea und ihren zwei Kindern in seinem Heimatkanton Aargau. Im Jahr 1977 begann er als aktiver Schiedsrichter in der D-Jugend und schaffte nach 14 Jahren 1991 den Sprung in die höchste Schweizer Liga. Nach seinem Karriereende war Meier als TV-Experte unter anderem an der Seite von Franz Beckenbauer und Jürgen Klopp tätig.

Herbstausgabe Sport Business Magazin

Herr Meier, warum sind Sie Schiedsrichter geworden?

Mein Traum war es, als Fußballer im vollen Mailänder San-Siro-Stadion für die Schweizer Nationalmannschaft gegen Italien in der 90. Minute das entscheidende Tor mit einem Fallrückzieher zu schießen. Dieses Bild habe ich immer in mir getragen. Mit 14 Jahren wusste ich, dass ich kein Fußballprofi werde, da ich zu wenig Talent hatte. Wie konnte ich es also doch noch nach Mailand schaffen? Entweder als Trainer oder als Schiedsrichter.

Haben Sie die damalige Entscheidung bereut?

Um Gottes Willen, nein. Schiedsrichter zu sein war wahrscheinlich viel interessanter als der Beruf des Profifußballers. Diese Zeit war etwas ganz spezielles. Nur wenige Schiedsrichter haben eine so hohe Anzahl an wichtigen Spielen erleben dürfen wie ich.

Kann man zu Beginn einer Schiedsrichterkarriere seinen Lebensunterhalt damit verdienen?

Zu Beginn verdient man inklusive Spesen nur 80 bis 90 Schweizer Franken. Obwohl bei fünf bis sechs Spielen im Monat etwas zusammenkommt, ist es nicht das große Geld.

Was haben Sie in der höchsten Liga in der Schweiz verdient?

Pro Spiel 1.000 Schweizer Franken. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Im Gegensatz zu meiner Zeit gibt es jetzt Halbprofiverträge für Schiedsrichter. Sie verdienen ungefähr 70.000 Schweizer Franken pro Jahr.

Schiedsrichter-Urgestein Urs Meier im Exklusiv-Interview

URS MEIER »Ein guter Schiedsrichter weiß, was weh tut, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch« | © Beat Baschung

In Deutschland haben die FIFASchiedsrichter ein Jahresgehalt von 80.000 Euro plus Einsatzprämien von 5.000 Euro. Finden Sie diese Entlohnung im Gegensatz zu den Millionengehältern der Spieler gerecht?

Überhaupt nicht. Bei meinem Champions- League-Finale – Real Madrid gegen Bayer Leverkusen im Jahr 2002 – habe ich 2.750 Schweizer Franken bekommen. Das mit all dieser Verantwortung und diesem Druck. Jeder Spieler der Verlierermannschaft hat 150.000 Euro und jeder aus dem siegreichen Team 300.000 Euro Prämie bekommen. Als Schiedsrichter bist du der Chef und für das gesamte Spiel verantwortlich. Ist das dann noch fair? Nein!

Muss es in den höchsten Spielklasse Schiedsrichterprofis geben?

Ich bin schon lange ein Verfechter für das Profitum. Vor allem die Schiedsrichter, die auf der FIFA-Liste stehen. Selbst die Führung im Schiedsrichterwesen müsste professionell sein, denn mit den Profis gehört tagtäglich gearbeitet. Es fehlt am Fußballverständnis und an den Regenerationsphasen. Schiedsrichter haben im beruflichen, privaten und fußballerischen Umfeld enormen Druck. In der Spitze auf all diesen drei Schienen zu fahren, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn du Leistung bringen willst, brauchst du Freiheiten und das geht nur über das Profitum.

Wie geht man mit Anfeindungen und Beschimpfungen um?

Ehrlichkeit ist immer entscheidend. Selbst bei falschen Entscheidungen kann es für dich in diesem Moment der richtige und ehrliche Entschluss gewesen sein. Wenn du eine Entscheidung aufgrund des Drucks der Fans oder aufgrund eines Kompensationsentscheids getroffen hast, ist es schwierig, das für einen selbst zu akzeptieren. Als Schiedsrichter hast du wie ein Bergsteiger immer ein Risiko. Obwohl man durch die Medien lange mit einem Fehler konfrontiert wird, ist es wichtig, diesen schnell aufzuarbeiten.

Sie erhielten bei der Europameisterschaft 2004 nach dem Spiel England gegen Portugal von englischen Fans Morddrohungen.

Solange die Morddrohungen nur gegen mich gegangen sind, war es auszuhalten. Wenn die Familie involviert ist, ist es ein anderes Kaliber. Die Entscheidung in dieser Situation – auf kein Tor für England zu entscheiden – war vollkommen richtig und trotzdem war ich vier Tage auf den Titelseiten. Die FIFA hat mich damals drei, vier Tage im Regen stehen lassen.

Gelingt es einem Schiedsrichter, immer unparteiisch zu sein? Entscheidet man anders, wenn man eine Sympathie für einen Spieler hat?

Ich hoffe schon, dass ich immer unparteiisch war, aber zu 100 Prozent bekommt man nicht alles weg. Die Spieler zahlen im Laufe ihrer Karriere mit ihrer Art Fußball zu spielen positiv oder negativ auf ihr Konto ein. Das kann eine Entscheidung in die eine oder andere Richtung beeinflussen. Von solchen Sachen kannst du dich als Schiedsrichter nie ganz freimachen. Ein Philipp Lahm beispielsweise hat immer nur auf das positive Konto einbezahlt und bekam dann halt eine Karte weniger.

