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Foto: HANNAH MCKAY/AFP/picturedesk.com| Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin (03-2021) erschienen.

FUSSBALL Er wird oft als die »wichtigste Nebensache der Welt« gesehen. Doch immer mehr Menschen – vom Fan bis zum Spieler – scheinen sich von der Omnipräsenz und vom Cash-Cow-Dasein des Fußballs abzuwenden.

Als der Fußball im Mai 2020 nach den Corona-Lockdowns zurückkehrte, waren alle erleichtert. Nicht nur in Bezug auf die finanziellen Auswirkungen auf die Vereine und Sponsoren, sondern auch wegen der Bedeutung für die Fans – ein Schritt zurück in die Normalität. Nach drei Monaten totaler Funkstille war die schönste Nebensache der Welt zurück. Vorfreude und Aufregung waren groß, aber bei vielen nicht von Dauer: Seitdem gibt es fast täglich Fußball. Bundesliga, Champions League, Europa League, Nations League, Cupfinale, EURO 2020, Copa América, Olympia, Champions League Qualifikation, und so weiter. Es gibt wenig Raum zum Atmen für die Fans, und schon gar nicht für die Spieler.

Sport Business Magazin Winterausgabe 04-2021

Fadesse in der Glotze

Vor Corona gab es auch schon fast so viel Gekicke in der Glotze, aber ein wahrer Fan wollte sich nur ungern eingestehen, dass es zu viel Fußball gab. Ein Wochenendspieltag dauerte von Freitag bis Montag, Spiele unter der Woche gab es von Dienstag bis Donnerstag. Und irgendwie begann es, einem, zu anstrengend zu werden, fast wünschte man sich ein bisschen Lockdown-Pause zurück. Es war immer Teil der Fußballkultur, sich auf das Wochenende zu freuen, auf den nächsten Spieltag. Manchmal gab es sogenannte »Englische Wochen«, in denen auch zu den Werktagen gespielt wurde. Und natürlich alle paar Monate einen Europacup-Mittwoch beziehungsweise -Donnerstag. Doch diese Zeiten sind längst Geschichte. Durch die Globalisierung wird nahezu jedes rollende Leder aus allen Winkeln der Erde im TV übertragen und die Verbände beziehungsweise Ligen haben erkannt, dass mehr Spiele auch mehr Einnahmen bedeuten, ungeachtet dessen, ob und wie sehr die Qualität des Kicks darunter leidet. Durch dieses Überangebot an Fußball, diesen televisionären Overflow, geht das Gefühl des Besonderen verloren.

Die Vorfreude auf die Sportschau am Samstagabend fehlt. Die Kids in Wien sind nicht mehr Grün-Weiß oder Violett, sondern Real Madrid oder Barcelona, Man City oder Liverpool. Fußball ist plötzlich allgegenwärtig geworden, läuft praktisch permanent im TV – Vorberichterstattung, Liveübertragung, Highlights des Topspiels, Zusammenfassungen der anderen Spiele, Analyse des Spieltags, Diskussionsrunde der Experten – und das für die Bundesliga in Österreich, die Ligen in Deutschland, England, Italien, Spanien, Frankreich, der Türkei oder auch Polen. Wem das nicht genügt, der kann sich noch sämtliche Champions-League-Magazine reinziehen, ganz abgesehen von deren Liveübertragungen, selbstverständlich auch mit Vorberichten und Post-Match-Analysen. Es fühlt sich zu viel an, die ganze Angelegenheit fühlt sich mit der Zeit lau und abgestanden an. Es wird zur Monotonie, egal wer spielt.

Lasse Schöne (Ajax Amsterdam/Dänemark) hatte zwischen der WM 2018 und dem Beginn des Vorbereitungstrainings seines Vereins weniger als zwei Wochen Urlaub.

