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Fotos: msref.at | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin erschienen.

EXKLUSIV-GESPRÄCH FIFA-Schiedsrichter Manuel Schüttengruber, 38, über niedrige Gehälter, Unsicherheiten, mangelnde psychologische Unterstützung, fehlende Planbarkeit und der Unparteiische als Randnotiz.

Bereits mit 13 Jahren absolvierte Manuel Schüttengruber Dank einer Sondergenehmigung des Oberösterreichischen Fußballverbands die Schiedsrichterprüfung. Nach vier Jahren im Nachwuchsbereich leitete er 2001 die erste Partie einer Kampfmannschaft. Durch entsprechende Leistungen stieg er Liga für Liga auf und leitete bereits im Alter von 22 Jahren Spiele der Regionalliga.

Von 2006 bis 2009 sammelte der heute 38-Jährige als Schiedsrichterassistent in der Bundesliga Erfahrung im Profifußball. 2009 bekam er das Vertrauen des ÖFB, als Schiedsrichter eingesetzt zu werden. Fünf Jahre später wurde er von der Schiedsrichterkommission als einer von sieben internationalen Schiedsrichtern Österreichs ernannt und zählt mit fast 2.000 geleiteten Spielen zu den besten seiner Zunft.

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Herr Schüttengruber, wird man Schiedsrichter, wenn man als Fußballer nicht gut genug ist?

Ich habe selbst auch Fußball gespielt, aber als Spieler hätte ich es nie so weit gebracht wie als Schiedsrichter. So ehrlich muss man sein.

Was ist der Reiz am Schiedsrichter-Job?

Für Gerechtigkeit im Fußball zu sorgen. Dass man nicht alles richtigmachen kann, ist menschlich. Wir versuchen das nicht einfach verständliche und komplexe Regelwerk – es gibt so viel Interpretationsspielraum – umzusetzen.

Ein Polizist hat es viel leichter, da Gesetze nicht so dehnbar sind wie die Regeln im Fußball. Sollte ein Betroffener mit der Strafe nicht einverstanden sein, entscheidet in einem späteren Verfahren ein Richter. Wir müssen hingegen unsere Entscheidungen direkt am Spielfeld treffen. Wenn man sich das Spiel nachher im TV ansieht, würde man viele Entscheidungen nicht mehr so treffen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Jede konstruktive Kritik ist ein Tipp und hilft mir bei der Weiterentwicklung. Daher sehe ich Kritik nie negativ, sondern nehme sie als Anstoß zum Nachdenken.

FIFA-Schiedsrichter Manuel Schüttengruber

MANUEL SCHÜTTENGRUBER Faire Bezahlung? »Jeder schlägt die Hände über dem Kopf zusammen«

Benötigen Schiedsrichter psychologische Unterstützung?

Psychologische Hilfe wäre sehr wichtig – das fordere ich bereits über fünf Jahre. Schiedsrichter sind keine Angestellten des ÖFB, sondern selbstständig. Aus diesem Grund müssen wir das Thema selbst in die Hand nehmen.

Wären Sie gerne hauptberuflich Schiedsrichter und muss es Profischiedsrichter geben?

Ich halte es in Österreich für nicht notwendig und würde auch selbst keiner sein wollen. Ein Halbprofi-Schiedsrichter würde mehr Sinn machen. Sich einen ganzen Tag nur mit Fußball zu beschäftigen, ändert nichts an der Leistung. Eine Unterstützung im Time-Management wäre hier schon ausreichend. Vor allem an Spieltagen wäre es hilfreich, wenn man vorher nicht arbeiten und in der Folge zum Spiel hetzen muss.

Wie oft sind Sie unsicher bei Entscheidungen?

Das kommt des Öfteren in einem Spiel vor, aber ich muss eine Entscheidung treffen. Die Unsicherheit bleibt bestehen, denn sehr oft basiert eine Entscheidung auf einer Vermutung. Ob der Pfiff richtig war, muss ich anhand der Körpersprache des Spielers, des Fallverhaltens oder der Reaktion des gegebenen oder nicht gegebenen Pfiffes lesen. Im Moment meines Pfiffes bin ich von der Richtigkeit meines Tuns überzeugt, denn ansonsten dürfte ich ihn nicht tätigen.

FIFA-Schiedsrichter Manuel Schüttengruber

UNTERSTÜTZUNG »Psychologische Hilfe wäre sehr wichtig – das fordere ich bereits über fünf Jahre«

Österreichische Schiedsrichter spielten bei Endrunden oder wichtigen europäischen Spielen in den letzten Jahren keine Rolle. Warum?

Da wir in Österreich den Video-Schiedsrichter nicht hatten, war dies nicht möglich. Nun haben wir die Grundvoraussetzungen geschaffen und müssen die Leistungen in den nationalen und internationalen Spielen abrufen. Harald Lechner und ich erfüllen jetzt alle Bedingungen.

Bei einer Endrunde hingegen werden Profischiedsrichter bevorzugt. So hatten England, Spanien und Deutschland zwei Unparteiische bei der EURO. Als Schiedsrichter aus einem kleinen Land hat man eine minimale Chance und die muss man nutzen.

Wie planbar ist ein Schiedsrichterjahr – terminlich und finanziell?

Überhaupt nicht. Ich bekomme zwei Wochen vor einer Partie Bescheid, aber erst fünf Tage davor die Information, um welches Spiel es sich handelt. International ist die Vorbereitungszeit noch kürzer: etwa eine Woche. Da weiß man aber noch nicht, wohin die Reise geht und ob man drei, vier Tage unterwegs ist.

Auch aus finanzieller Sicht ist ein Schiedsrichterjahr nicht planbar. Wenn man verletzt oder krank ist, verdient man kein Geld. In Österreich gibt es kein monatliches Entgelt, ebenso müssen Physiotherapeuten oder Masseure selbst finanziert werden.

Ist die Schiedsrichter-Entlohnung gegenüber den Spielergehältern fair?

Für jeden aus der Privatwirtschaft, mit dem man über die Entlohnung der Schiedsrichter spricht, ist es unvorstellbar. Jeder schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Wo bekommt ein Entscheidungsträger in der Wirtschaft weniger als jeder andere? Das gibt es nirgends.

Reich wird man als Schiedsrichter nicht, aber das weiß man im Vorhinein und stellt sich darauf ein. Der Fußball ist nicht für Schiedsrichter gemacht, sondern für Spieler, Fans, Emotionen und Spaß. Der Schiedsrichter ist eine Randnotiz, der dafür verantwortlich ist, dass das Spiel in gerechten Bahnen über die Bühne geht. Eine Gegenüberstellung des Aufwandes zwischen Spieler und Schiedsrichter wird es nie geben, da diese nicht realistisch und zielführend ist. Wer mehr bezahlt bekommt, wird leider auch mehr wertgeschätzt.

Herr Schüttengruber, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. #

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