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Foto: James Moy/PA/picturedesk.com | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 34. Ausgabe des Sport Business Magazin (01-2022) erschienen.

FORMEL 1 Der ehemalige Rennwagen-Designer und Rennsportlegende Gary Anderson ist überzeugt, dass Red Bull, Mercedes und Co. ihre Arbeitsweisen in Anbetracht des Budget Caps überdenken müssen.

Herr Anderson, die Formel 1 hat für diese Saison eine Kostenobergrenze des Budgets auf 140 Millionen US-Dollar pro Team festgelegt.

Ja, aber das bedeutet nicht, dass die Teams nur so viel ausgeben. Es gibt zahlreiche Ausnahmen, wie zum Beispiel die Fahrergehälter oder die Gehälter der drei bestbezahlten Führungskräfte. Des Weiteren gibt es diverse Aspekte, die nicht direkt mit dem Fahrbetrieb des Autos verbunden sind, wie Strom-, Gas- und Wasserrechnungen, Prämien und so weiter. Die Liste ist lang.

Ist die Obergrenze also nur Schall und Rauch?

Wenn man es grob betrachtet, könnte man immer noch von einem Gesamtbudget in der Höhe von 350 Millionen Dollar für ein Top-Team ausgehen. Die Kostenobergrenze konzentriert sich auf das Design, die Entwicklung und den Fahrbetrieb der Autos. Es ist schwierig, genau zu beziffern, wie viel die großen Teams nun kürzen mussten. Vor Covid-19 gaben sie rund 400 Millionen US-Dollar aus. Nun wird ein erheblicher Teil davon auf Bereiche entfallen, die vom Budget Cap ausgeschlossen sind. [So viel kostet ein Formel-1-Wagen]

Verfehlt der Budget Cap damit seinen Zweck?

Aus meiner Sicht ist es der falsche Weg, eine Budgetobergrenze so anzugehen. Sie sollte alles abdecken und dann liegt es am Team, Schlüsselentscheidungen zu treffen. Soll man 50 Millionen Dollar für einen Fahrer ausgeben oder lieber ins Auto stecken und dann den besten Fahrer, den es für zehn Millionen Dollar gibt, verpflichten?

Wenn die Grenze bei 200 bis 250 Millionen Dollar liegen würde, wäre es viel einfacher zu kontrollieren. So wird vieles nicht einkalkuliert. Du kannst keinem, der für eine Tochtergesellschaft arbeitet, verbieten, Ideen zu entwickeln, die bei einem Bier im Pub weitergegeben werden. Wenn ich alle guten Ideen aufzählen müsste, die mir beim Bier trinken kamen, wäre die Liste endlos. Deshalb ist die aktuelle Version für mich eine halbe Sache. Wenn es Grauzonen in den Regeln gibt, wird jemand sie ausnutzen, manchmal unbeabsichtigt, häufiger absichtlich – besonders in der Formel 1.

Sport Business Magazin 34 Frühlingsausgabe 01-2022 Erling Haaland

Wo spart man am besten ein, um die Obergrenze einzuhalten?

Die großen Teams mussten vor allem Personal abbauen, was sie erreicht haben, indem sie Mitarbeiter in andere Projekte versetzten. Ferrari hat ein neues Gebäude in Maranello gebaut und mehr Personal an Haas abgestellt, während Mercedes Projekte wie den America’s Cup übernommen hat. Die Personalkosten sind eine große Kostenstelle, aber es gab auch andere Veränderungen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Alles, was man tut, ist mit Kosten verbunden. Daher muss man überall reduzieren, zum Beispiel weniger Windkanalmodelle und Modellkomponenten bauen oder weniger langfristige Forschungsprojekte übernehmen. Variable Kosten wie Unfallschäden, können große Auswirkungen haben – für Ferrari belief sich diese Rechnung letzte Saison auf rund 2,5 Millionen Pfund. Das war in der Höhe wohl nicht vorhersehbar. Wenn man also sein Budget aufgebraucht hat und drei Rennen vor Saisonende ein paar schwere Unfälle passieren, soll man dann die Saison vorzeitig beenden? Man braucht trotz aller Kürzungen weiterhin Rücklagen.