 

Ex-Nationalspieler Christoph Kramer von Mönchengladbach warnt: »Immer wenn in Gladbach das Licht angeht, wird das Ding voll sein. Und wenn das jeden Tag ist, wird das immer noch so sein. Die FIFA und die UEFA sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen, bei denen es um Vermarktung und Geld geht. Ob das jetzt jemand guckt oder nicht: Hauptsache, man hat es vernünftig vermarktet. Irgendwer hat schon Zeit und fährt dahin.«

Durch die Covid-19-Pandemie erreichte die Fußball-Lawine neue, ungeahnte Höhen: nach den Lockdowns mussten die nationalen Meisterschaften durch die bevorstehende EURO 2020 in noch engere Zeitpläne gepresst werden. Die Europameisterschaft trumpfte mit weiteren Absurditäten auf, ließ die UEFA manche Mannschaften quer über den Kontinent reisen, überhäufte sie mit unzähligen Covid-Tests, und die Offiziellen erfreuten sich bis zu drei viertel gefüllten Zuschauerrängen in Ländern, die es mit den Restriktionen nicht so genau nahmen. Erst der bedauernswerte Kollaps von Dänemarks Spielmacher Christian Eriksen schockte die Fußballwelt und ließ für einen kurzen Moment erkennen, dass es bei weitem wichtigere Dinge gibt.

REECE JAMES UND PHIL FODEN Bis zu 80 Spiele pro Saison: »Es ist offensichtlich, dass es zu viel ist, absolut offensichtlich« | © UEFA Media Office

Die Wende muss kommen

Es scheint höchste Zeit für den Fußball, endlich Zugeständnisse zu machen. Keiner der Fußball-Granden möchte diesen Schritt vermeiden, aber man wird das Gefühl nicht los, dass wir unweigerlich auf einen totalen Crash des Wirtschaftssystems Weltfußball zusteuern. Irgendwann bricht jedes Pferd unter der Last zusammen, sei es noch so schnell und austrainiert. Die Notwendigkeit einer konstanten Menge an Fußball versteht sich selbst als Basis für die finanziellen Bedürfnisse der Vereine und Organisationen. Aber dann sollte das Wohlergehen aller Klubs, und nicht nur jener elitären Giganten, die sich in den letzten drei Dekaden als Spielzeuge von Mäzenen, durch Turbo-Merchandising, und absurde TV-Verträge vom Rest abgesetzt haben, im Zentrum stehen.

Sadio Mané (FC Liverpool/Senegal) hat 70 Spiele bestritten und 100.000 Kilometer zurückgelegt, um seine Nationalmannschaft zu vertreten, ohne eine Pause in der Saisonmitte.

 

Denn eine Liga mit nur zwei bis drei Teams will auch keiner sehen. Der Fußball sollte erkennen, dass es an der Zeit ist, etwas zurückzudrehen. Das ist auch ohne Pandemie überfällig. Und die Stimmen hochrangiger Protagonisten für ein Downsizing werden immer lauter. Bayern-Superstar Robert Lewandowski meint, der volle Fußballplan sei ein großes Problem, da die Spieler mit so wenig Erholung nicht mehr ihr Bestes geben werden können. »So viele Leute vergessen, dass wir Menschen sind, wir sind keine Maschinen, wir können nicht jeden Tag auf höchstem Leistungsniveau spielen«, so Lewandowski in der englischen Times. »Für den Fußball, und besonders für junge Spieler, wird das ein große Problem. Selbst für die Fans denke ich, dass so viele Spiele langweiliger werden. Und die Qualität der Spiele wird sinken. «

Angesichts eines überfüllten Zeitplans und der anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten der französischen Liga fordert auch Marseille-Präsident Jacques-Henri Eyraud im Gespräch mit der Financial Times ein Umdenken: »Ich denke, es ist nicht mehr nachhaltig, in einer Liga mit 20 Klubs zu spielen.« Eyraud ist ebenfalls Mitglied der UEFA-Kommission für Klubwettbewerbe und auch dort für eine Reduktion. »Mit Olympique spielen wir seit Monaten alle drei Tage ein Spiel. Ich denke, es ist schädlich für die Spieler, nicht gut für die Organisation, auch nicht für die Fans und etwas, worüber wir sehr ernsthaft nachdenken sollten.«

Ivan Rakitić (FC Barcelona/Kroatien) spielte fast drei Viertel seiner 68 Spiele ohne fünf Tage Pause dazwischen.

