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Foto: BettiniPhoto | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin (03-2021) erschienen.

EXKLUSIV-GESPRÄCH Österreichs Radstar Patrick Konrad, 30, über sein sporthistorisches Karrierehighlight bei der Tour-de-France, Erwartungshaltungen, Doping, Gehälter im Radsport und Zukunftspläne in der Privatwirtschaft.

Patrick Konrad gewann bei der Tour de France 2021 sensationell die 16. Etappe in den Pyrenäen mit insgesamt 169 Kilometern, von Pas de la Case in Andorra bis nach Saint-Gaudens in Südfrankreich. Der 30-jährige Niederösterreicher konnte damit den insgesamt zweiten Etappensieg bei der diesjährigen Tour für das deutsche Team BORA-hansgrohe einfahren. Darüber hinaus ist er nach Kapitän Wilco Kelderman, mit seinem 27. Platz der zweitbeste Fahrer seiner Mannschaft, der diesjährigen Tour de France. Neben den bei den österreichischen Meistertiteln im Straßenrennen war dies der erste Profisieg für Konrad überhaupt. Er hatte zuvor beim Giro d`Italia schon zwei Mal eine Top-Ten-Platzierung mit einem siebenten Platz 2018 und einem achten Platz 2020 im Gesamtklassement erreicht. Er war im Jahr 2019 zudem schon Gesamtdritter, bei der Tour de Suisse. Das »Sport-Gen« dürfte er von seinem Vater, dem ehemaligen Leichtathleten Wolfgang Konrad, mitbekommen haben – seines Zeichens 13-facher österreichischer Meister auf der Langstrecke, Olympiateilnehmer 1980 und seit 1988 Organisator des Vienna City Marathons.

Radstar Patrick Konrad: »Allein durch die Tour de France kann der Medienwert rund 200 Millionen Euro ausmachen«

Tour-de-France-Etappensieger  »Es ist das eingetroffen, was man erwarten durfte und wofür man jahrelang gekämpft hat« | © BettiniPhoto

Herr Konrad, Sie haben als erst dritter Österreicher nach Max Bulla 1931 und Georg Totschnig 2005 einen Etappensieg bei der Tour de France erlangt, und damit Sportgeschichte geschrieben. Ist dieser dieser Erfolg Ihr bisheriges Karrierehighlight und steigert dieser Ihre eigene Erwartungshaltung und die des Teams an Sie?

Der Etappensieg ist mein bisher größter Erfolg und gilt als persönliches Karrierehighlight. Schließlich ist die Tour de France das größte Sportereignis der Welt, das jährlich stattfindet. Die Erwartungshaltung ist dadurch allerdings nicht gestiegen, da das eingetroffen ist, was man erwarten durfte und wofür man jahrelang gekämpft hat. Durch diesen Erfolg ist allerdings enorm viel Druck abgefallen.

Sie sind mit Ihren fast 30 Jahren im besten Radsportalter. Welche Karriereziele verfolgen Sie?

Ich habe mit dem diesjährigen Etappensieg bei der Tour de France und den beiden Top- Ten Platzierungen beim Giro schon sehr große Karriereziele erreicht. Auf meinen Etappensieg bin ich besonders stolz. Diesen kann mir keiner mehr nehmen.

Kurz- und mittelfristige Ziele sind ein Podestplatz im Gesamtklassement bei einer Grand Tour wie dem Giro oder der Vuelta. Darüber hinaus würde ich gerne einmal ein Monument (so werden die fünf bedeutendsten Klassiker des Radsports bezeichnet, die als die traditionsreichsten Eintagesrennen im Straßenradsport gelten; Anm. d. Red.) gewinnen. Ein langfristiges Ziel ist eine Olympiamedaille.

 

»Der Etappensieg ist mein bisher größter Erfolg, beim größten Sportereignis der Welt.«

 

Sie sind bereits seit sechs Jahren bei BORA-hansgrohe und haben dort erst kürzlich Ihren Vertrag bis 2023 verlängert. Wollen Sie bei Ihrem »Stammverein« auch Ihre Karriere beenden?

Team Manager Ralph Denk hat gemeint, dass ich ein fixer Bestandteil des Teams bin. Mein Ziel ist es, noch fünf bis sieben Jahre Radprofi zu sein. Voraussetzung dafür ist, dass ich verletzungsfrei bleibe. Daher spricht aus heutiger Sicht nichts dagegen, bei BORA-hansgrohe meine Karriere zu beenden.

Der renommierte Dopingjäger Antoine Vayer überraschte kürzlich in einem ARD-Interview mit der Aussage, dass sich seiner Einschätzung nach heute »90 Prozent an die Spielregeln halten« würden. Ganz im Gegensatz zum Jahr 1998, in dem »fast 100 Prozent gedopt gewesen« wären. Teilen Sie seine Einschätzung, auch in Bezug auf die Polizeirazzien im Teamhotel von Bahrain Victorious, die immerhin die Gesamtwertung bei der diesjährigen Tour de France gewonnen haben?

