EXKLUSIV-GESPRÄCH Fußballstar und Teamkapitänin des Österreichischen Nationalteams Viktoria »Viki« Schnaderbeck über Karrierehighlights, Rückschläge, Motivation, ihr Erfolgsmodell, Frauenpower, innovative Projekte mit Cousin Sebastian Prödl und Damenfußball in Österreich.

Im Alter von sieben Jahren beginnt Viktoria Schnaderbeck, 30, in Kirchberg an der Raab, beim ortsansässigen TSV Kirchberg Raab mit dem Fußballspielen. Ihre erfolgreiche Karriere führt sie zunächst zum Landesausbildungszentrum Weiz, über den Grazer Athletiksport Klub (GAK), bis hin zum großen FC Bayern München mit gerade einmal 16 Jahren. Aktuell spielt die gebürtige Grazerin in der FA Women’s Super League beim englischen Spitzenklub FC Arsenal.

Frau Schnaderbeck, nach elf Jahren beim FC Bayern spielen Sie seit Sommer 2018 für den FC Arsenal. Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen den beiden Klubs?

Der größte Unterschied besteht in der Transparenz der beiden Klubs. An der Säbenerstraße wird beispielsweise tagtäglich der Verletzungsstatus veröffentlicht. Solche Dinge passieren in London hinter verschlossenen Türen. Ansonsten gibt es viele Gemeinsamkeiten. Es handelt sich um zwei Traditionsvereine mit einer starken Fankultur und viel Historie. Darüber hinaus werden sie bis heute von zwei Klublegenden geprägt. Einerseits vom langjährigen Manager und Präsidenten des FC Bayern, Uli Hoeneß, und andererseits vom französischen Teammanager Arsène Wenger. Beide genießen in ihren Vereinen bis zum heutigen Tag Kultstatus.

Mir persönlich fiel es leicht, mich im Klub in Nord-London zu integrieren. Ich fühlte mich von Beginn an, wie in einer großen Familie, die sich durch engen Zusammenhalt und flache Hierarchie auszeichnet. Kurz nach meinem Wechsel zum FC Arsenal verletzte ich mich am Knie und wurde danach von der Vereinsführung und den Mitspielerinnen zu 100 Prozent unterstützt.

Sind die Unterschiede zwischen den Ligen ausgeprägter?

Ich finde den Vergleich spannend. In Deutschland ist der Spielstil mehr von Taktik und defensiver Ausrichtung geprägt als in England. Auf der Insel ist der Spielstil temporeicher und risikofreudiger. Die Spiele sind spannender als in Deutschland, weil mehr passiert. Zusammenfassend muss man sagen, dass der englische Fußball attraktiver und körperbetonter ist. Die Spielerinnen sind bereits mit 16, 17 Jahren körperlich topfit.

 

»Aufgrund der Tatsache, dass ich auch in schwierigen Zeiten die Rückendeckung und das Vertrauen des Trainers genieße, habe ich keinerlei Wechselgedanken. Der Fußball ist jedoch ein schnelllebiges Geschäft, bei dem man nichts ausschließen kann.«

Viktoria Schnaderbeck

 

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer persönlichen Leistung im Klub und könnte es trotz Vertragsverlängerung beim FC Arsenal irgendwann ein Comeback in der deutschen Bundesliga geben?

Mit meiner Leistung war ich bis zu meiner Verletzung im November zufrieden. Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt regelmäßig von Beginn an gespielt. Im Moment ist die Situation jedoch etwas frustrierend, denn die Knochenprellung, die ich im Spiel gegen Manchester United erlitt, ist stärker als zunächst angenommen wurde. Ich werde wohl noch einige Wochen ausfallen.

Aufgrund der im nächsten Jahr zu erwartenden möglichen Fünffachbelastung, von Europameisterschaft, Meisterschaft, Champions League, FA-Cup und Continental-Cup, ist es wichtig für mich, wieder vollständig zu genesen. Aufgrund der Tatsache, dass ich auch in schwierigen Zeiten die Rückendeckung und das Vertrauen des Trainers genieße, habe ich keinerlei Wechselgedanken. Der Fußball ist jedoch ein schnelllebiges Geschäft, bei dem man nichts ausschließen kann.

ARBEITGEBER FC ARSENAL »Der englische Fußball ist attraktiver und körperbetonter« | © David Price

Gibt es Ihrer Meinung nach, seit dem sensationellen Halbfinaleinzug bei der Europameisterschaft 2017 in den Niederlanden, einen Aufschwung im österreichischen Frauenfußball? Wenn ja, wie äußert sich dieser?

