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Foto: EXPA/APA/picturedesk.com | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 33. Ausgabe des Sport Business Magazin (04-2021) erschienen.

EXKLUSIV-GESPRÄCH Der Österreichische Skiverband gilt in seiner 116-jährigen Geschichte seit jeher als männerdominierte und machtkonzentrierte Organisation. Nach 22 Präsidenten übernimmt nun die ehemalige Weltklasse-Slalomläuferin Roswitha Stadlober, 58, als erste Frau die Geschicke. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, schließlich wirken sich Ihre künftigen Entscheidungen auf über 1.100 Vereine aus, in denen rund 130.000 sportbegeisterte Mitglieder organisiert sind.

Es ist der Abend des 13. Oktober 2021, als sich nach einem mehrstündigen Gesprächsmarathon bei der Präsidentenkonferenz des ÖSV die hölzernen Flügeltüren des Sitzungssaales im Anifer Hotel Hubertushof öffnen. Mit aufrechtem Gang und klarer Stimme tritt Roswitha Stadlober vor die wartende Presse: »Ich bin sehr glücklich, dass die Wahl auf mich gefallen ist. Ich werde die Herausforderung als ÖSV-Präsidentin mit meinem Managementteam annehmen: Wir gehen in ein neues Zeitalter«. Im exklusiven Interview mit dem Sport Business Magazin spricht die 58-jährige Radstädterin über ihre Ziele, neue Strukturen, wie sie den Gender-Gap schließen möchte und warum sie die originäre Rechteinhaberschaft nicht aus der Hand geben wird.

Frau Stadlober, der Österreichische Skiverband war viele Jahrzehnte von patriarchalischen Seilschaften geprägt. Peter Schröcksnadel hat in über drei Jahrzehnten als Präsident aus dem ÖSV ein Wirtschaftsunternehmen geformt, das 60 Millionen Euro Umsatz im Jahr generiert. Wie geht es nach dem »Schröcksnadel-Imperium« weiter?

Hoffentlich gleich erfolgreich wie bisher. Wir konnten ein sehr gut bestelltes Haus übernehmen und wollen den Erfolgsweg als Team weiter bestreiten.

Stichwort Team: Gibt es schon eine Übersicht zur organisatorischen und finanziellen Struktur des ÖSV

Ja – die gibt es natürlich. Diese wird in der nächsten Präsidiumssitzung intern besprochen und gegebenenfalls adaptiert.

Sport Business Magazin Winterausgabe 04-2021

Welche Aufgabengebiete betreut der Abfahrts-Olympiasieger Patrick Ortlieb im Dreiergremium mit Ihnen und Generalsekretär Christian Scherer?

Patrick ist – neben dem Generalsekretär und mir – Teil des neu geschaffenen Management-Teams, welches seitens des Präsidiums mit der Führung der Geschäfte betraut wurde. Patrick kümmert sich in seiner Position als Finanzreferent sowie Geschäftsführer aller Kapitalgesellschaften verstärkt auch um wirtschaftliche Agenden.

Stichwort Kapitalgesellschaften: Die Tochtergesellschaft des ÖSV, die Austria Skiteam Handels und Beteiligungs GmbH, verfügt über mehrere Unternehmen. Welche Funktionen haben Sie dort inne?

Ich bin als Eigentümervertreterin in sämtliche Details eingebunden und zudem Geschäftsführerin der Holding.

Welche Rolle spielt Markus Schröcksnadel in den fünf Tochtergesellschaften, zumal er offensichtlich ja auch für den Aufsichtsratsposten der Holding im Gespräch war?

Keine. Er ist Vizepräsident im Tiroler Skiverband und laut meinen Informationen sehr wichtig, um dort Sponsoren für den Landesskiverband zu akquirieren.

 

»In Sachen Angleichung des Preisgeldes zwischen Frauen und Männern werde ich mich auch in der internationalen Diskussion stark einbringen.«

 

Gib es eine Nähe zu den Gesellschaften, die Peter Schröcksnadel neben seiner Tätigkeit als ÖSV-Präsident jahrelang geführt hat?

Nein, eine solche gibt es von meiner Seite nicht.

Kommen wir zu den wirtschaftlichen Agenden. Wie hoch ist das Budget des ÖSV?