Ich teile die Einschätzung, dass sich die Mehrheit an die Spielregeln hält. Man kann sehen, dass auch schon sehr junge Athleten Top-Ergebnisse einfahren können. Dies deutet darauf hin, dass es kein systematisches Doping gibt, denn dafür braucht man ausgedehnte Netzwerke. Diese können junge Kollegen noch nicht haben.

Ich bin ein Beispiel dafür, dass man ohne Doping Erfolge feiern kann. Mir sind keine Ergebnisse der Razzia bekannt, die das Team Bahrain Victorious belasten würden. Daher sind es nur Dopinggerüchte, die ich nicht überprüfen kann. Prinzipiell versuche ich immer derartige mediale Nebengeräusche auszublenden und mich auf meine Person zu konzentrieren.

LUXUS-REISEBUSSE »Fahrende Häuser, die von einer Dusche, über Toiletten bis hin zu TV-Geräten alle ›Stückerln‹spielen«| © Christof Kreutzer

Stichwort Fixgehälter. Wie planbar ist der professionelle Radsport auf finanzieller Ebene?

Im Jahr 2021 gilt für männliche World-Team- Fahrer ein Mindestgehalt von 40.045 Euro brutto als Angestellte und 65.673 Euro brutto als Selbstständige. Diesen Mindestlohn gibt es lediglich für Radprofis der WorldTour-Teams, der allerhöchsten Liga des professionellen Radsports. Sie ist mit der Champions League im Fußball zu vergleichen.

Darüber hinaus gibt es noch Professional- Continental-Teams (circa 30.855 Euro brutto Mindestgehalt; Anm. d. Red.). Hierbei sprechen wir von der zweiten Liga des Radsports. Diese ist mit der Europa League im Fußball gleichzusetzen.

Als dritte Kategorie gibt es die Continental Teams. Diese entsprechen der niedrigsten Liga im Radsport, die man mit der Fußball-Bundesliga vergleichen kann. In Österreich und Deutschland gibt es dort kein Minimum an Fixgehältern.

Prinzipiell verhandelt man in allen Ligen des Profiradsports die Gehälter, ähnlich wie im Fußball, mit dem jeweiligen Teammanager. Start- und Preisgelder sind anders als im Golf beispielsweise nicht die Haupteinnahmequelle, sondern ausverhandelte Verträge. Ein Radprofi, der jünger als 25 Jahre alt ist, muss von seinem Team einen Zweijahresvertrag erhalten.

Wie ist das Team organisiert?

Für BORA-hansgrohe arbeiten rund 100 Mitarbeiter. Die Mannschaft setzt sich unter anderem aus dem Teammanagement, dem Headcoach, dem sportlichen Leiter, dem Office Travel Agent, einem Mechaniker-Team, der Physioabteilung und einem Ärzteteam zusammen. Hinter unserem Team steht eine Riesenlogistik mit drei Reisebussen. Diese wurden umgebaut und sind im Prinzip fahrende Häuser, die angefangen von einer Dusche, über Toiletten bis hin zu TV-Geräten alle »Stückerln« spielen. Natürlich gibt es auch einen Kitchen-Truck, mit eigenen Köchen und einem individuell abgestimmten Ernährungsplan. Darüber hinaus braucht es bei den Rennen einen Renndienstwagen, der den Fahrern mitteilt, wo eine Windkante sein könnte

…und einen eigenen LKW gibt es auch.

Selbstverständlich steht bei einem Rennen der Tour der France auch ein LKW zur Verfügung, den es für den Transport der Räder benötigt. In diesem befinden sich 80 Rennräder – drei bis vier für jeden Fahrer. Des Weiteren befinden sich neben den zwei Autos im Konvoi ein sogenanntes Verpflegungsauto, ein Reisebus und ein Sprinter. In Summe gibt es bei der Tour zwischen 24 und 30 Betreuer für acht Rennfahrer.

ALLES FÜR DAS TEAM »Für das deutsche Radsportteam BORA-hansgrohe mit Sitz in Raubling in Oberbayern arbeiten rund 100 Mitarbeiter« | © Christof Kreutzer

Gibt es Hierarchien innerhalb eines Teams?

Natürlich existieren Hierarchien innerhalb der Fahrer eines Teams. Es gibt unsere Kapitäne, die Edeldomestiken (auch bekannt als sogenannte Edelhelfer, die ihre Kapitäne unterstützen; Anm. d. Red.), Bergfahrer, Allrounder, Sprinter, Zeitfahrer und Klassiker (Spezialisten für traditionsreiche Eintagesrennen; Anm. d. Red.).

Wo zählen Sie sich dazu?

Ich würde mich selbst als Allrounder mit Bergfahrerqualitäten bezeichnen, der im Sprint gegenüber reinen Bergfahrern gute Chancen hat, sich durchzusetzen. Ich hatte bei der Tour de France viele Freiheiten und war in der Rolle des Leaders im Team, wenn ich auf einen Etappensieg hingearbeitet habe. Ansonsten bin ich für die beiden Kapitäne Sagan (musste aufgrund einer Knieverletzung nach der 11. Etappe aufgeben; Anm. d. Red.) und Kelderman (wurde Gesamtfünfter im Endklassement; Anm. d. Red.) gefahren.