Es ist nach der Ära Dominik Thalhammer (ehemaliger Nationaltrainer; Anm. d. Red.) durchaus zu Veränderungen gekommen.

Irene Fuhrmann gibt es einerseits die erste weibliche Teamchefin im österreichischen Fußball und andererseits viele junge Talente, die Startelfkandidatinnen sind. Der Kader ist breiter geworden und daher eröffnen sich mehr Optionen für die Teamchefin. Ich würde auf jeden Fall von einem Aufschwung im österreichischen Frauenfußball sprechen.

Außerdem gibt es in der konkreten Arbeit wesentliche Unterschiede zwischen Thalhammer und Fuhrmann. Dominik Thalhammer ist detailverliebter und macht gerne klare Vorgaben zu seinen taktischen Plänen. Dies erachte ich als sehr positiv. Irene Fuhrmann arbeitet auch mit taktischen Vorgaben, ist jedoch flexibler in der Spielausrichtung. Als Frau hat sie einen anderen Zugang zu Frauen. Sie spielte mit vielen Spielerinnen wie mir selbst noch zusammen im Nationalteam. Das verbindet und ist eine große Stärke.

 

»Es macht mir Spaß, mit den unterschiedlichsten Institutionen zusammenzuarbeiten. Mein Ziel ist es, zu inspirieren, ohne oberlehrerhaft rüberzukommen.«

Viktoria Schnaderbeck

 

In diesem Zusammenhang möchte ich das Projekt »BE THE ONE« erwähnen, das Sie mit Ihrem Cousin Sebastian Prödl initiiert haben. Es handelt sich dabei um einen Verein zur Förderung des Mädchen- und Frauenfußballs in Österreich. Geben Sie uns doch einen Einblick.

Ja gerne. Der Verein wurde Ende 2020 nicht nur von mir und meinem Cousin Sebastian Prödl ins Leben gerufen. Die Mitinitiatoren sind verdiente Persönlichkeiten wie Manuel Ortlechner, seines Zeichens ehemaliger Nationalspieler und Ex-Kapitän der Wiener Austria, Peter Schilling und Dominic Kollinger. Es handelt sich um eine unabhängige Plattform, die den Mädchen- und Frauenfußball voranbringen will. In Schulen organisieren wir Trainingseinheiten, um mehr Mädchen zum Fußballspielen zu motivieren. Die Werte, die vermittelt werden, sind Toleranz und Chancengleichheit.

Darüber hinaus ist es uns sehr wichtig, aktive Spielerinnen mit ins Boot zu holen. Einerseits wollen wir dadurch eine Brücke zwischen jungen und aktiven Spielerinnen schlagen. Andererseits können aktive Spielerinnen in ihrer Funktion als Werbebotschafteninnen helfen, neue Stakeholder mit ins Boot zu holen, um beispielsweise Netzwerke aufzubauen. Dadurch wird auch das Sponsoring vorangetrieben.

Sie sind auch als Keynote-Speakerin tätig. Was kann man sich darunter vorstellen?

Ich bin nun das zweite Jahr bei »fit im Job« im Einsatz und darf meine Expertise einbringen. Es handelt sich dabei um ein Projekt, das die Mitarbeitergesundheit fördert und die Wirtschaftskammer Steiermark seit 20 Jahren organisiert. Darüber hinaus halte ich am internationalen Frauentag einen Vortrag für Generali Österreich, der Frauenpower in Männerdomänen thematisiert. Es macht mir Spaß, mit den unterschiedlichsten Institutionen zusammenzuarbeiten. Mein Ziel ist es, zu inspirieren, ohne oberlehrerhaft rüberzukommen.

FOKUSSIERT »Das Wichtigste ist, dass man ein Ziel vor Augen hat, um zu wissen wohin man will« | © Fifteen Seconds

Auf LinkedIn gibt es ein eigenes Format von Ihnen, das sich »Coffee Talk« nennt. Was hat es damit auf sich?

Kaffee ist meine Leidenschaft, weil er mit sozialer Interaktion zu tun hat. Aufgrund der Pandemie finden aktuell viele Kontakte online statt. Ich will diese Gelegenheit nutzen, um mit meiner Community zu diskutieren. Ich versuche beispielsweise Tipps zu geben, wie man sich nach sieben Operationen immer noch motivieren kann. Es geht darum, Menschen nach Rückschlägen zu ermutigen und ihnen eine Perspektive zu geben, sowie über Themen wie Erfolg, Motivation und Mindset zu sprechen.

Was ist Ihr persönliches Erfolgsmodell?

