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Foto: HANNAH MCKAY/AFP/picturedesk.com

FUSSBALL Er wird oft als die »wichtigste Nebensache der Welt« gesehen. Doch immer mehr Menschen – vom Fan bis zum Spieler – scheinen sich von der Omnipräsenz und vom Cash-Cow-Dasein des Fußballs abzuwenden.

Als der Fußball im Mai 2020 nach den Corona-Lockdowns zurückkehrte, waren alle erleichtert. Nicht nur in Bezug auf die finanziellen Auswirkungen auf die Vereine und Sponsoren, sondern auch wegen der Bedeutung für die Fans – ein Schritt zurück in die Normalität. Nach drei Monaten totaler Funkstille war die schönste Nebensache der Welt zurück. Vorfreude und Aufregung waren groß, aber bei vielen nicht von Dauer: Seitdem gibt es fast täglich Fußball. Bundesliga, Champions League, Europa League, Nations League, Cupfinale, EURO 2020, Copa América, Olympia, Champions League Qualifikation, und so weiter. Es gibt wenig Raum zum Atmen für die Fans, und schon gar nicht für die Spieler.

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Fadesse in der Glotze

Vor Corona gab es auch schon fast so viel Gekicke in der Glotze, aber ein wahrer Fan wollte sich nur ungern eingestehen, dass es zu viel Fußball gab. Ein Wochenendspieltag dauerte von Freitag bis Montag, Spiele unter der Woche gab es von Dienstag bis Donnerstag. Und irgendwie begann es, einem, zu anstrengend zu werden, fast wünschte man sich ein bisschen Lockdown-Pause zurück. Es war immer Teil der Fußballkultur, sich auf das Wochenende zu freuen, auf den nächsten Spieltag. Manchmal gab es sogenannte »Englische Wochen«, in denen auch zu den Werktagen gespielt wurde. Und natürlich alle paar Monate einen Europacup-Mittwoch beziehungsweise -Donnerstag. Doch diese Zeiten sind längst Geschichte. Durch die Globalisierung wird nahezu jedes rollende Leder aus allen Winkeln der Erde im TV übertragen und die Verbände beziehungsweise Ligen haben erkannt, dass mehr Spiele auch mehr Einnahmen bedeuten, ungeachtet dessen, ob und wie sehr die Qualität des Kicks darunter leidet. Durch dieses Überangebot an Fußball, diesen televisionären Overflow, geht das Gefühl des Besonderen verloren. Die Vorfreude auf die Sportschau am Samstagabend fehlt. Die Kids in Wien sind nicht mehr Grün-Weiß oder Violett, sondern Real Madrid oder Barcelona, Man City oder Liverpool. Fußball ist plötzlich allgegenwärtig geworden, läuft praktisch permanent im TV – Vorberichterstattung, Liveübertragung, Highlights des Topspiels, Zusammenfassungen der anderen Spiele, Analyse des Spieltags, Diskussionsrunde der Experten – und das für die Bundesliga in Österreich, die Ligen in Deutschland, England, Italien, Spanien, Frankreich, der Türkei oder auch Polen. Wem das nicht genügt, der kann sich noch sämtliche Champions-League-Magazine reinziehen, ganz abgesehen von deren Liveübertragungen, selbstverständlich auch mit Vorberichten und Post-Match-Analysen. Es fühlt sich zu viel an, die ganze Angelegenheit fühlt sich mit der Zeit lau und abgestanden an. Es wird zur Monotonie, egal wer spielt.

Ex-Nationalspieler Christoph Kramer von Mönchengladbach warnt: »Immer wenn in Gladbach das Licht angeht, wird das Ding voll sein. Und wenn das jeden Tag ist, wird das immer noch so sein. Die FIFA und die UEFA sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen, bei denen es um Vermarktung und Geld geht. Ob das jetzt jemand guckt oder nicht: Hauptsache, man hat es vernünftig vermarktet. Irgendwer hat schon Zeit und fährt dahin.« Durch die Covid-19-Pandemie erreichte die Fußball-Lawine neue, ungeahnte Höhen: nach den Lockdowns mussten die nationalen Meisterschaften durch die bevorstehende EURO 2020 in noch engere Zeitpläne gepresst werden. Die Europameisterschaft trumpfte mit weiteren Absurditäten auf, ließ die UEFA manche Mannschaften quer über den Kontinent reisen, überhäufte sie mit unzähligen Covid-Tests, und die Offiziellen erfreuten sich bis zu drei viertel gefüllten Zuschauerrängen in Ländern, die es mit den Restriktionen nicht so genau nahmen. Erst der bedauernswerte Kollaps von Dänemarks Spielmacher Christian Eriksen schockte die Fußballwelt und ließ für einen kurzen Moment erkennen, dass es bei weitem wichtigere Dinge gibt.

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