Unsere Redakteurin Gerhild Hofer wagt im Selbstversuch den Sprung ins eiskalte Wasser unter Anleitung von Eisschwimmer Hansjörg Ransmayr.

An einem strahlend blauen Sonntag Ende November 2020 mache ich mich auf den Weg nach Obertauern. Unten im Tal ist noch alles grün, auf der Passhöhe angekommen eröffnet sich eine prächtige Gebirgswelt in Weiß. Spaziergänger mit dicken Anoraks, Schlitten und Skitourengeher sind unterwegs. Der Gedanke, heute in einem der Bergseen schwimmen zu gehen, macht mir ein mulmiges Gefühl. Der Salzburger Eisschwimmer Hansjörg Ransmayr zeigt uns, wie man es angeht. Er hat sich aufs Schwimmen in frischen und naturbelassenen Gewässern im Kombipack mit Wandern spezialisiert und durchschwamm als erster Österreicher die Straße von Gibraltar vom spanischen Festland nach Afrika.

Mentale Unterstützung bekomme ich auch von meiner sportlichen Freundin Stephanie, ihrem Ehemann Paul und Tochter Marie, die mit mir gemeinsam den Sprung ins eiskalte Wasser wagen.

Grünwaldsee in Obertauern: Wassertemperatur ein Grad Celsius.

Wir starten zu Fuß vom Hotel Seekarhaus, queren die Skipisten zum gleich neben der urigen Hochalm gelegenen Grünwaldsee auf rund 2.000 Meter Seehöhe. Am Weg zu unserem Ziel, fällt mir das erste Mal auf, wie viele kleine idyllische Seen es in Obertauern direkt neben der Skipiste gibt, die man beim Skifahren gar nicht so beachtet.

Die Sonne reflektiert im Schnee und zaubert uns ein prachtvolles Gebirgspanorama bei sieben Grad Celsius Außentemperatur. „Wir haben Glück“, sagt Hansjörg, „dort drüben beim Zufluss vom oberen See ist eine eisfreie Stelle“. Das Wasserthermometer zeigt frostige ein Grad Celsius an. Rundherum glitzern Schnee und die zugefrorenen Eisflächen. Eine Kulisse wie aus dem Disney-Film „Die Eiskönigin“. „Ich lass los, die Kraft sie ist grenzenlos. Es ist Zeit, ich bin bereit – die Kälte sie ist nun ein Teil von mir“, singt Elsa im Lied „Let it go“. Und wir sind auch bereit: Die Schikleidung abgelegt, stehen wir bloßfüßig mit Bikini beziehungsweise Badehose bekleidet am Uferrand. Bis jetzt gar nicht so schlimm, denke ich, die erste Hürde ist geschafft. Aber jetzt wird´s ernst. Mit ruhiger Stimme fragt Hansjörg bereits zum wiederholten Male nach: „Wer will jetzt wirklich ins Wasser gehen?“ „Ja, ich will“, bekräftige ich entschlossen und denke mir, Augen zu und durch. Hansjörg krault als erstes circa 15 Meter bis zur Stelle, wo die Eisdecke beginnt, so hat er uns vom Wasser aus genau im Blick.

Stephanie und Hansjörg Ransmayr wagen als erste den Sprung ins eiskalte Wasser.

Jetzt geht alles schnell. Nach Stephanie und Marie bin ich an der Reihe. Ich stelle mir den im Schnee eingebetteten Grünwaldsee als Oase in der Wüste Sahara vor. Fokussiere mich ganz auf mich und denke an die beiden Sätze „Man muss es nur wollen“ und „Lass die Kälte zu“. „Tief in den Bauch atmen nicht vergessen“, ruft Hansjörg aus dem Wasser zu. Mit den Füßen stehe ich im Wasser und eine eisige Kälteflut durchfährt meinen Körper, sofort befiehlt mein Gehirn, „Alarm, geh raus“, aber ich vertraue Hansjörg und ziehe mein Vorhaben durch. Die Hände kurz ins Wasser eingetaucht und hinein geht’s. Ich schwimme auf Hansjörg zu, hurra, es funktioniert. Die Kälte durchfließt schwallartig den Körper, ein Gefühl, als hätte man viele Eiswürfel auf einmal verschluckt. Auf halbem Weg zu Hansjörg, nach circa sechs bis sieben Metern drehe ich wie ferngesteuert um, zurück zum Ufer. Schnell ein Handtuch und dann passiert folgendes: Mir ist gar nicht kalt, ich spüre eine angenehme kribbelnde Wärme von Innen. „Der extreme Kältereiz führt zu einer starken Kreislaufstimulation, zu einer Aktivierung des Stoffwechsels und regt das Immunsystem an“, erklärt uns unser männlicher Schwimmgefährte Paul Windischbauer, von Beruf Hals-Nasen-Ohren-Facharzt. Nur mit einem Handtuch umwickelt, stehen wir vor der wunderschönen Kulisse des Grünwaldsees da und strahlen wie die Eiskönige.

„Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende“, sagte schon der Philosoph Demokrit. Danke Hansjörg, danke Obertauern. Und eines wissen wir alle sofort: Es war nicht das letzte Mal, wir kommen wieder! #

Das Gehirn befiehlt: »Alarm, geh raus«

Hansjörg Ransmayr bietet „Schwimmurlaube“ dieser außergewöhnlichen Art an:

Seine Schwimmtouren führen in unterirdische Gletscherseen auf über 3.000 Meter Seehöhe am Hintertuxer Gletscher in Tirol, in aufgelassene Bergwerksseen im slowenischen Karstgebirge, bis hin zu idyllischen Waldseen und einsam gelegenen Bergseen, aber auch nach Kroatien zum Schwimmen mit Delphinen.

Empfehlenswert sein Buch „Wildswimming Alpen“, in dem er die schönsten Bergseen, Bäche und Wasserfälle in Österreich, Deutschland, der Schweiz, Italien und Slowenien vorstellt.

150 wilde Bade- und Schwimmstellen sind es, die er alle persönlich getestet und behutsam mit Rücksicht auf die Natur ausgesucht hat. Die Sicherheit jedes Einzelnen und der Schutz der Natur haben beim Schwimmen immer oberstes Gebot.

Eingansfoto: TVB Obertauern / Hj.Ransmayr | Andere Fotos: Hj.Ransmayr