,Professionelle Mentale Arbeit im Fußball: Was sie bringt und warum sie noch immer vernachlässigt wird. Gastkommentar von Mentalcoach Wolfgang Seidl.

,© Christian Pondella/Red Bull Content Pool

Fußball ist eine hochkomplexe und fordernde Sportart, in der viele Einflussfaktoren wirksam sind. In diesem Mannschaftssport sollte ein starker Teamgeist die Mannschaft vereinen und alle gemeinsam an einem Strang ziehen lassen. Warum es oft trotzdem nicht funktioniert, ist dem Umstand zu verdanken, dass ein Kader aus bis zu 30 Spielern mit unterschiedlichen Charakteren und Interessen besteht und diese aus unterschiedlichen Kulturkreisen kommen. Dass es hier auch sehr oft zu Konkurrenzdenken kommt, und viele nur an sich anstatt an das Team denken, ist verständlich.

Aber auch das Umfeld des Spielers (private Situation, Spannungen mit dem Trainer, neue Umgebung, etc.) sowie ihre mentalen Störfaktoren (Selbstzweifel, aktuelle Verletzungen, fehlendes Selbstvertrauen, etc.) haben Einfluss auf die gesamte Mannschaftsleistung. Gibt es in einer Mannschaft nun mehrere Spieler, die aufgrund der oben genannten Faktoren nicht zu 100 Prozent fokussiert sind, dann sinkt die Leistung der Mannschaft dementsprechend ab.

,Veränderungen im Fußball

Zusätzlich wissen wir, dass sich im Fußball in den letzten Jahren sehr viel verändert hat. Nicht nur dass das Spiel schneller und kraftbetonter wurde, auch der Druck und die Erwartungshaltung von Fans, Sponsoren und Medien wurde größer. Heute wird jeder Fehltritt eines Spielers binnen von Sekunden in allen sozialen Medien kommentiert und geteilt.

Um diese komplexen Herausforderungen zu meistern, sind neue mentale Fähigkeiten gefordert, die ebenso trainiert gehören wie ein Muskel. Eine dieser Fähigkeiten im Spitzensport ist die Kompetenzüberzeugung, um Leistung im entscheidenden Zeitpunkt abzurufen. Ein Sportler mit einer ausgeprägten Kompetenzüberzeugung, hat sich für die Bewältigung der Anforderungen, die dazu erforderlichen Ressourcen und Techniken angeeignet und ist überzeugt, diese auch erfolgreich einsetzen zu können. Diese Athleten vermitteln den Eindruck, dass sie sich durch Hindernisse und Hürden nicht beeindrucken lassen. Sie bewahren auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf, übernehmen Verantwortung und behalten den Überblick.

,Veränderungen im Fußball: Heute wird jeder Fehltritt eines Spielers binnen von Sekunden in allen sozialen Medien kommentiert und geteilt. | © Ali Bharmal/Red Bull Content Pool

,Fußball ist reif für einen grundlegenden Wandel

Inwieweit ist nun mentales Training in der Nachwuchsarbeit, in den Vereinen und bei den Spielern selbst angekommen?

Viele Sportpsychologen sowie auch ich sind der Meinung, dass mentalem Training noch immer viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hans Dieter Hermann, Sportpsychologe bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft antwortete einmal auf die Frage, warum nicht viel mehr Teams eng mit einem Sportpsychologen zusammenarbeiten:

,»Etliche Verantwortliche im Fußball haben ein sehr konservatives, männliches, manchmal kriegerisches Bild dieses Sports oder möchten es bedienen. Da passen Psychologen nicht richtig hinein. Dass der Kopf tatsächlich die Steuereinheit und ein guter Ansatzpunkt für Leistungssteigerungen ist, scheint bei manchen nicht anzukommen.«

Hans Dieter Hermann, Sportpsychologe Fußball-Nationalmannschaft Deutschland

Dazu passt auch ganz gut eine Aussage vom Autor Chris Anderson, der das Buch „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, geschrieben hat. Anderson ist heute Professor an der Cornell University und arbeitet als Sportanalyst mit Schwerpunkt Fußball. Er sagt unter anderem: „Der Fußball klammert sich an Dogmen. Der Sport wird von Männern bestimmt, die ihre Kompetenzen nicht gerne von Außenseitern in Frage stellen lassen wollen. Dass es ein Wissen gibt, das ihnen fremd ist. Dass man es nicht so machen muss, wie sie es schon immer gemacht haben. Fußball ist vorsätzlich ignorant. Fußball ist ein Spiel, das reif für einen grundlegenden Wandel ist.“

Es gibt aber auch Ausnahmen, wie zum Beispiel das ÖFB Damen Nationalteam unter Dominik Thalhammer. Für ihn ist mentales Training ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Er sagt, es ist genauso wichtig wie das Training am Platz, weil in dem Bereich unglaublich viel Potenzial steckt.