Auch Trainerfuchs Carlo Ancelotti sagt nach der Coronavirus-Pandemie eine »Verkleinerung« voraus und meint gegenüber der Gazzetta dello Sport: »diese Zeit wird uns tiefgreifend verändern. Die Ticketpreise und die Gehälter müssen zurückgehen. Wir leben alle ein Leben, an das wir nicht gewöhnt waren. Wir müssen uns alle gut verkleinern, angefangen beim Fußball. Heute hat die Gesundheit Priorität. Bald wird sich die Wirtschaft ändern, auf allen Ebenen: Die TVRechte werden weniger, Spieler und Trainer werden weniger verdienen, Tickets werden weniger kosten, weil die Leute weniger Geld haben. Ich habe mich auch mit Jürgen (Klopp; Anm. d. Red.) darüber unterhalten und wir sind derselben Meinung.« Klopp sagt, es gebe zu viele Spiele im (englischen) Fußballkalender: »Es ist offensichtlich, dass es zu viel ist, absolut offensichtlich. Jeder, der am Spiel beteiligt ist, wird dir das sagen. Die Leute sagen ›Okay, du brauchst einen größeren Kader‹. Aber das Spiel ist nicht für größere Kader gemacht. Man kann keine 40-Spieler-Kader bilden und 20 davon schickt man bis Januar in den Urlaub und zahlt für alle. Das funktioniert so nicht. Ein internationaler Spieler, der alle großen Wettbewerbe der Welt spielt, hat im Jahr zwei Wochen frei. Das ist Fakt.« Manchester City-Cheftrainer Pep Guardiola ist ebenfalls ein namhafter Befürworter von »weniger Spielen, weniger Wettbewerben und mehr Erholung«.

HEUNG-MIN SON UND IVAN RAKITIĆ Über 100.000 Flugkilometer, Jetlag, kaum Urlaub und keine Erholung führen zu klassischen Ermüdungserscheinungen. | © Jose Breton-Pics

Vorbildwirkung hat hier die deutsche Bundesliga, denn dort spielt man seit Anbeginn mit der (fast) gleichen Anzahl an Vereinen und (nahezu) unverändertem Modus. In den ersten beiden Saisonen 1963 und 1964 waren es noch 16 Teams, ab 1965 dann 18 Mannschaften. Einzige Ausnahme war das Spieljahr 1991/92, das bis heute diejenige Bundesliga-Saison mit den meisten Mannschaften und den meisten Spielen blieb. Die Liga war von 18 auf 20 Mannschaften aufgestockt worden, da infolge der Wiedervereinigung der Tabellenerste und -zweite aus der DDR-Oberliga – Hansa Rostock und Dynamo Dresden – eingegliedert worden waren. Am Ende der Saison mussten vier Mannschaften absteigen, um eine Reduzierung auf 18 Mannschaften in der folgenden Saison zu erreichen. Die DFL weist auf Anfrage des Sport Business Magazin »unabhängig von den anderen Ligen« daraufhin, dass man »mit dem gewählten System aus 18 Mannschaften sportlich und wirtschaftlich immer gut gefahren ist«, und dass es »derzeit keine Überlegungen hinsichtlich einer Ausweitung oder Reduktion gibt«.

Laut einer Studie der Fußballergewerkschaft FifPro hat Südkoreas Star Heung-Min Son hat in der Saison 2018/19 78 Spiele bestritten: für seinen Verein Tottenham Hotspur und die Nationalmannschaft. Zwischen den Spielen hat Son rund 110.000 Flugkilometer gesammelt. FifPro- Chefmediziner Vincent Gouttebarge, früher selbst Fußballprofi, betont, dass viele Kicker vollkommen überspielt seien und dadurch klassische Ermüdungserscheinungen immer häufiger auftreten würden: »Spitzenspieler reisen viel, haben lange Flüge durch mehrere Zeitzonen. Diese Spieler haben keine zusätzliche Erholung, um mit dem Jetlag klarzukommen und da schrillen bei uns die Alarmglocken. «

Heung-Min Son (Tottenham Hotspur/Südkorea) bestritt 78 Spiele und reiste mehr als 110.000 Kilometer, um seine Nationalmannschaft zu vertreten.

