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Mit dem Fußball um die Welt: Das Geschäft mit den Emotionen vor dem Aus? Fast über Nacht verloren Fußballreisen-Anbieter durch die weltweite Covid-19-Pandemie ihre Existenzgrundlage: den Sport und die Zuschauer. Das Ergebnis: Massenhafte Stornierungen und Umsatzverluste von 100 Prozent. Der Fußballtourismus erlebt aktuell seine schwierigste Zeit. Die Lage ist dramatisch – die Folgen werden es auch sein. Wir haben den Markt analysiert und uns in der Branche umgehört.

Sevilla, Spanien. Wir schreiben Donnerstag, den 11. Juni 2020. Es steht eines der hitzigsten Derbys des spanischen Fußballs, wenn nicht gar der Welt, an. Das Derbi sevillano. Sevillistas gegen Béticos. Rot gegen Grün. Sevilla FC gegen Real Betis Balompié. Und gleichzeitig der Re-Start der spanischen LaLiga. Ein Spiel mit enormer symbolischer Wirkung für das so schwer vom Coronavirus gebeutelte und fußballverrückte Spanien. Noch nie war die Aufmerksamkeit für das „El Gran Derbi“ auf der ganze Welt so groß wie an diesem Donnerstagabend.

Kurz vor 22.00 Uhr Ortszeit ist es dann soweit: Die Spieler kommen aus den Katakomben und aus den Lautsprechern des Stadions erhallt die „Himno del centenario del sevilla“. Eine der berühmtesten Vereinshymnen im europäischen Vereinsfußball, vergleichbar mit „You’ll Never Walk Alone“ in Liverpool an der Anfield Road.

Normalerweise erheben sich spätestens jetzt alle 43.833 fanatischen Fans des FC Sevilla im ausverkauften Estadio Ramón Sánchez Pizjuán von ihren Plätzen, strecken ihre Fanschals in den andalusischen Nachthimmel und beginnen voller Stolz und Emotion a cappella zu singen: „Cuentan las lenguas antiguas, que un 14 de octubre nació una ilusión…“. Übersetzt: „Alte Sprachen erzählen, dass am 14. Oktober eine Illusion geboren wurde…“ Es gab Trainer in Sevilla, die von ihren Spielern verlangten, die Hymne bis auf das letzte Wort auswendig zu lernen. Knapp drei Minuten geht das Spektakel – Gänsehaut garantiert. Ein Erlebnis, bei dem das reine Fußballspiel in den Hintergrund gerät. Es geht um mehr als nur Fußball. Das ist Derby- Stimmung.

Singende Sevilla-Fans beim Derbi sevillano: Es ist ein Geschäft mit Emotionen, ein Geschäft das boomt, doch dieses Geschäft fällt nun aus.
© Sevilla FC

Genau diese magischen Momente haben sich Fußballreisen-Anbieter zum Geschäft gemacht. Manche Fans machen es „professionell” und nennen es Groundhopping, andere schauen einfach nur gerne Fußball in anderen Ländern. Die Rede ist von Menschen, die für besondere Fußballspiele rund um den Globus reisen. Es ist ein Geschäft mit Emotionen. Ein Geschäft das boomt. Doch dieses Geschäft fällt nun aus.

Anstatt der 43.833 fanatischen Fans im Stadion werden Anhänger via Videoschaltung auf dem Stadion-Bildschirm eingeblendet, die die Hymne live mitsingen. Die Tribünen – leer. Virtuelle Zuschauer und eingespielte Fangesänge sollen den Anblick und die Atmosphäre für die Millionen TV-Zuschauer verschönern. Die Stimmung bleibt aber aus. Genauso wie der Umsatz für die Reiseanbieter.

Kaum eine Branche hat die Coronakrise so hart getroffen wie die des Tourismus. Direkt betroffen ist auch Fußballreisen-Anbieter Christian Pramberger: „Im Moment halten wir bei 100 Prozent Umsatzverlust.“ Die Gründe dafür liegen auf der Hand: „Auf der einen Seite sind wir von den geschlossenen Grenzen betroffen, auf der anderen Seite finden Sportevents aktuell ausschließlich ohne Zuseher statt. Wir werden erst wieder Umsätze erwirtschaften, sobald alle Grenzen geöffnet und die Fans in die Stadien gelassen werden“, so der Geschäftsführer von RES Touristik und Gründer von Fussballreisen.com.

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Unsere Kunden wollen Spiele in vollen Stadien und die damit verbundene Emotionalität erleben, ein Spiel vor knapp 18.000 Zuschauern in der Allianz Arena in München ist da nicht sehr attraktiv. 

Christian Pramberger
Geschäftsführer RES Touristik und Gründer Fussballreisen.com

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Wenn es im Herbst keine Publikumsspiele gibt, werden wir im Jahr 2020 einen Umsatzverlust von mindestens 80 Prozent haben.

