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Foto: Chaay Tee | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 33. Ausgabe des Sport Business Magazin (04-2021) erschienen.

GASTBEITRAG Die Olympischen Winterspiele in China stehen vor der Tür – eines der Sporthighlights des Jahres 2022. Wenn am 4. Februar die Milliardenspiele in Peking eröffnet werden, wird auch der in Wien lebende Südtiroler Egon Theiner, 53, dabei sein – in seiner Rolle als Deputy Venue Media Operations Manager. Der Autor und Verleger öffnet einen der vielen Vorhänge rund um die Olympischen Spiele, um einen exklusiven Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Die Bilder gleichen sich. 1998 in Nagano oder 2002 in Salt Lake City, als ich als Sportredakteur für die Salzburger Nachrichten von den Olympischen Spielen berichten durfte. 2006 in Turin, 2012 in London, 2018 in Pyeongchang, als ich als Venue Media Manager mit dabei war. 2008 in Peking, als ich für den Olympic News Service arbeitete. 2010 in Vancouver, als ich beim Internationalen Skiverband eine Funktion innehatte oder 2014 in Sotschi und 2016 in Rio, als mich Olympic Broadcasting Services engagiert hatte. Nicht nur die Bilder, auch die Emotionen gleichen sich.

Der Sport ist die größte Konstante in meinem Leben, die Olympischen Spiele höchste Expression sportlichen Könnens. Ich bin ihnen verfallen, und dies sage ich mit all dem Pathos eines Enthusiasten und mit all der Nüchternheit einer aufgeklärten Person, der Begriffe wie Nachhaltigkeit, Umweltschutz oder Menschenrechte wichtig sind. Darüber zu sinnieren und zu schreiben würde den Rahmen sprengen – denn diese Zeilen sollen ein Blick hinter die Kulissen, oder vielleicht besser: ein Blick durch das Schlüsselloch der Olympischen Spiele sein. Es kann nichts anderes als eine fragmentarische Betrachtung sein, zu viel spielt sich politisch, ökonomisch, gesellschaftlich rund um die Spiele ab – auch das würde den Rahmen sprengen. Um was es mir hier geht, lässt sich in zwei Worte definieren: Media Operations.

INSIGHTS EINES MEDIA OPERATIONS MANAGERS »Empathie, Verständnis, besonders aber lösungsorientiertes Handeln sind keine hohlen Schlagworte und Freundlichkeit, gute Laune, Lächeln eine Selbstverständlichkeit« | © 2018 Mc 243/Shutterstock

Die meisten aus meinem Bekanntenkreis glauben, es würde um Berichterstattung, Internetauftritte oder Social-Media-Aktivitäten gehen. Ich werde nicht müde zu erklären: Media-Operations-Verantwortliche versetzen andere, die Journalisten nämlich, in die Lage, ihre Arbeit zu machen. Media Operations kümmert sich um das Pressezentrum, das in einem Gebäude, einem Zelt, oder in Containern untergebracht sein kann, um die sogenannte Mixed Zone, in der sich Sportler mit Medienschaffenden austauschen, um Positionen für die Fotografen, um die Pressetribüne und auch um die Pressekonferenz. Was jetzt nur wenige Zeilen der Beschreibung in Anspruch genommen hat, ist in der Realität eine kleinteilige Angelegenheit, die große Ressourcen verlangt: Geld, Zeit und vor allem Personal.

Jede, oder fast jede, Wettkampfstätte bei Olympischen Spielen verfügt über ein eigenes Pressezentrum, das zwar nicht 24 Stunden geöffnet ist, aber zuweilen fast. Den Medien muss die Möglichkeit gegeben werden, vor dem Wettbewerb darin zu verweilen und nach diesem darin zu arbeiten. Nun geht nichts über den Wettkampf – gäbe es diesen nicht, gäbe es keine Notwendigkeit für irgendetwas anderes –, es sind indes die Medienvertreter, die die Ereignisse global verbreiten. Und sie vertrauen darauf, dass sie ihrer Tätigkeit nachgehen können, auf welchem Kontinent, zu welcher Zeit auch immer. Ich ziehe gerne die maslowsche Bedürfnispyramide als Vergleich heran. Es geht den Medien nicht in erster Linie darum, umsorgt und verwöhnt zu werden.