Ich will die diesjährige Linie fortführen und mich eher auf Etappensiege und nicht auf Gesamtwertungsergebnisse konzentrieren. Dies hat den Vorteil, dass dadurch, wie schon zweimal beim Giro d`Italia, gute Gesamtwertungsergebnisse entstehen können. Die Gefahr bei der Fokussierung auf das Gesamtresultat besteht darin, dass mit einem Sturz oft alles vorbei ist. Dies will ich vermeiden. Es hat Spaß gemacht, offensiv zu fahren. Nun gilt es, diese Fahrweise zu prolongieren und beizubehalten.

Wie viele Rennen kann man im Hinblick auf die körperlichen Anstrengungen als professioneller Radsportler im Jahr fahren?

Das hängt sehr stark vom Rennkalender ab. Man kann durchaus zwei Grand Touren (Tour de France, Giro d`Italia oder Vuelta a Espana; Anm. d. Red.) bestreiten. Olympiasieger Richard Carapaz aus Ecuador ist beispielsweise vor Tokio die Tour de France gefahren, und beendete diese mit dem hervorragenden dritten Gesamtrang. Generell kann man sagen, dass circa 60 Renntage im Jahr der Durchschnitt sind. Ich habe für dieses Jahr bereits 60 absolviert, 2017 waren es sogar 80. Wie viele Rennen du im Jahr bestreiten kannst hängt stark davon ab, ob du jedes Rennen ergebnisorientiert fährst oder diese als Trainingseinheiten absolvierst.  Selbstverständlich müssen Radprofis, die in jedem Rennen das bestmögliche Ergebnis erzielen wollen, die Rennanzahl stark reduzieren.

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Wie lange braucht man für die Regeneration nach der Tour de France?

Dieses Jahr hatte ich ein knackiges Programm zu meistern. Bei den Olympischen Spielen, die kurz nach der Tour de France waren, ist es mir sehr gut ergangen. Es ist lediglich an meiner Tagesverfassung gelegen, dass es nicht für einen Spitzenplatz (18. Rang; Anm. d. Red.) gereicht hat. Manche Fahrer steigen nach einer guten Performance bei der Tour de France, wieder gestärkt in die Rennsaison ein. Darüber hinaus machen junge Athleten nach einer Grand Tour einen großen Entwicklungsschritt.

Eine längere Saisonpause habe ich erst im Spätherbst. Mitte Oktober beginnt mein eigentliche Regenerationsphase von zwei bis vier Wochen. Im Winter steht das Training im Vordergrund. Am 7. Jänner fliegen wir meist zur Saisonvorbereitung nach Mallorca oder Gran Canaria auf Trainingslager. In südlichen Gefilden, wie Australien, Kolumbien und Argentinien finden die ersten Radrennen der Saison statt. Diese geht in der Regel von Ende Jänner, Anfang Februar bis Ende Oktober.

Gibt es nach einer Tour de France Effekte auf Sponsoren?

Dazu kann ich nicht viel sagen. Schließlich kooperiert das Team mit Sponsoren und Partnern. Privates Sponsoring für Fahrer ist eher unüblich. Allerdings weiß ich, dass die Tour für 65 bis 70 Prozent des Medienwertes der Teams verantwortlich ist. Allein durch die Tour de France kann der Medienwert, abhängig von den jeweiligen Erfolgen, rund 200 Millionen Euro ausmachen.

Machen Sie sich schon Gedanken über die Zeit nach Ihrer Karriere?

Selbstverständlich, schließlich ist der Radsport sehr gefährlich. Ich bin noch unschlüssig, wohin die berufliche Reise gehen soll. Meinem Vater Wolfgang gehört die Eventmanagement-Firma Enterprise Sport Promotion GesmbH, die den Vienna City Marathon seit 1989 organisiert. Des Weiteren war seine Sportagentur auch für das Streckenmanagement für die insgesamt 1.100 Kilometer lange Rennstrecke bei der UCI-Rad-Weltmeisterschaft in Innsbruck 2018 verantwortlich. Mein Bruder Dominik ist bereits Geschäftsführer und sollte das Unternehmen im Frühjahr vollständig von unserem Vater übernehmen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, nach meiner Karriere in diesen Familienbetrieb einzusteigen.

Darüber hinaus würde es mich reizen eine Gastronomie aufzubauen oder als sportlicher Leiter oder Trainer, dem Radsport erhalten zu bleiben. Der Jugend Wissen über Trainingsmethoden, Ernährung oder Material zu vermitteln, wäre eine tolle und erfüllende Aufgabe für mich. Wenn ich damals schon über mein heutiges Knowhow den Radsport betreffend verfügt hätte, wäre ich ähnlich erfolgreich gewesen wie heute.

Herr Konrad, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

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