Ferdinand Weiss
Geschäftsführer Weiss Touristik und Gründer Fanreisen24.com

Teilöffnungen der Stadien: „Nicht sehr attraktiv“

Einen Normalbetrieb wird es in naher Zukunft für den gebürtigen Wiener und sein Unternehmen nicht geben: „Erst wenn die völlige Reisefreiheit gegeben ist und die Stadien wieder für die Fans geöffnet werden, ist ein Normalbetrieb wieder möglich.“ Eine Teilöffnung der Stadien ist für den Reiseveranstalter ebenfalls keine Lösung, so Christian Pramberger:

»Unsere Kunden wollen Spiele in vollen Stadien und die damit verbundene Emotionalität erleben, ein Spiel vor knapp 18.000 Zuschauern in der Allianz Arena in München ist da nicht sehr attraktiv.« 

Trotz positiver Entwicklung der Fallzahlen in Europa rüstet man sich bereits für nächstes Jahr: „Wir haben mehrere Szenarien erarbeitet, realistisch sind Fußballreisen wohl erst wieder im Frühjahr 2021.“ Ferdinand Weiss seinesgleichen Geschäftsführer von Weiss Touristik und Gründer von Fanreisen24.com trifft die Coronakrise ebenfalls hart:

»Wenn es im Herbst keine Publikumsspiele gibt, werden wir im Jahr 2020 einen Umsatzverlust von mindestens 80 Prozent haben.« 

Studie: Zwei Drittel aller Reisenden planen Urlaub für Sportereignisse

Noch vor wenigen Monaten, bevor das Coronavirus Europa erreichte, florierte das Geschäft. Das bestätigt uns auch Pramberger: „Fußballreisen boomen, das sehen wir auch bei unseren jährlich steigenden Umsatzzahlen.“

Laut einer aktuellen Studie der Expedia Group haben 68 Prozent aller Fußballfans weltweit schon mindestens einmal ihren Urlaub um ein Sportereignis herum geplant. Fast die Hälfte, 47 Prozent, gab an, ihren Urlaub schon einmal umgebucht zu haben, um ein Fußballspiel nicht zu verpassen.*

Barcelona ist unter allen Fußballfans das beliebteste Reiseziel: »Städtereisen-Wochenende mit einem Heimspiel im Camp Nou verbinden« 
© fussballreisen.com

Fußballmekka Barcelona

Barcelona ist unter allen Fußballfans das beliebteste Reiseziel. Weltweit möchte fast ein Drittel, 30 Prozent, hier ein Spiel live miterleben. Das kann auch Christian Pramberger bestätigen:

»Äußerst beliebt sind Reisen zum FC Barcelona, hier lässt sich perfekt ein Städtereisen-Wochenende mit der ganzen Familie mit einem Heimspiel im Camp Nou verbinden.«

Die Standorte Nummer zwei und drei liegen auf der Insel: Je 20 Prozent der befragten Fußballfans möchten in London und Manchester ein Spiel verfolgen. Auf Platz vier folgt die spanische Hauptstadt Madrid. „Generell ist die Premier League die Liga mit den meisten Buchungen. Hier zählt der FC Liverpool mit seinem kultigen Stadion, der Anfield Road, zum absoluten Top-Seller“, so der Fußballreisen-Anbieter. In Deutschland ist der FC Bayern München (Fußball-)Touristenmagnet Nummer eins.

Besonders Derbys sind bei den Anhängern gefragt. Am populärsten ist laut Pramberger ein Spiel aus der Scottish Premier League: „Hier ist das Old Firm in Glasgow – Celtic gegen die Rangers – das beliebteste Spiel, dicht gefolgt vom Derbi madrileño – Real Madrid gegen Atlético Madrid.“ Aber auch das Merseyside- Derby zwischen Liverpool und Everton, das Nord-London-Derby zwischen Tottenham und Arsenal, das Manchester-Derby zwischen United und City sowie das Mailänder Derby zwischen Inter und Milan erfreuen sich großer Beliebtheit.

Ferdinand Weiss hebt insbesondere die Vorzüge der iberischen Halbinsel hervor: „Ich kann jeden Fan empfehlen, nach Bilbao, Sevilla oder Valencia zu reisen. Die Kombination Kultur, Kulinarik und Kick ist in Spanien besonders erlebnisreich.“

20 bis 35 Prozent der Stadionbesucher bei den Top-Klubs sind Fußballtouristen: »Wichtige Einnahmequelle für Verein und Stadt«
© pixabay

Elf Stunden reisen, um den Klub seines Herzens live anzufeuern

Wie es um die Begeisterung echter Fans steht, belegen auch diese Zahlen: Zwei Drittel, 67 Prozent, aller befragten Fußballfans waren schon mindestens einmal bei einem Auswärtsspiel dabei. Einer von zehn Fans würde sogar über elf Stunden reisen, um den Klub seines Herzens live anzufeuern.