Es geht ihnen darum, einen trockenen, warmen Arbeitsplatz zu haben, mit Stuhl, Tisch, Internetanschluss. Wenn dies nicht gegeben ist, brauchen wir über die Cafeteria nicht einmal sprechen. Es geht den Medien aber auch darum, Ansprechpartner für ihre Fragen zu haben, sei es nach dem Kontakt zu einem bestimmten Team, der Wetterbericht für den nächsten Tag oder die Abfahrtszeit des letzten Shuttlebusses. Bildschirme, um die Konkurrenz mitzuverfolgen, sind in der Zwischenzeit im Medienbereich zu einem Muss geworden. Sauber und aufgeräumt müssen Medienzentrum oder Pressekonferenzraum ebenfalls sein. Und etwas zu essen und trinken sollte es auch geben, denn die Tage sind für alle lang.

» Nicht vergessen werde ich auch, wie ich in London dem damaligen Prinzen und heutigen König Felipe von Spanien und seiner Entourage den Zutritt zur Mixed Zone verwehrte. «

Egon Theiner | Autor und Verleger

Werden zwischen 200 und 400 Journalisten pro Tag erwartet, arbeiten rund 50 Personen in zumindest zwei Schichten im Team von Media Operations – und können dennoch nicht alles selbst bewerkstelligen. An jeder Wettkampfstätte gibt es Verantwortliche für die einzelnen Teilbereiche, beispielsweise für Akkreditierung, Freiwillige, Raumpflege, Mülltransport, sanitäre Anlagen, Verpflegung, ärztliche Versorgung, den Transport aller möglichen Gruppen, Stromversorgung, IT-Angelegenheiten, aber auch Übersetzungsservice, für das Fernsehen, VIPs, Zuschauer oder das Aussehen und Branding der Wettkampfstätte, und so weiter. Über allen thront der Venue Manager mit seinem Team, der Bürgermeister dieser temporären Kleinstadt sozusagen. Ach ja, und Security gibt es selbstverständlich auch noch – und nicht nur in China.

Eine Wettkampfstätte in Schuss zu halten, ist eine komplexe Angelegenheit. Das »daily run sheet«, aus dem hervorgeht, wann welcher Bereich öffnet und schließt wird zum Referenzblatt für alle. Es sollte doch noch Transportmöglichkeiten geben zu jener Stunde, in der das Medienzentrum schließt, und sei es 02.00, 03.00 oder 04.00 Uhr nachts. Und es sollte geputzt und aufgeräumt sein, ehe die ersten Reporter in der Früh ankommen.

Die Erlebnisse und Erkenntnisse, die ich bei allen Olympischen Sommer- und Winterspielen erfahre, halte ich hoch in Ehren. Die Interaktion in einem internationalen Umfeld, bei dem die landestypische Mentalität auf jene ausländischer Mitarbeiter trifft, stellt Herausforderung und Belohnung gleichermaßen dar. Nicht vergessen kann ich einen Satz meines Venue Managers in Turin, der da meinte: »Wenn es hier in unserem Bereich Probleme gibt, dann lösen wir sie uns selbst. Wir haben es nicht nötig, höherrangige Stellen einzuschalten.« Es war eine Weisung fürs Leben: Wenn was daneben geht, bring‘ es selber wieder in Ordnung! Nicht vergessen werde ich auch, wie ich in London dem damaligen Prinzen und heutigen König Felipe von Spanien und seiner Entourage den Zutritt zur Mixed Zone verwehrte – weil ihm erstens seine Akkreditierung für diesen Bereich keinen Zugang gewährte, und weil er zweitens dort ohnehin nichts verloren gehabt hätte.

