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Foto: Barbara Anderl

EXTREMSPORT Josef Köberl, 44, ist leidenschaftlicher Extremsportler, mehrfacher Weltrekordhalter und heiß auf Eis. Der »Iceman« überquerte den Ärmelkanal von England nach Frankreich in Badehose und schwamm zuletzt 38 Minuten in einer Gletscherspalte auf einer Seehöhe von über 3.000 Metern. Ein Gespräch über Rekorde, lebensbedrohliche Situationen und die Liebe zum Eis.

100 Meter vor dem Ziel brach Josef Köberl am 10. Juli 2021 seinen Versuch, eine Eismeile – 1.609,3 Meter – bei minus 0,23 Grad Celsius zu schwimmen, ab. Ganze 38 Minuten verbrachte er dabei im eiskalten Wasser im Bauch des Hintertuxer Gletschers auf über 3.000 Meter Seehöhe. Durch einen Höhleneingang gelangt man zu einem unterirdischen natürlichen Wasserkanal mit 50 Meter Länge, der aus einer Gletscherspalte entstanden ist. Dort herrscht im Sommer wie im Winter eine konstante Lufttemperatur von Null Grad Celsius. Die Eishöhle kann von der Bergstation aus in wenigen Minuten auch besichtigt werden. Die meisten der Besucher schaffen es kaum, ihre Hand länger als eine halbe Minute in das Eiswasser zu halten. Darin zu schwimmen ist eine extreme Herausforderung, aber grundsätzlich mit ärztlichem Attest für jeden Wagemutigen möglich. Nicht umsonst wird der Eiskanal auch als offizielles Trainingsgebiet von den weltbesten Eisschwimmern genutzt.

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»Hätte ich nicht abgebrochen, würde ich nicht mehr hierstehen«

32 Längen und ein kurzes Zusatzstück galt es für Köberl an diesem Tag zu bewältigen. Die Eismeile ist sich zwar knapp nicht ausgegangen, aber dennoch hat der »Iceman «, wie Köberl gern genannt wird, einen neuen, inoffiziellen Strecken-Rekord aufgestellt. Denn die Distanz von 1.511,5 Metern in Süßwasser, bei solch niedrigen Temperaturen und auf dieser Höhe, hat noch niemand vor ihm schwimmend bewältigt. Die Kälte verursacht von Beginn an Schmerzen, »man könnte durchgehend schreien«, so der Extremsportler. Je länger man im Wasser ist, desto langsamer wird man. Das Bewusstsein trübt sich mehr und mehr ein, je tiefer die Körperkerntemperatur sinkt. Bei Köberl hatte sie nur noch 27 Grad Celsius, eine akut lebensbedrohliche Situation. »Hätte ich das Vorhaben nicht abgebrochen, würde ich nicht mehr hierstehen«, bekennt der Eisschwimmer freimütig.

 

Gesundheit geht vor

Auf das Vorhaben bereitete sich Köberl intensiv vor. Um am Gletscher auf über 3.000 Metern bestehen zu können, absolvierte er im Vorfeld Höhentrainings, damit der Körper die entsprechende Anzahl an roten Blutkörperchen entwickelt. Die Woche davor schwamm der Ausnahmeathlet Trainingsschwimmeinheiten von 450 Metern und 1.000 Metern im Natureispalast. Ein Sicherheitsplan wurde erstellt und immer wieder durchgegangen. Ein Arzt und ein perfekt eingespieltes Rettungsteam hatten jeden Armzug von Köberl im Auge, um jederzeit eingreifen zu können. »Meine Gesundheit ist mir wichtiger«, sagte der Extremsportler nach der knapp zweistündigen Aufwärmphase danach.

Extremsportler Josef Köberl im Interview

WELTREKORDHALTER Als erster Österreicher schwamm Josef Köberl 2014 die sogenannte »Eismeile«. | © Barbara Anderl

Lange Liste der Rekorde

Entdeckt hat Köberl seine Leidenschaft fürs Eisschwimmen vor acht Jahren. Generell versteht man darunter das Schwimmen in unter fünf Grad Celsius kalten Gewässern. Der heute 44-jährige Familienvater gründete den österreichischen Verband der International Ice Swimming Association, kurz IISA, und steht diesem als Präsident vor. Seitdem verbucht der Eisschwimmer zahlreiche Rekorde: Als erster Österreicher schwimmt er 2014 im Grundlsee die sogenannte »Eismeile «. 2015 durschwimmt er in 14 Stunden den Ärmelkanal von England nach Frankreich bei einer durchschnittlichen Temperatur von 17 Grad Celsius. Im September 2020 verbessert er seinen erst 2019 aufgestellten Weltrekord »Longest Duration Full Body Contact with Ice« auf eine neue Bestzeit: Zwei Stunden 30 Minuten 57 Sekunden verbrachte er von der Zehe bis zur Schulter in einer transparenten Box gefüllt mit 2.000 Kilogramm Eiswürfeln.

 

»Wer einmal im kalten Wasser war, hat die Gewissheit dass er das jederzeit wieder tun kann.«

 

Treffpunkt Alte Donau

Aber es ist nicht nur der Extremsport, der Köberl antreibt. Seine Begeisterung für das Schwimmen im kalten Wasser gibt er an Interessierte weiter. Im Herbst und Winter organisiert der Ausnahmeathlet jeden Sonntag Schwimmtreffen an der Alten Donau. Jeder, der kommen will, kann kostenlos mitmachen. Es gibt kein Muss und keinen Druck, jeder bestimmt für sich selbst, wie weit er gehen will. »Für manche ist es bereits ein Erfolg, wenn er nur mit den Füßen im kalten Wasser steht und beim nächsten Mal klappt es dann meistens und die Person taucht mit dem ganzen Körper ins Wasser ein«, erklärt Köberl. Über 3.500 Menschen hat der Extremsportler nach eigenen Angaben bereits auf diese Weise zum Eisschwimmen gebracht. Es muss nicht immer extrem sein. »Eisschwimmen kann jeder gesunde Mensch«, erklärt der Ausnahmeathlet. Als Belohnung erwartet einen eine unendlich große Freiheit, denn, »wer einmal im kalten Wasser war«, so Köberl, »hat die Gewissheit, dass er das jederzeit wieder tun kann«.

 

Unsere Gletscher verschwinden

Neben dem Sport setzt sich der Freund der Kälte auch für den Erhalt unserer Gletscher ein. Seine sportlichen Erfolge im Eiswasser nimmt Köberl immer wieder zum Anlass, um auf den dramatischen Gletscherschwund in den Alpen aufmerksam zu machen. Denn das ewige Eis in den Alpen verschwindet zusehends. Die Gletscher sind bedeutende Wasserzulieferer für viele Flusssysteme und haben entscheidenden Einfluss auf das Klima. »Wenn wir nicht darauf schauen, werden wir bald keine Gletscher mehr haben«, so der Extremsportler, der hauptberuflich im Klimaschutzministerium arbeitet. Ein Fürsprecher, der mit dem Eis auf Tuchfühlung geht. Bleibt zu hoffen, dass seine Botschaft gehört wird. #

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