Grundsätzlich hat der ÖSV als Verein ein Jahresbudget von rund 40 Millionen Euro. Die ÖSV-Gruppe hat einiges mehr. Das muss man differenziert betrachten, da das Budget des ÖSV beziehungsweise der ÖSV-Gruppe stark schwankt.

Nun dienen auch internationale Veranstaltungen als wichtige Einnahmequellen. Bei welchen ist der ÖSV Veranstalter sowie Vermarkter?

Grundsätzlich werden sämtliche Weltcupveranstaltungen in Österreich vom ÖSV auf eigenes wirtschaftliches Risiko durchgeführt und auch vermarktet. Ausgenommen hiervon sind die Hahnenkammrennen in Kitzbühel, welche vom Kitzbüheler Ski Club organisiert werden und wo es nur in der Vermarktung der Medienrechte ein Joint-Venture gibt.

ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober im Interview: »Wir gehen in ein neues Zeitalter«

ROSWITHA STADLOBER EXKLUSIV »Im 21. Jahrhundert darf es keine Diskussion mehr betreffend Gleichstellung geben. Frauen und Männer leisten das Gleiche auf hohem Niveau und sollten demnach auch so bewertet werden.« | © Franz Oss

Werden wir konkreter: Was kostet ein Skirennen bei den Damen in der Flachau und wie viel beispielsweise ein Biathlon-Rennen in Hochfilzen?

Ein Alpin-Rennen wie in der Flachau kostet weit mehr als eine Million Euro. Beim Biathlon ist das komplexer, weil ein Rennen nur ein Teil eines gesamten Weltcupwochenendes ist. Allein in Hochfilzen finden sechs Weltcupbewerbe – je drei für Damen und Herren – statt, die zwischen 1,3 und zwei Millionen Euro liegen.

In einer ersten Reaktion haben Sie bereits angekündigt, sich für eine Angleichung der Preisgelder bei Männer- und Frauenbewerben stark zu machen. Wie wird Ihnen das gelingen?

Grundsätzlich gibt es internationale Vorgaben, die der ÖSV erfüllt. Bei den Alpinen Rennen beispielsweise wird bei Herren und Damen schon gleich viel Preisgeld ausgeschüttet (Anm. d. Redaktion: mindestens 120.000 Schweizer Franken, also rund 111.000 Euro). Gemeinsam mit unseren Partnern in der Flachau wird vor Ort sogar ein erhöhtes Preisgeld beim Nachtslalom der Damen bezahlt. Nachholbedarf gibt es im nordischen Bereich. Wir werden uns bemühen und uns hier auch in der internationalen Diskussion stark einbringen.

 

»Der ÖSV als Verein hat ein Jahresbudget von rund 40 Millionen Euro. Die ÖSV-Gruppe hat einiges mehr.«

 

Der neue Präsident der FIS – Johan Eliasch – strebt eine zentrale Vermarktung an. Inwieweit werden Sie in Sachen Marken- und Marketingrechte mitziehen?

Der ÖSV steht neuen Ansätzen, den Skisport weiterzuentwickeln, grundsätzlich immer offen gegenüber. Eine freiwillige und zeitlich befristete Koordinierung der Medienrechte des ÖSV durch die FIS – unter Berücksichtigung der bestehenden Vertragsverhältnisse – können wir uns unter gewissen Bedingungen durchaus vorstellen. Wir werden aber sicher nicht die originäre Rechteinhaberschaft aufgeben. Der, der das wirtschaftliche Risiko trägt, muss auch ursächlich der Eigentümer der Rechte sein.

Sie haben mit Claudia Strobl eine Vizepräsidentin im Managementteam. Wo werden wir die »weibliche Handschrift« und einen neuen Stil erkennen?

Zunächst einmal freut es mich, dass mit Gerlinde Metzinger noch eine dritte Frau im Präsidium sitzt. Mir sind ein wertschätzen- der Umgang und Respekt als menschliches Grundbedürfnis sehr wichtig. Und das erwarte ich mir auch von meinem Team. Im 21. Jahrhundert darf es keine Diskussion mehr betreffend Geleichstellung geben. Frauen und Männer leisten das Gleiche auf hohem Niveau und sollten demnach auch so bewertet werden.