 

Wie extrem die Belastung für einzelne Profis werden kann, zeigt das Beispiel von Joshua Kimmich. Der Bayern-Mittelfeldmotor verpasste seit Sommer 2018 nur zwei Pflichtspiele, kam dabei auf mehr als 70 Matches. Der Fußball ist so schnell, körperlich und global wie noch nie. FifPro, die weltweit mehr als 65.000 Fußballer repräsentiert, spricht sich in ihrem 40-seitigen Bericht »Am Limit« für Obergrenzen an Spielen und längere Pausen aus. Angeregt werden auch eine vierwöchige Sommer- und zweiwöchige Winterpause.

In der Studie wurden die Einsatz-, Reise- und Ruhezeiten von 543 Profis analysiert. »Der Fußball hätte schon vor fünf Jahren dringend Maßnahmen ergreifen müssen, stattdessen geht es widersprüchlich weiter. Wenn die Schwächen bekannt sind, aber der ausschlaggebende Punkt nicht die Frage nach der Gesundheit der Spieler ist, kommt das einem moralischen Bankrott gleich«, so FIFPro-Generalsekretär Jonas Baer-Hoffmann gegenüber der FAZ. »Der Entscheidungsprozess nach traumatischen Vorfällen (wie dem Kollaps von Eriksen; Anm. d. Red.) muss gründlich überprüft und verändert werden. Die emotionale Situation der Spieler muss das entscheidende Kriterium sein.« Baer-Hoffmann kritisiert auch die pausenlose Spielbelastung und den Umgang mit möglichen Kopfverletzungen. Er bemängelte den Unwillen des Fußballs, sich angemessen mit dem Problem auseinanderzusetzen. Neben den Kopfverletzungen sind aber auch andere schwerwiegende Schädigungen immer häufiger. »Zu Netzers Zeiten gab es die gravierenden Knieverletzungen, Kreuzbandverletzungen, die wir heute haben, nicht, sondern meistens Muskelverletzungen und Schürfungen. Wir haben eine deutliche Verletzungshäufigkeit dahingehend, dass die schweren Verletzungen zugenommen haben. Man muss den Spieler, den Menschen schützen.

Wir brauchen keine Gladiatoren, denn die wurden damals in der Arena geopfert«, warnt Ingo Froböse, Professor für Prävention und Rehabilitation an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Orthopäde Dr. Thorsten Rarrek war ab 1997 fast 15 Jahre Mannschaftsarzt von Schalke 04 und weiß, »dass die Belastung des Spielers definitiv deutlich zugenommen hat. Ein Thomas Müller macht 60, 70 Spiele, läuft pro Spiel mindestens vier Kilometer und macht hunderte Sprints und Richtungswechsel, die seit den 1980ern um 30 Prozent zugenommen haben. Die Spieler haben eine Überforderung im Dauermodus, Zerrungsmomente auf Sehnen, Muskeln, und Gelenken. Dazu kommen Ermüdungsrückstände. Und die Schäden werden größer. Kaum ein Spieler hat nicht jeden Tag Schmerzen. Mindestens 25 Prozent eines Kaders pro Saison haben eine schwere Verletzung.«

 

Vom Durchbeißen und Fitspritzen

Sowohl die FIFA als auch die UEFA haben in ihren jüngsten Studien zu Spieler-Verletzungen einen Rückgang dieser festgestellt. Laut UEFA sank die Zahl der Verletzungen von Klubspielern in den letzten 15 Jahren deutlich. »Die eindeutige Diagnostik bleibt beim einzelnen Verein, beim Mannschaftsarzt, und das tritt häufig nicht an die Öffentlichkeit. Diese ganzen Statistiken sind entweder geschönt oder nicht ganz so transparent«, erklärt Froböse. Der positive Gesamtwert der Statistiken von FIFA und UEFA verwässert die gravierenden Unterschiede zwischen den Ländern, denn im internationalen Vergleich ist etwa der deutsche Fußball sehr hart. Laut Transfermarkt sind die Verletzungsfälle beim FC Bayern München zwischen 2011 und 2015 um zehn Prozent auf rund 23 Prozent gestiegen. Ähnliches gilt für den FC Schalke 04 und Borussia Dortmund. Die Bundesliga ist in der »Krankentabelle« vor Spanien und Italien Spitzenreiter. Rarrek ist überzeugt, »dass kranke Spieler sehr früh wieder aufs Feld geschickt werden oder große Mengen an Schmerzmitteln einnehmen.

