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Eisschwimmen in Gewässern unter fünf Grad Celsius – kann das gesund sein? Die Antwort lautet: ja. Wer im Winter in freier Natur tapfer seine Bahnen zieht, tut Gutes für die Durchblutung, den Kreislauf und das Immunsystem. 

Wir haben uns mit Dr. Josef Niebauer vom Uniklinikum Salzburg über das Thema Eisschwimmen und den Umgang mit Kälte unterhalten. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin und Sportkardiologie und leitet das Institut für präventive und rehabilitative Sportmedizin der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg und ist darüber hinaus leitender Arzt des Olympiazentrums Salzburg-Rif.

Herr Dr. Niebauer, was sind die Voraussetzungen um in kaltem Wasser zu baden oder schwimmen?

Man sollte grundsätzlich gesund sein und sich im Zweifel vom Arzt vorher untersuchen lassen. Menschen mit Herzerkrankungen sollten keinesfalls in eiskaltem Gewässer baden oder schwimmen, weil die Kälte zu einem Anstieg des Blutdrucks und der Herzfrequenz führt. Auch Personen mit einem hohen Blutdruck, sollten vorsichtig sein. Wer gesund ist, dem steht nichts entgegen, das auszuprobieren. Ausschlaggebend wird immer die Dauer sein, die man im kalten Gewässer verbringt.

Welche Temperaturen verträgt unser Körper allgemein?

Grundsätzlich gilt: Die Körperkerntemperatur, also im Inneren des Körpers, liegt zwischen 36 und 37 Grad Celsius. Eine Abkühlung bis circa 35 Grad Celsius ist möglich. Der Bereich darunter wird bereits als Unterkühlung bezeichnet. Dauert eine Unterkühlung zu lange an, kann dies auch zu dauerhaften Schäden oder zum Tod führen. Eine Körpertemperatur ab 32 Grad Celsius gilt jedenfalls als lebensbedrohlich. Die Atmung verlangsamt, eine Eintrübung der Wahrnehmung setzt ein, Bewusstseinsstörungen bis hin zu Bewusstlosigkeit treten auf.

Josef Köberl: Eisschwimmen ist gut für die Durchblutung, den Kreislauf und das Immunsystem.

Was geht im Körper vor, wenn er mit dem sehr kalten Wasser in Berührung kommt?

Setzt man sich Kälte aus, so reagiert der Körper mit einer sogenannten Vasokonstriktion, sprich einer Engstellung der Gefäße. Die Atemfrequenz und die Herzfrequenz steigen. Der Sympathikus im Gehirn wird aktiv und setzt das Alarmsignal ab, wodurch sich die Gefäße – bedingt durch den Kältereiz – zusammenziehen. Denn zum Überleben benötigt der Körper warmes Blut im Herzen, im Gehirn und in den Organen. Das Blut in den Händen und Füßen kühlt durch das kalte Wasser am schnellsten ab. Damit dieses kalte Blut nicht zurück ins Herz, ins Gehirn und in die Organe fließt, schaltet der Körper die Durchblutung mittels Gefäßverengung dort zurück, wo er sie im Moment nicht so dringend benötigt.

Was passiert in dem Moment, wenn man aus dem kalten Wasser herauskommt?

Je nachdem wie lange man der Kälte ausgesetzt war, beginnt die Muskulatur im Körper eventuell schon im Wasser, ansonsten an Land zu zittern, um Wärme zu erzeugen. Man sollte sich langsam wieder einer normalen Temperatur anpassen und auf keinen Fall sofort in die Sauna gehen. Denn Hände und Füße sind jetzt nicht gut durchblutet, die Gefäße sind eng gestellt. Durch die Hitze würden die Gefäße abrupt öffnen und das noch kalte Blut aus Händen und Füßen würde schlagartig ins Innere zu Herz, Gehirn und Organen fließen. Die Gefahr eines Herzstillstandes oder Kammerflimmern bestünde dadurch. Auch Alkohol zum Aufwärmen sollte man keinesfalls einnehmen.

Stärkt die Kälte unser Immunsystem?

Allgemein kann man sagen, wer mit Kälte besser umgehen kann, ist auch besser vor Erkältungen geschützt. Menschen, die Winterbaden oder Eisschwimmen kontrolliert betreiben, stärken ihr Immunsystem.

»Wer mit Kälte besser umgehen kann, ist besser vor Erkältungen geschützt«

Welche Kälte-Anwendungen werden in der Medizin angewendet?

Kälte wird vor allem bei akuten Verletzungen angewendet, dort wo Entzündungen ablaufen oder wo etwas einblutet. Kälte hemmt die Aktivität von entzündungsfördernden Botenstoffen. Rheumatische Erkrankungen sind zum Beispiel ein großer Bereich, in dem Kälteanwendungen zum Einsatz kommen.

Salopp gesagt: wer ein blaues Auge abbekommt, legt am besten als erstes einen Kühlbeutel auf. Was passiert: Durch die Kälte ziehen sich die Gefäße zusammen, das Blut an der verletzten Stelle kann nicht weiter ins Gewebe fließen, die Schwellung wird nicht größer. Die Blutzufuhr wird gedrosselt, indem Wärme entzogen wird, ein weiterer Schaden im Gewebe kann dadurch reduziert werden. Kühlung wirkt lokal entzündungshemmend, indem der Stoffwechsel verlangsamt wird und die Durchblutung sinkt. Nach Entfernen der Kältequelle erfolgt eine reaktive Hyperämie (kurzfristig verstärkte Durchblutung des Gewebes; Anm. d. Red.). Das Blut schießt zurück ins Gewebe und macht die Gefäße wieder weit. Daher sollte man das Coolpack langsam auf der Haut warm werden lassen und dann erst heruntergeben.

Gibt es noch andere Anwendungsbereiche?

Spannend ist auch der Einsatz von Kälte in der Herzchirurgie. Dort wird die Wirkung der Kälte auf den Körper ganz bewusst eingesetzt, um am offenen Herzen operieren zu können. Der Chirurg bringt das Herz durch den Einsatz von Kälte und einer Kalium-Lösung zum Stillstand, um die Operation anschließend durchführen zu können. Die Herz-Lungen-Maschine übernimmt vorübergehend die Herz-Kreislauffunktion und der chirurgische Eingriff kann durchgeführt werden. #

Fotos: Josef Niebauer | Josef Köberl/ORF-Barbara Karlich Show | Christian Bruna