700 Millionen für den Sport, Olympia mit Zuschauern und Rad fahren als persönlicher Ausgleich

Werner Kogler kickte einst in der Jugend von Sturm Graz. Heute, rund 40 Jahre später, ist er Vizekanzler und Sportminister. In seiner ersten Amtszeit hat Kogler in seiner täglichen Arbeit vor allem mit den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zu kämpfen – dabei vergisst er nicht auf den Spitzen- und Breitensport.

Wir haben uns mit Werner Kogler ausführlich über Corona-Hilfen, die Bedeutung des Sports als Wirtschaftsfaktor, Kritik an der Sportförderung und die Ski-WM in Saalbach unterhalten. Darüber hinaus verriet er uns, wie Megaevents im Sportjahr 2021 durchgeführt werden können, welche Erwartungshaltung er an die heimischen Olympia-Sportler hat und worauf er sich persönlich am meisten freut, wenn die Pandemie vorbei ist.

Sehr geehrter Herr Vizekanzler und Sportminister Kogler, die Covid-19-Pandemie hat massive, organisatorische und finanzielle Auswirkungen auf den Spitzen- und Breitensport. Verbände, Funktionäre, Trainer und Sportler müssen herausfordernde Situationen bewältigen. Welche Förderungen beziehungsweise finanziellen Zuwendungen hat es für den Profisport bislang gegeben?

In der ersten Schadensperiode erwies sich die Kurzarbeit als außerordentlich hilfreiches Instrument für die Vereine in den professionellen und semiprofessionellen Ligen. Flankierend dazu wurde der Sportligenfonds geschaffen, der nun, da der Ligabetrieb längst angelaufen ist und die Kurzarbeit nicht mehr in Anspruch genommen werden kann, die Einnahmenverluste zu einem sehr großen Teil abdeckt.

Es ist von einem Unterstützungsfond für Veranstalter in der Höhe von 300 Millionen Euro die Rede…

Der Schutzschirm für Veranstalter garantiert eine Gesamtsumme von bis zu 300 Millionen Euro, der Hilfsfonds für gemeinnützige Vereine ist mit 700 Millionen Euro dotiert. Aus diesem wurden 35 Millionen herausgelöst und für die Ligen jener olympischen Sportarten bereitgestellt, die besonders erfolgreiche Nationalteams stellen – Fußball, Handball, Basketball, Volleyball, Eishockey und Hockey.

Mit diesen 35 Millionen Euro bis Jahresende 2020 sollte vor allem sichergestellt werden, dass der Quell an Talenten für diese Nationalmannschaften nicht versiegt. Für das Jahr 2021 wurde mit weiteren 35 Millionen vorgesorgt, sollten weitere Mittel benötigt werden.

»In Sachen Zuschauer werden wir uns erst langsam an die gute alte Normalität herantasten können«

Gibt es für diese Förderungen einen fixen Aufteilungsschlüssel zwischen den Verbänden oder spielen andere Parameter wie Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen eine Rolle?

Das Besondere an diesem Sportligenfonds ist, dass er auf Einnahmenverluste abstellt. Jeder Verein meldet seine Schäden aus entgangenen Zuschauer-, Gastronomie-, Merchandising- und Sponsoreinnahmen im Vergleich zum Vorjahr und erhält nach dreimaliger Kontrolle durch WirtschaftsprüferInnen im Verein und in der Liga beziehungsweise durch die Verantwortlichen der Bundes-Sport GmbH die zuerkannten Einnahmenausfälle ersetzt. Es gibt also keinen fixen Aufteilungsschlüssel.

Muss sich die Sportwirtschaft auf einen dritten Lockdown im ersten Quartal 2021 einstellen, wenn sich die Situation nicht bessert und kein Impfstoff zur Verfügung steht?

Es liegt an uns allen, einen dritten Lockdown zu verhindern – ob mit oder ohne Impfstoff. Ich gehe derzeit davon aus, dass es einen Impfstoff geben wird, aber auch neuartige, einfachere, massenhaft anwendbare Testmethoden. Und trotzdem werden wir uns in Sachen Zuschauer, in Sachen Breitensport-Massenveranstaltungen erst langsam an die gute alte Normalität herantasten können.

2021 erwartet uns mit der Fußball- Europameisterschaft und den Olympischen Spielen ein großes „Sportjahr“. Werden diese internationalen Megaevents trotz Covid-19-Pandemie aus Ihrer Sicht durchführbar sein – was ist Ihre Einschätzung?

Ich denke, dass die Chancen im Frühsommer und Sommer nicht schlecht stehen, um solche Events abwickeln zu können. Vielleicht nicht im ursprünglichen Setting – eine EURO in zwölf Ländern und mit vollen Stadien scheint mir aus heutiger Sicht nicht sinnvoll.

Wie stehen Sie zu der Aussage des IOC-Präsidenten Thomas Bach, Olympia auf „jeden Fall und mit Zuschauern“ durchzuführen?

Wenn puncto Impfung und Eindämmung des Infektionsgeschehens alles optimal läuft – warum nicht? Bei Zuschauern stellt sich allerdings schon die Frage: mit wie vielen?

Man sollte bei aller Euphorie nicht vergessen, dass es schwer werden wird, faire Bedingungen für alle zu garantieren. Das beginnt bei der Frage, ob alle Qualifikationen abgewickelt werden können und endet dort, wo Länder aufgrund eines dynamischeren Infektionsgeschehen an diesem oder jenen Wettkampf gar nicht teilnehmen können.