Alisson Becker (FC Liverpool/Brasilien) bestritt 72 Spiele und reiste 80.000 Kilometer, um seine Nationalmannschaft zu vertreten, ohne eine Unterbrechung in der Saisonmitte zu haben.

 

Eine Untersuchung an Spielern 2010 hat gezeigt, dass über 40 Prozent dauerhaft Schmerzmittel genommen haben.« Laut einer FIFA-Studie zur WM 2010 in Südafrika nahmen 39 Prozent aller Aktiven vor Spielen Schmerzmittel. Ex- Nationalspieler Jermaine Jones nahm in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt nach einem Ermüdungsbruch und Entzündungen im rechten Schienbein »monatelang Schmerztabletten, häufig mehrere am Tag«. Álvaro Domínguez, ehemaliger Mittelfeldmotor bei Mönchengladbach, bezeichnet sich als Invalide und kritisiert das Fitspritzen. »Invalidität ist ein echtes Thema. Natürlich will man nicht das Image außen tragen, dass Sport zur Invalidität führt. Auch wir kennen die Zahlen noch nicht. Da ist man nicht ganz transparent«, so Froböse. Rarrek sieht »Organschädigung, Magenschäden, bis hin zu Magengeschwüren, Leberschäden, Nierenschäden, als das viel größere Problem. Zum Beispiel bei Klasnić in Bremen, wo der Vereinsarzt verklagt wurde.«

Der früher Bundesligastar Ivan Klasnić prozessierte Jahre gegen die Werder Mannschaftsärzte, sie seien nachlässig mit seinen Blutergebnissen und der Verschreibung von Schmerzmitteln umgegangen, was die Nierenprobleme verschlimmert haben soll. Klasnić steht vor der dritten Nierentransplantation. Aber Rarrek stellt auch klar, dass »der Arzt für alles verantwortlich gemacht wird, aber nichts entscheiden darf. Nicht der Arzt, und längst nicht mehr der Spieler, entscheiden, ob er spielt. Das sind der Trainer und der Manager.«

Mehr Turniere müssen her

Trainer und Manager diskutieren gerade mit der FIFA über die Austragung der Weltmeisterschaft nicht mehr alle vier, sondern schon alle zwei Jahre. Ex-Startrainer Arsène Wenger, heute Direktor für Entwicklung bei der FIFA, möchte den WM-Rhythmus verkürzen. »Ich plädiere für nur noch eine Abstellungsperiode, oder maximal zwei, anstatt wie heute fünf. Dass sich die Nationalmannschaft im Oktober trifft, für einen Monat, sieben Qualifikationsspiele bestreitet und dann im Juni die Endrunde eines Turniers.« Dementsprechend brachte Yasser Al-Misehal, Präsident des saudi-arabischen Fußballverbandes, bei der jüngsten FIFA-Konferenz einen Antrag zur Verkürzung der Abstände zwischen den Turnieren ein. »Wir glauben, dass die Zukunft des Fußballs vor einer kritischen Gabelung steht. Es ist Zeit zu betrachten, was das Beste für die Zukunft unseres Sports ist«, sagte Al-Misehal.

166 der 209 Mitgliedsverbände stimmten im Rahmen des 71. Kongresses des Fußball-Weltverbandes für die Umsetzung einer Machbarkeitsstudie, die den Antrag prüfen soll. FIFA-Präsident Gianni Infantino sieht es als »tragisch, dass Nationalteams Titel nur alle vier Jahre gewinnen können, während man im Klubfußball fünf, sechs Trophäen pro Saison einfahren kann«. Hat da jemand die Kontinentalbewerbe wie EURO, Gold Cup, Copa America, et cetera vergessen? Infantino gibt sich jovial: »Wir werden es diskutieren und dabei sportliche Gesichtspunkte in den Vordergrund stellen, nicht wirtschaftliche. Wir werden sehen, ob es der Welt hilft.« Da wirkt es wie Zufall, dass sich ausgerechnet Saudi-Arabien um die WM 2030 als Host bewirbt.