MEDIA OPERATIONS »Die meisten glauben, es würde um Berichterstattung, Internetauftritte oder Social-Media-Aktivitäten gehen« | © Egon Theiner

Und gerne erinnere ich mich an Pyeongchang zurück, wo ich als Europäer zuerst einiges zu verstehen hatte in Sachen Kommunikation, wo ich aber auch über 20 Pressekonferenzen moderierte, unter anderem jene von Big-Air-Olympiasiegerin Anna Gasser.

Media Operations ist eine kundenorientierte Aktivität. Wer in diesem Bereich arbeitet, stellt sich in den Dienst der Medien und deren Aktivitäten. Empathie, Verständnis, besonders aber lösungsorientiertes Handeln sind keine hohlen Schlagworte, sondern mit Leben gefüllt. Freundlichkeit, gute Laune, Lächeln eine Selbstverständlichkeit. Das ist nicht immer leicht, siehe oben – der Tag ist für alle lang. Steht die Kundenzufriedenheit an erster Stelle, und soll diese gewährleistet werden, dann ist es unumgänglich, für ein gutes Betriebsklima im eigenen Team zu sorgen.

Auch wenn es einige Anführer wie Venue Media Manager, Venue Photo Manager, Mixed Zone Supervisor, Press Conference Room Supervisor, und so weiter gibt, so sind die Freiwilligen jene Gruppe, mit der sehr vieles steht und fällt. Sie erhalten Uniform, warme Mahlzeiten, lange Arbeitstage und Eindrücke, die sie ein Leben begleiten werden – und ich höre die Einwände, dass man es sich leisten könnte, sie auch zu bezahlen – aber: auch das ist wieder eine andere Geschichte. Freiwillige müssen motiviert und inspiriert werden, ihnen muss klar sein, dass sie es sind, die die Olympischen Sommeroder Winterspiele ermöglichen.

Sport Business Magazin Winterausgabe 04-2021

WEISUNG FÜRS LEBEN »Wenn es hier in unserem Bereich Probleme gibt, dann lösen wir sie uns selbst« | © Michael Kappeler/dpa/picturedesk.com

Wenn wir vom Erbe (»legacy«) der Großveranstaltungen sprechen, dann denken wir meistens nur an Bauten und Sportstätten, die danach wie weiße Elefanten unnütz in der Gegend herumstehen, doch wir übersehen die menschliche Komponente. Jeder, der einmal im Zeichen der fünf Ringe gearbeitet hat, nimmt Emotionen, Erinnerungen, Erzählungen mit auf seinen, oder ihren, weiteren Lebensweg – gerade auch das Heer von Tausenden von Freiwilligen! Doch was passiert, wenn 20, 30, 50 oder mehr Prozent der Volunteers ausfallen, weil sie einfach nicht mehr kommen oder erkranken? Es gibt Notfallpläne: So könnte Personal aus andern Bereichen rekrutiert werden, so könnten auch Service-Leistungen heruntergefahren werden, die unwichtigsten zuerst, die wichtigsten jedenfalls gar nicht.

In Peking, genauer: in Chongli, rund 250 Kilometer nördlich von Peking, noch genauer: im Genting Snow Park, werden unter anderem die Freestyle- und Snowboard-Wettbewerbe auf sechs Pisten ausgetragen, es gibt drei Mixed Zones und ein Pressezentrum, das zum Hotspot chinesischer Journalisten werden dürfte – denn gerade dort erwartet man sich einiges an Medaillen für die Athleten aus dem Reich der Mitte. 20 Medaillensätze werden vergeben, einige davon in Nacht-Events.

Das wird ein Stress und ein Fest. Und ganz ehrlich, ich freue mich schon drauf! #

Egon Theiner

Egon Theiner

Autor und Verleger

Jahrgang 1968, gebürtig aus Bozen/Südtirol, lebt seit 2004 in Wien, ist Autor und Verleger. Theiner ist immer wieder beruflich in sportlichen Großveranstaltungen involviert. In der restlichen verfügbaren Zeit läuft er am liebsten lang und gerne, besonders Ultratrails.

www.egoth.at

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