Petra Kronberger ist Frauenbeauftragte des ÖSV. Welche konkreten Aufgabenbereiche betreut Sie?

Petra Kronberger wird in Zukunft die Leitung der ÖSV-Initiative »Optimal Sports« übernehmen. Das ist ein wichtiges Projekt, welches von Peter Schröcksnadel ins Leben gerufen wurde. Optimal Sports befasst sich vor allem mit den Themen Persönlichkeitsstärkung, Gesundheitsentwicklung und Ressourcenbewusstsein. Hier wollen wir weiter ansetzen und dadurch eine Vorreiterrolle für moderne und verantwortungsbewusste Rahmenbedingungen im Sport einnehmen.

ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober im Interview: »Wir gehen in ein neues Zeitalter«

MILLIONENRENNEN »Ein Alpin-Rennen wie in der Flachau kostet weit mehr als eine Million Euro« | © Neumayr7picturedesk.com

Das Fehlen verantwortungsbewusster Rahmenbedingungen in der Vergangenheit kreidete die ehemalige Skiläuferin Nicola Werdenigg im November 2017 öffentlich an. Sie berichtete von strukturellem Machtmissbrauch und sexueller Gewalt im Skisport. Der Skiverband drohte ihr nach den Enthüllungen mit Klagen. Was werden Sie konkret unternehmen, um Fälle wie diesen aufzuarbeiten?

Im Jänner 2018 wurden vom ÖSV hochkarätige Expertenteams eingesetzt. Zusätzlich wurden Kommissionen für Analyse, Aufarbeitung und Prävention ins Leben gerufen. Die Ergebnisse sind der Öffentlichkeit bekannt. Ich denke, dass in diesem Bereich zuletzt sehr viel passiert ist. Auch die Statuten des Verbandes – Stichwort Ethikkodex – wurden entsprechend überarbeitet. Wir sind sehr bemüht, auf allen Ebenen zu sensibilisieren und zu informieren. Wir wollen einerseits im Bereich der Prävention Akzente setzen und sichern andererseits unsere volle Unterstützung bei der Aufklärung von Fällen zu.

Sie sind langjährige Geschäftsführerin des Vereins KADA und bekleiden eine Vorreiterrolle in Sachen Bildungs- und Berufsberatung im österreichischen Spitzensport. Jetzt übernehmen Sie die Präsidentschaft und damit die Führung des ÖSV. Können Sie – auch im Hinblick auf Ihre neue Tätigkeit und die Professionalisierung des Sports – KADA- Geschäftsführerin bleiben? Stichwort geschäftsführende Präsidentin?

Bei KADA bin ich derzeit noch als Geschäftsführerin tätig. Es gibt aber bereits vertiefende Gespräche, wie meine Funktion ab dem Jahr 2022 aussehen wird. Aufgrund meines zeitlichen Aufwandes für den ÖSV kann eine Tätigkeit bei KADA ausschließlich in reduzierter Stundenform erfolgen.

ÖSV-Präsidentin Roswitha Stadlober im Interview: »Wir gehen in ein neues Zeitalter«

BIATHLON Ein Biathlon-Weltcup in Hochfilzen kostet dem ÖSV bis zu zwei Millionen Euro. | © Julia Sadykova

Wie sind Sie beim ÖSV angestellt? Wie viel verdient eine Präsidentin?

Das Präsidentenamt beim Österreichischen Skiverband übe ich in ehrenamtlicher Form aus.

Ein ideeller Lohn für Ihre Arbeit sind sportliche Erfolge. Bereits im Februar wartet mit den Olympischen Spielen in Peking das erste Großereignis auf Sie als Präsidentin, das wegen der Corona- Pandemie unter strengen Auflagen abgehalten wird. Wie herausfordernd werden diese Wochen für alle Beteiligten aus mentaler Sicht?

Es sind besondere Zeiten und eine mentale Herausforderung. Ich sehe es als unsere Aufgabe, die Athletinnen und Athleten bestmöglich dabei zu unterstützen, sich frühzeitig auf diese Rahmenbedingungen einzustellen. Dann wird es unserem Team auch gelingen, in China seine beste Leistung abzurufen.

Frau Stadlober, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

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