CHAMPIONS-LEAGUE-SIEGER 2021 Bei beiden Champions-League-Erfolgen – 2012 und zuletzt Ende Mai 2021 – wurde der FC Chelsea im selben Jahr nicht Meister in England. | © PIERRE-PHILIPPE MARCOU / AFP / picturedesk.com

Bei der WM 2026, die erstmals im Monster-Format mit 48 Teams und 80 Spielen ausgetragen wird, ist mit den USA, Kanada und Mexiko ganz Nordamerika involviert. Für 2030 soll auch eine Bewerbung von England, Schottland, Nordirland, Wales und Irland beziehungsweise eine von Spanien und Portugal zu erwarten sein. Afrikas Fußballunion CAF ist voll für den saudischen Antrag, denn Präsident Patrice Motsepe sieht »Afrika als größten Nutznießer einer Weltmeisterschaft alle zwei Jahre «. Der 59-jährige Bergbau-Milliardär plant mit seinem Komitee auch eine eigene Super League für den schwarzen Kontinent und geht davon aus, »dass sich diese großartige Idee in Afrika (anders als in Europa; Anm. d. Red.) durchsetzen wird«.

Im Gespräch mit der Gazzetta dello Sport widersprach UEFADirektor Zvonimir Boban der WM-Idee aufs Schärfste: »Die Weltmeisterschaft kann aus 1.000 Gründen nicht alle zwei Jahre stattfinden. Wenger hat dem Fußball bewundernswert viel gegeben. Aber es ist absurd, dass er nicht verstehen kann, dass es einfach nicht geht. Der Kalender ist jetzt schon viel zu voll und die WM ist ein heiliger Event, der wichtigste überhaupt. Und das sollte er auch bleiben.

 

Drogen, Alkohol und Depressionen

Sport kann positive und negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Je leistungsorientierter die Sportaktivität ausgerichtet ist, desto stärker sind die psychisch schädigenden Komponenten. Im Januar 2007 sorgte der Rücktritt von Ex-Nationalspieler Sebastian Deisler für Aufmerksamkeit, mit Symptomen, die zuvor nur als »Manager- Krankheit« bekannt gewesen waren. Fälle wie Deisler, Jan Simak, Ralf Rangnick (beide Burnout) oder Torhüter Robert Enke, der sich sogar das Leben nahm, sind die Spitzen des Eisbergs.

»Der Profifußball verlangt ein hohes Engagement, permanente Leistungsbereitschaft und den unbedingten Willen, zu jedem Zeitpunkt alles aus sich herauszuholen. Professioneller Fußball bedeutet Verzicht, hohe Disziplin und die ständige Konfrontation mit der Konkurrenz. Oftmals geht es um viel Geld und Ruhm – entsprechend gnadenlos geht die Öffentlichkeit mit dem Sportler um, wenn der Erfolg einmal ausbleibt«, schrieb Oliver Kahn damals zum Rücktritt von Hannovers Goalie Markus Miller. »Dazu kommen die andauernden körperlichen Anstrengungen. Es bedarf eines hohen mentalen Aufwands und einer großen Stressresistenz, sich den geistigen und körperlichen Belastungen immer wieder aufs Neue zu stellen«, so Kahn weiter. »Familiäre Probleme oder monatelange Trennung von Frau und Kindern, schwere Verletzungen und Existenzängste sorgen für eine mentale Belastung, der nicht viele Leistungssportler gewachsen sind.«

»Je weiter es nach oben geht, desto schwieriger wird es und umso mehr Menschen sind an deinem Leben interessiert und urteilen darüber. Das ist nicht so einfach. Für mich war es wichtig, zu zeigen, dass es nicht nur die guten Seiten gibt.« 

Martin Hinteregger | Fußballnationalspieler und Profi bei Eintracht Frankfurt

Weltmeister Per Mertesacker beschrieb im SPIEGEL nach der WM 2014 die Qualen, die er vor jedem Anpfiff erleidet: »Mir dreht sich der Magen um als müsse ich mich übergeben. Ich muss dann einmal so heftig würgen, bis mir die Augen tränen. Es ist diese Angst, einen Fehler zu machen, aus dem dann ein Tor entsteht«. Mertesacker habe Verletzungen nicht auskurieren können, sondern gespielt, bis es nicht mehr ging. Verletzungspausen sah er als Erleichterung: »Ich behaupte sogar, dass viele wiederkehrende Verletzungen psychisch bedingt sind. Dass der Körper der Seele damit zur Ruhe verhilft. Aber das hinterfragt niemand.« DFB-Mitspieler Thomas Müller hält es für »wichtig, dass man sich für Momente, wo man mal nicht damit klarkommt, ein Umfeld aufbaut, um das Ganze zu bewältigen. Der, der das nicht hat, sollte dann jemanden finden, der bei der Druckbewältigung hilft.«