Fußballreisen werden häufig auch mit entsprechend prominenter Begleitung angeboten. Laut der Expedia- Studie führt der ehemalige brasilianische Stürmer-Star Ronaldo Nazário die Wunschliste beim Promi-Begleitservice an. Auf Platz zwei folgt David Beckham, aber auch aktive Spieler wie Lionel Messi und Cristiano Ronaldo stehen hoch im Kurs. Christian Pramberger bietet mit Fussballreisen.com neben diesem Service auch sogenannte „Incentives“ zu Sportveranstaltungen an:

»Es handelt sich dabei um durchorganisierte Reisen für Unternehmen bestehend aus Linienflügen, Hotelunterbringung, Zusatzleistungen wie Stadtrundfahren sowie Eintrittskarten – von Premium über VIP bis zur exklusiven Lounge ist alles möglich.«

Eine neue Reiseform, die sich laut dem Experten immer größerer Beliebtheit erfreut und gerne von Firmenkunden als Belohnungen für Mitarbeiter, Kunden oder Partner gebucht wird.

Stadionbesuch schlägt Familienfeier und Romantikurlaub

Einen tiefen Einblick in das Gemütsleben echter Fußballfans liefert eine weitere Erkenntnis der Expedia-Studie. Danach sind echte Fußballfans ihrem Klub offenbar oftmals enger verbunden als der eigenen Familie und Freunden.

Nicht anders ist es nämlich zu verstehen, dass 52 Prozent der Befragten bereit sind, eine familiäre Verpflichtung sausen zu lassen, um bei einem Fußballspiel live dabei sein zu können. 20 Prozent würden sogar ihren Partner versetzen und einer von zehn Fans würde eine Hochzeitseinladung absagen, um bei einem Fußballspiel live dabei sein zu können.

Auch (Not-)Lügen scheinen bei Fußballfans nicht selten vorzukommen. So gaben fast ein Drittel, 32 Prozent, der befragten Fußballfans zu, dass sie schon mindestens einmal dem Partner einen Romantikurlaub untergejubelt haben, der in Wirklichkeit aber nur ein Vorwand war, um ein Fußballspiel live sehen zu können.

»Während der lokale Fan einmal im Jahr das aktuelle Trikot erwirbt, stürmt der Fußballtourist regelrecht den Fanshop«
© SBM

So wichtig sind Sportereignisse für den Tourismus

Für die jeweiligen Städte und Regionen ist Fußballtourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden. So ergaben die von der Expedia Group ermittelten Daten, dass an Tagen, an denen Spielpläne von Meisterschaften oder internationalen Bewerben verkündet werden, die Flug- und Unterkunftsbuchungen bis zu dreimal höher sein können als normal. Ferdinand Weiss schätzt, dass insgesamt 20 bis 35 Prozent der Stadionbesucher bei den Top-Klubs Fußballtouristen sind: „Sie stellen damit eine wichtige Einnahmequelle für Verein und Stadt dar. Fußballtourismus ist zweifelsohne ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Fußballreisen bedienen eine lange Wertschöpfungskette: Transportunternehmen, Hotels, Fremdenführer, Eintritte in Museen, Gastronomiebetriebe und eine Reihe weiterer Unternehmen sind unmittelbar damit verbunden.“

Die Klubs profitieren von der erhöhten Konsumbereitschaft der Touristen. „Während der lokale Fan einmal im Jahr das aktuelle Trikot erwirbt, stürmt der Fußballtourist regelrecht den Fanshop und kauft in der Regel mehrere Merchandising-Artikel“, so der Experte. „Für die ‚once in a lifetime experience‘ ist der Fan auch bereit, ein VIP-Ticket plus eine Stadiontour obendrauf zu buchen“, verrät uns der Gründer von Fanreisen24.com. Auch Gastgeber von Fußballturnieren wie der WM und EM sowie Austragungsorte großer Finalspiele wie der UEFA Champions oder Europa League profitieren stark vom Tourismus. Damit selbstverständlich auch die Reiseanbieter. Doch wie geht es nach Corona weiter? 

„Der Trend wird wieder zu Buchungen über seriöse Reiseveranstalter gehen. In den vergangenen Jahren haben wir erlebt, dass viele ihre Reisen selbst zusammengestellt haben. Reisende werden wieder die Sicherheit zu würdigen wissen“, ist sich Pramberger sicher und merkt an: „Generell werden Reisen wieder mehr als ‚Luxus‘ wahrgenommen werden, die Leute werden Reisen wieder mehr zu schätzen wissen.“ Wann diese Fußballreisen in gewohnter Form wieder stattfinden können, steht aktuell noch nicht fest. „Solange die Fans sich mit ihren Vereinen identifizieren, wird Fußball die zweitwichtigste Sache der Welt bleiben. Die Lust ins Stadion zu gehen, wird ungebrochen sein“, blickt Weiss einer positiven Zukunft entgegen, ehe er das Gespräch mit einem Zitat des ehemaligen Liverpool-Managers Bill Shankley beendet:

»Manche Leute glauben, der Fußball ist so wichtig wie das Leben und der Tod. Da bin ich anderer Meinung – Fußball ist noch viel wichtiger.«

 

*Die Studie wurde im Auftrag der Expedia Group weltweit unter 16.500 Fußballfans zwischen dem 25. Februar 2019 und dem 25. März 2019 durchgeführt. #

Eingangsfoto: © fussballreisen.com