Im professionellen Fußball haben Spieler und Mannschaften unterschiedliche Strategien, um sich auf Matches vorzubereiten. Die einen vertrauen auf Rituale, andere wiederum haben sich spezielle Routinen zurecht gelegt. Was nun Rituale von Routinen unterscheidet, warum diese hilfreich sein können und in welcher Form sie im Fußball angewandt werden. Ein Gastkommentar von Mentalcoach Wolfgang Seidl.

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Bezeichnungen Rituale und Routinen gleichbedeutend verwendet. Wir sollten beide Begriffe jedoch differenziert betrachten.

Wenn wir von Ritualen sprechen, sind diese häufig an den Glauben übernatürlicher Kräfte geknüpft und weisen meist starre Verhaltensmuster auf. Typisch ist das Bekreuzigen vor Betreten des Spielfeldes oder das Anziehen der Schuhe in einer bestimmten Reihenfolge. Im afrikanischen Fußball sind auch das Beschwören magischer Kräfte, wie zum Beispiel Voodoozauber, verbreitet.

Rituale sind an Aberglaube geknüpft

Alleine der symbolische Charakter von Ritualen kann unter gewissen Umständen entlastend auf Spieler und Trainer wirken. Sie können somit als Abwehrmechanismus wirken, indem sie durch Ablenkung die nervliche Belastung mindern, sowie Ungewissheit und Angst auf ein erträgliches Maß reduzieren. Es gibt Studien, die eine positive Wirkung von Aberglauben auf die Leistung nachweisen. Wir müssen uns jedoch bewusst sein, dass bei veränderten Umständen das Ritual oft nicht ausgeführt werden kann und sich negativ auf die Leistung auswirkt.

Ein Beispiel ist das Champions-League-Achtelfinale im Jahr 2009 zwischen dem FC Arsenal und der AS Roma. Das Ritual des damaligen Arsenal-Profis Kolo Touré war, als letzter Spieler seines Teams den Rasen zu betreten. Daran hielt er konsequent fest. Problematisch wurde es für Touré in diesem besagten Match gegen die AS Roma. Einer von Tourés Mitspielern hatte sich kurz vor der Halbzeit verletzt und wurde noch in der Kabine behandelt. Da der Schiedsrichter wieder zur zweiten Hälfte anpfeifen wollte, Touré jedoch keinesfalls als Vorletzter aufs Feld wollte, mussten seine Teamkollegen kurzzeitig mit neun Spielern weiterspielen. Erst als der behandelte Profi wieder fit war, betrat auch Touré als letzter Arsenal-Spieler den Rasen.

Routinen haben direkten Einfluss auf die Leistung

Im Vergleich dazu haben Routinen einen direkten Einfluss auf die Leistung. Wenn zum Beispiel ein Spieler vor dem Match mittels einer „Pre-Match-Routine“ bewusst seinen idealen Erregungszustand herstellt, wirkt sich das positiv auf seine Leistung aus. Der Spieler steuert durch diese Routine gezielt seine physischen, mentalen und emotionalen Prozesse, ohne sich wie bei Ritualen auf Gott oder übersinnliche Kräfte zu verlassen.

Ein zweites Unterscheidungsmerkmal ist, dass Routinen flexible Anteile beinhalten. Sie sollten so verinnerlicht werden, dass sie auch bei wechselnden Bedingungen vor dem Match angepasst werden können. Folgender Ausspruch beschreibt den Unterschied zwischen Ritualen und Routinen besonders gut:

»Whereas rituals often control athletes, athletes always control their routines«

Die positive Wirkung von Routinen auf die sportliche Leistung ist unbestritten, das zeigen eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten in verschiedenen Sportarten. Routinen werden dabei zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt, zum Beispiel zur Vorbereitung auf ein Match aber auch zur Bewältigung von Misserfolgen.

Im Allgemeinen unterstützen Routinen Sportler dabei, ihre Gedanken zu strukturieren, emotionale Stabilität zu erlangen, ihre Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu fokussieren sowie auf aufgabenrelevante Informationen zu achten. Diese trainierten Verhaltensmuster helfen dabei, Trainingsleistungen auch unter Wettkampfbedingungen abrufen zu können.

Routinen verleihen Sicherheit und Vertrauen

So wie jeder Pilot vor dem Start seinen Routineablauf durchführt, um sicher an sein Ziel zu gelangen, ist es auch im Fußball empfehlenswert, durch antrainierte Routinen Sicherheit und Vertrauen zu gewinnen. Erfolgreiche Spieler und Mannschaften haben sich diese erarbeitet, um sie vor dem Match, in der Pause oder zur schnelleren Regeneration nach dem Spiel anzuwenden. Nachfolgend möchte ich ein praktisches Beispiel für eine typische Halbzeitroutine aus dem Fußball vorstellen:

Nach der Belastung der ersten Spielhälfte ist es zunächst notwendig, dass sich die Spieler gedanklich und körperlich von der ersten Halbzeit lösen. Je nach Spieler muss zuerst einmal der Ärger oder die Freude herausgelassen werden. Im nächsten Schritt sollte bewusst auf Ruhe und Entspannung geschaltet werden. Mit einem ruhigen Geist können sie den Anweisungen des Trainers leichter folgen und diese danach umsetzen. Dafür gibt es effiziente mentale Methoden, mit denen sich die Spieler schnell in einen kohärenten Zustand versetzen können.

Im letzten Abschnitt steht die körperliche und gedankliche Aktivierung im Vordergrund. Die Spieler müssen sich erneut auf die Anforderungen des Matches einstimmen und ihren Erregungsgrad bis zum Anpfiff kontinuierlich steigern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, sowohl Glaube als auch Aberglaube lösen im Sportler innere Vorgänge aus, die sich schlussendlich auf die Leistung am Spieltag auswirken. Meine Empfehlung an Sportler ist, sich ihre eigenen indivuduellen Routinen zu erarbeiten, die ihnen Sicherheit und Vertrauen geben. Ein Mentalcoach oder Sportpsychologe kann dabei unterstützen. #

Wolfgang Seidl

Wolfgang Seidl

Mentalcoach

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN-Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.

Fotos: Marcelo Maragni/Red Bull Content Pool | Markus Berger/Red Bull Content Pool | Markus Berger/Red Bull Content Pool | Wolfgang Seidl