»Das Thema Depressionen ist in der Gesellschaft weniger ein Tabu als noch vor zehn Jahren, doch im Profifußball hat es nur wenige Veränderungen gegeben«, meint Marlis Prinzing, eine der führenden Medienwissenschaftlerinnen Deutschlands. »Es hat sich manches verbessert, doch im Kern ist es nach wie vor noch ein Riesenproblem, wenn man mit einer psychischen Schwäche an die Öffentlichkeit geht. Man muss um den Platz in der Mannschaft fürchten und, dass man ganz anders in der Öffentlichkeit und über soziale Medien wahrgenommen wird.«

MARTIN HINTEREGGER »Je mehr Geld du hast, desto mehr Sorgen, desto mehr Unruhe hast du und desto unglücklicher wirst du« | © Vlad1988

Neben Medikamentenmissbrauch ist Alkohol das bekannteste »Burnout-Hilfsmittel «, um den Stress zu bekämpfen. Dies betrifft besonders Trainer – unvergessen Dortmund Coach Branko Zebec, ein sensibler, schweigsamer Erfolgstrainer, der seine Sucht nicht mehr verheimlichen konnte, als er 1982 volltrunken rückwärts von der Trainerbank fiel. Ex-Profi Uli Borowka hilft heute suchtkranken Fußballern und beschreibt erschreckende Zustände. Borowka trank noch zu seiner aktiven Zeit eine Kiste Bier, eine Flasche Whisky, eine Flasche Wodka und ein paar Schnäpse – pro Tag.

Den Europapokalsieger und Deutschen Meister plagten Schulden im sechsstelligen Bereich, aber er machte einen Entzug und schaffte den Sprung zurück ins Leben. »Auch in den ganz schlimmen Jahren, in denen es mir richtig dreckig ging, war ich sicher, dass ich kein Problem hätte. Noch in der Klinik war ich der Meinung, dass all die 200 Patienten dorthin gehörten, nur ich eben nicht«, so Borowka. »Jeder wusste, dass ich saufe, aber solange meine Leistung stimmte, war das irgendwie in Ordnung. Für mich sowieso. Dass ich krank war, wurde mir aber erst später so richtig klar.« Hilfe von außen gab es keine. Und das sei heute auch noch so.

»Ich denke nicht, dass Besserung in Sicht ist. Es wollen immer mehr Leute profitieren und mitreden. Im Fußball ist das große Geld und deswegen wird es für mich immer das hässlichste Geschäft bleiben, das es auf dieser Welt gibt.« 

Martin Hinteregger | Fußballnationalspieler und Profi bei Eintracht Frankfurt

»Das Thema ist heute aktuell wie nie. Durch den öffentlichen Druck, vor allem in den Medien, geht das heute noch schneller. 50 Prozent der Spieler, die einen spielentscheidenden Fehler machen, trinken am Abend ein Glas Wein und gehen einigermaßen ruhig ins Bett. Die andere Hälfte aber kann vor Angst nächtelang nicht schlafen. Es sind die Versagensängste und der Druck, die oftmals Auslöser sind.« Wie die Spielervereinigung FIFPro in einer Studie feststellte, leiden 19 Prozent der aktiven Kicker an Alkohol-, Drogen-, Medikamente- oder Spielsucht, nach der Karriere steigt die Zahl auf 34 Prozent. 20 Prozent der aktiven sind psychisch krank, 40 Prozent der ehemaligen. »Und das, was ich erlebe, bestätigt die Zahlen. Es muss ein Umdenken stattfinden. Kein Spieler wird sich mit seiner Sucht dem Verein anvertrauen, weil er Angst hat, entlassen zu werden oder keinen Anschlussvertrag zu bekommen. Wir sollten dieses Thema offensiv angehen. Ich habe aber das Gefühl, dass DFB und DFL lieber in Kauf nehmen, dass alle paar Jahre ein suchtkranker Sportler tot über dem Zaun hängt.« #

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