Warum Trainer von ihrem Team abhängig sind und wie mental starke Spieler Rückhalt geben können. Ein Gastkommentar von Mentalcoach Wolfgang Seidl.
Aus der Sicht vieler Fußballfans sind Trainerjobs eine einfache Sache. Das sagen jene, die sich selbst als die klügsten Taktiker und Experten fühlen und sowieso alles besser wissen. Wenn wir die Arbeit eines Trainers jedoch im Detail betrachten, dann ist diese extrem komplex und umfangreich.

Wir können das Aufgabengebiet und die Verantwortung eines Bundesligatrainers mit dem eines CEO aus einem Wirtschaftsunternehmen vergleichen. Während in der Wirtschaft meist nicht klar definiert ist, an welchen Kriterien erfolgreiches Führen festzumachen ist, gibt es im Fußball oft nur ein einziges Kriterium das zählt, nämlich der Erfolg. Dieser widerspiegelt sich in Siegen, Punkten und an der Tabelle. Daneben steht der Fußball und somit der Trainer ständig im öffentlichen Interesse und wird von Medien, Fans und Vereinsverantwortlichen wöchentlich mindestens einmal beurteilt. Das bedeutet für Trainer, dass sie von allen Seiten enormem Druck ausgeliefert sind und im Vergleich zu einem CEO in der Wirtschaft nicht die Zeit zur Verfügung haben, um in Ruhe zu arbeiten und Nachhaltiges zu schaffen.

Verweildauer von CEOs im Vergleich zu Bundesligatrainern

In einer Studie vergleicht Professor Schmid den Posten eines Bundesligatrainers mit einem CEO eines DAX Unternehmens. Er stellte fest, dass die Verweildauer eines Bundesligatrainers im Schnitt bei nur 1,2 Jahre lag, während die Amtszeit von CEOs einen Mittelwert von 5,1 Jahren aufweist.

In einer anderen Studie haben die Sportpsychologen Strauss und Tippenhauer zwischen 1963 und 2009 mehr als 10.000 Spiele und Ergebnisse analysiert und die vorzeitigen Entlassungen von Bundesligatrainern untersucht. Das Fazit der Wissenschaftler ist, dass eine Entlassung meist die falsche Strategie ist. Zwar hätten die neuen Trainer häufig einen kurzfristigen Aufwind gebracht, sind aber danach umso unsanfter mit ihrem Team wieder abgestürzt. Beide Forscher führen die immer wiederkehrenden Entlassungswellen in der Bundesliga auf den hohen öffentlichen Druck zurück.

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Der Trainerjob kann ein Drecksjob sein. Er ist für viele Kollegen ein Schleudersitz. Bevor sie zeigen konnten was sie draufhaben, sind sie wieder weg vom Fenster. Dann fragt keiner, woran es lag.

Jürgen Klopp
Cheftrainer FC Liverpool

 

Die Abhängigkeit von Trainern

Der Erfolg eines Trainers ist immer abhängig von den Protagonisten auf dem Spielfeld und deren Bereitschaft und Fähigkeit, zu performen. Für Trainer ist es entscheidend, einen guten Zugang zu jedem einzelnen Spieler zu finden und im Team eine Balance herzustellen, zwischen dem Bemühen, die Kontrolle zu behalten und anderseits, Verantwortung abzugeben. Eine starre Struktur nach dem Motto „Folge mir weil ich der Boss bin und ich es weiß“ ist in der heutigen Zeit veraltet und führt zu keiner Leistungsentwicklung. Nur wenn jedes einzelne Teammitglied das Vertrauen bekommt, sich einzubringen und zu entwickeln, wird dies zu einem Fortschritt führen. Hat ein Trainer das vollste Vertrauen in seine Mannschaft, dann kann er sich zum Zeitpunkt des Spiels zurücknehmen und den Spielern ihren persönliche Entscheidungsfreiraum geben.

Eine Mannschaft als Kartenhaus

In meiner Zusammenarbeit mit Spielern und Vereinen stelle ich immer wieder fest, dass es selbst Profis in der Bundesliga an mentalen Fertigkeiten mangelt, um ihr volles Potential auszuschöpfen. Die wenigsten haben in ihrer fußballerischen Ausbildung mentale Werkzeuge vermittelt bekommen, wie sie mit herausfordernden Situationen am Platz beziehungsweise auch in ihrer Karriere umgehen sollen. Gerade im Fußball stellt die Unvorhersehbarkeit eines Spielverlaufs eine große Herausforderung dar. Wenn das Match nicht nach Plan verläuft, liegt es in der Verantwortung der Spieler, flexibel zu reagieren und ihre mentalen Fertigkeiten zu nutzen. Gerade in diesen Situationen ist ein starker Kopf der Schlüssel zum Erfolg.

Stellen sie sich als Metapher eine Mannschaft, symbolisch als mehrstöckiges Kartenhaus, vor. Jeder Spieler verkörpert eine Stütze. Fehlt es nun mehreren Spielern an mentaler Stärke, so kommt es hier zu Schwachstellen und das Kartenhaus droht einzustürzen. Spielt man gegen eine schwächere Mannschaft, können die Mitspieler das vielleicht noch kompensieren. Gegen einen starken Gegner jedoch ist das vorgegebene Spielsystem nicht mehr umsetzbar und das Kartenhaus bricht in sich zusammen. Gerade im Spitzensport zählt jedes Prozent und am Ende liegt der Unterschied immer im Kopf!

Spieler fördern statt Trainer feuern

Im Fußball hat sich in den letzten Jahren extrem viel verändert, er ist schneller, athletischer und professioneller geworden. Wo die meisten Vereine noch immer nachhinken ist in der mentalen Betreuung und Förderung ihrer Spieler und Mannschaften.

Moderne Trainer holen sich Spezialisten wie erfahrene Mentalcoaches oder Sportpsycholgen in ihr Team, weil sie selber nicht jeden einzelnen Bereich abdecken können. Dadurch fördern sie gezielt jeden einzelnen Spieler und diese tragen wieder zur Leistungssteigerung der Mannschaft bei. Und ganz nebenbei sorgen die Trainer auch dafür, dass ihre eigene Verweildauer beim Verein verlängert wird.

Erfolgreiche Mannschaften wie Red Bull Salzburg haben frühzeitig erkannt, wie wichtig die mentale Arbeit ist und vertrauen schon seit Jahren auf die Arbeit von professionellen Coaches.

 

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN-Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.
Wolfgang Seidl

Mentalcoach

Fotos: © Marcelo Maragni/Red Bull Content Pool | © GEPA pictures/Jasmin Walter  | © MANA4YOU