Durch welche Maßnahmen werden die am besten geschaffen?

Die größten Teams werden Kürzungen, Umstrukturierungen und Änderungen vorgenommen haben, die verhindern, dass man in Schwierigkeiten kommt. Einige Teams werden bereits auf dem richtigen Niveau gewesen sein, während es für die kleineren Teams immer noch ein Traum sein wird, nun so viel Geld auszugeben. Es sind also unterschiedliche Herausforderungen für die jeweiligen Teams. Die großen Rennställe müssen intelligenter und mit einem kleineren Budget arbeiten, als sie es gewohnt sind.

Wie arbeitet es sich, wenn man plötzlich um ein Drittel weniger Budget zur Verfügung hat?

Zu meiner Zeit als technischer Direktor habe ich für Teams gearbeitet, die kleinere Budgets hatten, und oft kam das erwartete Geld nicht einmal, sodass Kürzungen vorgenommen werden mussten. Am Rennfahren selbst kann man nicht wirklich einsparen, also ging es meist zu Lasten der Entwicklung des Fahrzeugs oder eben des Personals. Ich habe oft erlebt, wie wir Leute abbauen mussten, was wirklich sehr verstörend ist. Die Leute, die noch da sind, fragen sich dann, ob sie die nächsten sein werden.

Muss überall eingespart werden, um die Grenze zu halten?

Manchmal geht es nicht ums Reduzieren, sondern darum, wie man die Dinge tut. Die großen Teams haben ihre Prozesse und Arbeitsweisen auf ein bestimmtes Ausgabenniveau ausgerichtet. Sie haben gelernt, die Design-, Forschungs- und Entwicklungszeit zu maximieren und dabei die Herstellungszeit zu verkürzen. Das war erfolgreich, aber auch teuer. Sie müssen nun viele Änderungen an der Vorgehensweise vornehmen, was sich auf die Qualität und den Umfang der Arbeit auswirken kann.

Können Sie uns erneut ein Beispiel geben?

Einige Teams verwenden mindestens zwei Windkanalmodelle, von denen eines im Kanal getestet und das zweite nach einer anderen Spezifikation vorbereitet wird. Es ist zeit- und kostensparender nur das Modell zu tauschen, als die gesamte Spezifikation des Windkanals zu verändern. Zudem ist es auch viel genauer. Man kann dann die Teile durch immer mehr Tests verfeinern, bis man die beste Lösung gefunden hat. Doch das ist kostspielig und dauert. Einige dieser Schritte müssen wohl eliminiert werden, wodurch das Risiko steigt, dass ein Teil nicht das tut, was man möchte.

Profitieren also kleinere Teams von der neuen Regelung?

Wenn sie das Budget aufstellen, ja. Bei den kleineren und weniger erfolgreichen Teams ist es umgekehrt: Sie bekommen ab sofort mehr Zeit für Windkanal- und Strömungsmechaniktests als je zuvor. In Wirklichkeit müssen sie ihre Arbeitsweise also nicht ändern. Das Wichtigste für sie ist, sich darauf zu konzentrieren, warum sie weniger erfolgreich waren, und diese Schwächen anzugehen, da die Budgetobergrenze für mehr Gleichheit sorgen sollte.

Wird die Budgetobergrenze also ihr Ziel erreichen und den Wettbewerb ausgeglichener machen?

Das wird sie, solange die FIA es korrekt umsetzen und überwachen kann. Solange diejenigen, die es sich leisten können, einen Weg finden diese Kontrolle zu umgehen und trotzdem ausgeben was sie wollen, was sie wollen, wird das nichts. Wenn ein kleineres Team dieses magische Etwas findet, kann es lange Zeit in der Saison einen Vorteil haben. Sowas gab es immer wieder. Viele erinnern sich bestimmt noch an den Doppel-Diffusor von Brawn GP. Zuletzt kamen die großen Teams immer mit genug Upgrades zum dritten oder vierten Rennen und haben wieder alles in Grund und Boden gefahren. Wenn die genaue Überwachung gewährleistet ist, wird der Budget Cap den Sport positiv verändern. Ich behaupte aber weiterhin, dass es viel besser und fairer gewesen wäre, hätte man alles hineingepackt.

Herr Anderson, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

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