Versteht man als Mensch die Emotionen der Spieler, muss man aber als Schiedsrichter trotzdem eine Gelbe Karte wegen Kritik zeigen?

Ein guter Schiedsrichter weiß was weh tut, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Wenn du das nicht fühlen kannst, gehörst du nicht zu diesem Spiel. Ein grobes Foulspiel habe ich selbst gespürt und fast als Beleidigung angesehen. Hatte ich den Eindruck, dass es absichtlich war, bin ich richtig explodiert. Darum verstehe ich Spieler, die drei oder viermal gefoult werden, sich durch den Schiedsrichter nicht geschützt fühlen und in der Folge heftige Kritik äußern.

Haben Sie es genau durch solche Aktionen geschafft, eine hohe Anerkennung und Beliebtheit bei Spielern und Fans zu genießen?

Ich bin einfach Mensch geblieben, so bin ich erzogen worden. Ich agierte nie von oben herab, sondern war immer »auf Augenhöhe« mit den Spielern. Ich habe mich in der Champions League genauso verhalten wie in der dritten Liga. Deswegen mag ich Leute wie Jürgen Klopp oder Zinédine Zidane. Das sind wahre Champions für mich.

Ist Ihnen durch Ihr positives Auftreten ein Fehler leichter verziehen worden?

Der Fußballer merkt, wenn einer am Platz steht, der den Sport versteht. Dann verzeiht er einen Fehler leichter. Das geht sogar so weit, dass sich Spieler gefreut haben, wenn ich ein Spiel gepfiffen habe.

Schiedsrichter-Urgestein Urs Meier im Exklusiv-Interview

883 SPIELE IN 27 JAHREN »Ich agierte nie von oben herab, sondern war immer auf Augenhöhe mit den Spielern« | © ph.FAB

In Österreich ist mit dieser Saison der VAR eingeführt worden. Ist der VAR überhaupt notwendig?

Ganz sicher nicht. Notwendig war die Torlinientechnik. Dafür habe ich mich 2004 eingesetzt und mir war klar, wenn wir hier technische Hilfsmittel einsetzen, werden Stimmen für weitere Hilfsmittel laut. Ich kann mir von einem guten Schiedsrichter erwarten, dass er die Entscheidungen selbst treffen kann. Jedes Spiel ist ein eigenes Gemälde und bei jedem Gemälde ist es besser, wenn es nur einen Maler gibt. Der Videoschiedsrichter hat keinen Bezug zum Spiel und die Absicht eines Spielers am Fernseher zu erkennen, ist unmöglich.

Sie sind kein großer Fan des VAR?

Überhaupt nicht, denn Schiedsrichter werden keine Entscheidungen mehr treffen – unter dem Motto: »Ich lass es mal laufen, der VAR wird das dann entscheiden.« Das ist nicht der richtige Weg. Es wäre viel wichtiger, Profischiedsrichter zu haben und diese so auszubilden, dass wir den VAR gar nicht benötigen.

Wie bewerten Sie die Leistungen der Schiedsrichter bei der diesjährigen EURO?

Sie waren sehr gut. Das war zu erwarten, denn in Europa haben wir die besten Schiedsrichter – im Gegensatz zur FIFA. Nur zwei Situationen waren klare Fehlentscheidungen. Im Halbfinale England gegen Dänemark der Elfmeter für England und im Viertelfinale Schweiz gegen Spanien die Rote Karte für meine Landsleute. Bei beiden Situationen muss der VAR eingreifen und die Schiedsrichter auffordern, sie sich die Situation noch einmal anzuschauen.

In Deutschland gibt es aktuell Diskussionen über die Altersgrenze von 47 Jahren. Halten Sie diese für sinnvoll?

Hätten wir den Profischiedsrichter eingeführt, wäre die Altersgrenze weg. In Holland hat es vor 20 Jahren den gleichen Fall gegeben und seither wird, wenn sie die Tests bestehen und Leistung bringen, bis über 50 Jahre gepfiffen. Auch ich war mit 45 Jahren dank meiner Erfahrung am stärksten und trotzdem musste ich bald aufhören.

Bibiana Steinhaus hat großartige Leistungen in der deutschen Bundesliga gezeigt. Gehören mehr Frauen in die höchsten Ligen?

Ich bin immer ein Verfechter des Leistungsprinzips gewesen und da darf es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau geben. Bibiana hat tolle Leistungen gezeigt und wenn dies der Fall ist, können auch 20 Frauen in der Bundesliga pfeifen. Das Problem ist nur, dass es zu wenig weibliche Schiedsrichter gibt. Schiedsrichter werden nicht nur von den Medien bewertet, sondern auch von einem Schiedsrichterbeobachter.

Waren Sie immer d’accord mit der Bewertung des Beobachters?

Um Gottes Willen, nein. Bei den Beobachtern hat es oft am fachlichen Wissen gefehlt. Sie haben gar nicht gesehen, was einem Spiel wichtig war. Sie halten sich immer an ihre Vorgaben und sagen dir dann, wo du hinlaufen hättest sollen. Und das, obwohl die getroffene Entscheidung richtig war. Ich habe gelernt damit umzugehen und habe es akzeptieren müssen.

Herr Meier, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

PRINT

ABO
29,90/EUR
  • ​• 1 Jahr Sport Business Magazin (4 Printausgaben)

  • Hochglanzmagazin immer bequem nach Hause geliefert ​

  • • Jederzeit kündbar ​

Herbstausgabe Sport Business Magazin

PRINT

ABO
29,90/EUR
  • ​• 1 Jahr Sport Business Magazin (4 Printausgaben)

  • Hochglanzmagazin immer bequem nach Hause geliefert ​

  • • Jederzeit kündbar ​