Ich bin überzeugt, wenn Vereine und Fußballer die nächst höhere sportliche Stufe erreichen wollen, dann ist eine intensive Auseinandersetzung mit der mentalen Komponente unerlässlich. Es ist an der Zeit, dass Vereine schon in der Nachwuchsarbeit mit professionellem Mentaltraining beginnen. Dadurch lernen die Spieler von Grund auf mit Druck und Stress besser umzugehen und können dadurch ihre Leistung bewusst und zielgerecht steuern.

Für ÖFB Damen Nationalteamtrainer Dominik Thalhammer ist mentales Training ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. | © GEPA

Die Verantwortung der Spieler

Aber auch die einzelnen Spieler in den Vereinen sind gefordert. Sie sollten Verantwortung für sich übernehmen und rechtzeitig in ihre Entwicklung investieren. Nur dann werden sie auch in ihren Vereinen Höchstleistungen bringen und sich sportlich weiter entwickeln. Zum Beispiel investierte Per Mertesacker in seiner Zeit beim FC Arsenal jährlich zirka zehn Prozent seines Jahreseinkommens für private Trainer und Therapeuten.

Als Leser interessiert dich jetzt sicherlich, welche mentalen Techniken gibt es und wie können Fußballer dadurch ihre Performance steigern. Dazu möchte ich auf eine Methode näher eingehen.

,Routinen der Schlüssel zum Erfolg

Eine hilfreiche Methode sind Routinen. Routinen werden zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt, zum Beispiel zur Vorbereitung auf ein Match aber auch zur Bewältigung von Misserfolgen während des Spiels.

Im Allgemeinen unterstützen Routinen Spieler dabei, ihre Gedanken zu strukturieren, emotionale Stabilität zu erlangen, ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und auf aufgabenrelevante Informationen zu achten. Diese trainierten Verhaltensmuster helfen dabei, die Trainingsleitungen auch unter Wettkampfbedingungen abrufen zu können.

Jeder Spieler sollte sich persönliche Routinen erarbeiten, die ihm Sicherheit und Vertrauen geben. Erfolgreiche Spieler nutzen diese zum Beispiel vor dem Match, in der Pause, bei Unterbrechungen während des Spiels und zur schnelleren Regeneration nach dem Spiel.

,Beispiel für eine Routine erfolgreicher Fußballer in der Halbzeitpause

Nach der Beanspruchung der ersten Spielhälfte ist es zunächst notwendig, dass sich die Spieler gedanklich und körperlich von den ersten 45 Minuten lösen. Je nach Spieler muss zuerst einmal der Ärger oder die Freude herausgelassen werden. Als nächster Schritt sollte dann bewusst auf Ruhe und Entspannung geschaltet werden um den Kopf frei zu bekommen. Dazu gibt es schnelle und effiziente mentale Methoden, wo die Spieler sich in einen kohärenten Zustand versetzen, um den Anweisungen des Trainers folgen zu können. Im letzten Abschnitt steht dann die körperliche und gedankliche Aktivierung im Vordergrund. Die Spieler müssen sich wieder auf die Anforderungen des Matches einstimmen. Das wäre eine von vielen weiteren Möglichkeiten.

Jeder Spieler sollte sich persönliche Routinen erarbeiten, die ihm Sicherheit und Vertrauen geben – erfolgreiche Spieler nutzen diese zum Beispiel vor dem Match, in der Pause, bei Unterbrechungen während des Spiels und zur schnelleren Regeneration nach dem Spiel. | © Ali Bharmal/Red Bull Content Pool

Jede Handlung, die Spieler tätigen, ist immer von einem mentalen Prozess begleitet. Die Frage ist, beeinflussen Fußballer diesen Prozess bewusst oder überlassen sie dem Verlauf dem Zufall. Das heißt auch, mentale Stärke ist erlernbar! Jeder Spieler kann seine mentalen Fähigkeiten verbessern, auch wenn er bereits in der höchsten Liga spielt. Mentales Training ist ein Prozess, der einmal beginnt und nie endet.

Aus meiner Sicht ist es noch immer unverständlich, dass Vereine diesen mentalen Prozess teilweise vollkommen ignorieren. Klubs investieren enorme Summen in neue Spieler, anstatt ihre bestehenden Spieler bestmöglich zu fördern.

In meiner Arbeit als Mentalcoach betreue ich neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching (unter anderem den mehrfachen IRONMAN Sieger Michael Weiss sowie Fußballer aus der Bundesliga). Das ist die intensivste Form, um auf ihre individuellen Bedürfnisse und Herausforderungen eingehen zu können. Zusätzlich berate ich auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.

Wolfgang Seidl ist selbstständiger akademischer Mentalcoach mit einer Praxis in Wien und in der Oststeiermark. Er bringt langjährige Wirtschafts-Erfahrung mit, war selbst erfolgreicher Leistungssportler und ist heute Mentalcoach von Sportlern, Mannschaften, Führungskräften und Unternehmen. Der Schwerpunkt seiner Arbeit mit Fußball liegt einerseits in der mentalen Betreuung von SpielerInnen sowie im mentalen Coaching und in der mentalen Beratung von Fußballmannschaften. |

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