Welche Erwartungshaltung haben Sie als Sportminister an die österreichischen Sportlerinnen und Sportler und wer sind Ihre größten Medaillenhoffnungen?

„Erwartungshaltung führt zu Haltungsschäden“, hat unser Rekord- Olympionike Felix Gottwald einmal gesagt. Deshalb werde ich mich auch nicht daran beteiligen, die Erwartungen möglichst hoch zu schrauben.

Klar ist, dass Österreich Medaillenchancen hat – im Segeln, Klettern, Karate, Judo, Rudern, Kanu, vielleicht sogar im Mountainbiken oder Schießen und natürlich in der Leichtathletik. Aber man sollte beim prospektiven Zählen der Medaillen immer zwei Listen führen: Eine für die Medaillen, die wir mit Glück und eine für die, die wir ohne Pech holen. Letztere schärft den Realitätssinn.

Die FIS Alpine Ski Weltmeisterschaft findet 2025 in Saalbach statt. Wie viele Millionen Euro werden vom Bund in die Region und das Event investiert?

Dazu gab es vor dieser Gesetzgebungsperiode erste Gespräche, nicht mehr. Wir stehen dieser Ski-WM wohlwollend gegenüber, haben aber auch unsere Vorstellungen, wie Steuergelder sinnstiftend zu verwenden sind. Diese WM hat die Chance, ein Wintersport- Vorzeigeprojekt in Sachen Nachhaltigkeit und regionale Wertschöpfung zu werden. Eine Chance, die man unbedingt nützen sollte.

Welche Bedeutung hat der Sport als Wirtschaftsfaktor für Österreich?

Die Bedeutung des gesamten Sports als Wirtschaftsfaktor kann hierzulande nur unterschätzt werden. Die Sportwirtschaft im weiteren Sinn erzielt in Österreich eine Bruttowertschöpfung von 16,4 Milliarden Euro, das sind 7,5 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung. Höchste Zeit, dass die Querschnittsmaterie Sport von der Politik in ihrer ganzen Dimension und Tragweite erkannt wird.

Welche Vorbildwirkung hat der Sport nicht nur in Krisenzeiten für die Gesellschaft?

Die Vorbildwirkung des Sports manifestiert sich in dieser Gesundheitskrise in vielerlei Gestalt. Die vielleicht wichtigste ist, dass sich Eltern in Zeiten, in denen Schulen und Vereine nur einen eingeschränkten Beitrag zur Bewegung leisten können, ihrer Vorbildwirkung bewusst werden müssen, um mit ihren Kindern, wann immer möglich, Bewegung an der frischen Luft zu machen.

»Auf das Stadionerlebnis freue ich mich am meisten«

Die Sportförderung stand zuletzt öffentlich in der Kritik. Sind Sie mit der Abwicklung und Auszahlung zentral über die Bundes-Sport GmbH zufrieden oder werden Sie neue Aktivitäten und Maßnahmen setzen?

Ich bin mit der Abwicklung durch die Bundes-Sport GmbH sehr zufrieden. Die Kritik des Rechnungshofs zielte ja auch nicht auf die Bundes-Sport GmbH als Dienstleisterin, sondern auf das Bundes- Sportfördergesetz ab, das unter anderem festlegt, wer wie viele Personen in die Entscheidungsgremien entsenden darf und dass sich hier eine unvorteilhafte Optik ergibt, wenn Fördernehmer in Kommissionen sitzen, die die Förderprogramme freigeben. Wir behalten uns natürlich vor, im Bundes-Sportfördergesetz Änderungen anzustreben. Auch das Mittelvergabesystem darf auf den Prüfstand gestellt werden.

Erwarten Sie durch den Eigentümerwechsel bei den Österreichischen Lotterien einen Rückgang dieser Einnahmen?

Nein.

Es gibt mittlerweile seit sechs Jahren ein „Sport Gütesiegel“ in Österreich. Dabei können sich führende Unternehmen aus der Sport- und Freizeitwirtschaft zur „Sport Leading Company“ zertifizieren lassen. Inwiefern unterstützen Sie solche Initiativen?

Das Sportministerium fördert vielfach Initiativen, die sich dafür einsetzen, dass Werte wie Nachhaltigkeit, Zusammenhalt, Integration und Inklusion im Sport nicht zu kurz kommen. Ich halte auch dieses Projekt, sportaffine Vorzeigebetriebe in der öffentlichen Wahrnehmung sichtbar zu machen, für eine lohnenswerte Idee und werde die Entwicklung des „Sport Gütesiegels“ in Zukunft noch genauer verfolgen.

Sie sind täglich einem enormen Stresspotenzial ausgesetzt. Was bedeutet Sport für Sie persönlich? Wie entspannen Sie am besten?

Im Sport kann ich nach einigen Knieverletzungen während meiner Zeit als Fußballer in Sachen Entspannung leider nicht mehr aus dem Vollen schöpfen. Ich fahre gerne Rad, muss aber zähneknirschend zugeben, dass ich hier meinen eigenen Ansprüchen noch hinterherhinke.

Sie sind leidenschaftlicher Fußballfan. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn die Covid-19-Pandemie vorbei ist?

Natürlich auf das Stadionerlebnis. Aber auch auf Live-Spiele im Fernsehen, bei denen man endlich wieder die Choräle der Fans hören kann.

Herr Vizekanzler und Sportminister, vielen Dank für das Gespräch. #

Wichtiger Hinweis: Die Fotos mit Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler wurden vor der Covid-19-Pandemie beziehungsweise vor den Ausgangsbeschränkungen aufgenommen.

Fotos: BMKÖS | BMKÖS | Carina Karlovits (CAR)