Ich gab mir nach meiner siebten Operation am selben Knie zehn Versprechen. Diese dienen als mein persönlicher Mentaltrainer, Ratgeber und innerer Guide – und das nicht nur für sportliche oder gesundheitliche Themen, sondern auch für mein privates und berufliches Leben.

 

»Es gab viele schwierige, harte und zähe Tage. Aber das Wichtigste ist, dass man ein Ziel vor Augen hat, um zu wissen wohin man will. Dieses Ziel breche ich in Meilensteine herunter und schätze jeden kleinen Schritt.«

Viktoria Schnaderbeck

 

Wie kann man sich nach sieben Operationen noch motivieren?

Ohne meinem Durchhaltevermögen, meiner Disziplin und meinem absoluten Glauben, wäre das nicht möglich gewesen. Es gab viele schwierige, harte und zähe Tage. Aber das Wichtigste ist, dass man ein Ziel vor Augen hat, um zu wissen wohin man will. Dieses Ziel breche ich in Meilensteine herunter und schätze jeden kleinen Schritt. Aber die Grundvoraussetzung ist, dass dein Herz und Körper bereit sind.

Was war Ihr bisher schönster Moment, Ihr Karrierehighlight in einer so erfolgreichen Laufbahn?

Auf Nationalteamebene war es der Einzug ins Halbfinale der Europameisterschaft 2017, nach dem erfolgreichen Elfmeterschießen gegen Spanien, mit einer Truppe, die wie eine Familie für mich war. Auf Klubebene war es der Sieg im Pokalfinale mit dem FC Bayern München gegen FFC Frankfurt. Auch dort hatte ich das Gefühl, den Erfolg mit einer Gruppe von Freunden feiern zu dürfen.

Außerdem hat die Verteidigung des deutschen Meistertitels 2016 einen hohen Stellenwert für mich. Wir waren eine Mannschaft mit extrem vielen Winner-Typen. Darüber hinaus hatten wir einen unglaublichen Teamspirit und eine starke Taktik. Es machte auch sehr viel Spaß, in der darauffolgenden Saison bis ins Viertelfinale der Champions League vorzustoßen. Ich merkte in diesen Saisonen, dass sich harte Arbeit lohnt.

Frau Schnaderbeck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

MARKTWERT

Der Marktwert der 30-jährigen Defensivspielerin beläuft sich auf 75.000 Euro. Dies ist ein beachtlicher Wert im Damenfußball. Die teuerste Fußballerin ist aktuell die dänische Nationalspielerin Pernille Harder. Sie wechselte Anfang September 2020 für die Rekordablösesumme von 330.000 Euro zum FC Chelsea an die Stamford Bridge.

SOCIAL MEDIA

Auch in den sozialen Netzwerken ist Viktoria Schnaderbeck eine gefragte Frau. Sie hat auf Instagram rund 37.000 Follower, auf Facebook 36.000 und auf Twitter 5.000.

SPONSORING

Der ÖFB und der Hauptsponsor der Damen-Bundesliga, Planet Pure, gaben im September 2020 bekannt, dass Viktoria Schnaderbeck gemeinsam mit ihrem Cousin und ehemaligen Nationalspieler Sebastian Prödl die Schirmherrschaft der österreichischen Frauen- Bundesliga übernehmen.

WAS VERDIENT EIN WEIBLICHER FUSSBALLPROFI?

Es ist nicht bekannt, wie viel Viktoria Schnaderbeck verdient. Ihr Verdienst als Premier-League-Spielerin dürfte aber deutlich höher sein, als der Durchschnittsgehalt im Damenfußball. Dieser befindet sich ohnehin klar unter dem der Männer. Laut den »Global Sports Salaries Survey« verdienten die 1.700 Fußballspielerinnen aus den sieben Top- Ligen USA, Deutschland, Frankreich, England, Schweden, Australien und Mexiko im Jahr 2017 zusammen 32,8 Millionen Pfund also rund 36,91 Millionen Euro. Damit kassierten sie etwa 100.000 Euro weniger als der brasilianische Megastar Neymar alleine.

Laut Datendienstleister »Statista« verdient eine Fußballspielerin in Frankreich am besten. Das durchschnittliche Gehalt soll in der dortigen ersten Liga 44.135 Euro pro Jahr betragen. Die Deutschen liegen auf Platz zwei, mit durchschnittlich 38.766 Euro. Die weiteren Plätze belegen England (31.344 Euro), die USA (23.985 Euro) und Schweden (12.553 Euro).

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Eingangsfoto: Fifteen Seconds

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