Mentale Leistungssteigerung im Fußball: Wie sich Vereine noch immer an Dogmen klammern. Ein Gastkommentar von Mentalcoach Wolfgang Seidl.

Stellen Sie sich das Szenario vor, Vereine würden jedem einzelnen Spieler selbst die Entscheidung überlassen, ob sie die Dienste ihres Konditionstrainers in Anspruch nehmen wollen oder nicht. Undenkbar in der heutigen Zeit, wo der Fußball immer schneller, kampfbetonter und athletischer wird und die körperliche Leistungsfähigkeit eine Grundvoraussetzung ist.

Damit Spieler diese Veränderungen auch im Kopf verarbeiten können, sollten auch die Themen Kreativität, Arbeitsgedächtnis sowie mentale Fertigkeiten ins Zentrum eines modernen Fußball Trainings gerückt werden.

Wenn sich allerdings Vereinsverantwortliche zum Thema Mentaltraining zu Wort melden, dann hören wir sehr oft die Aussage: „Wir können die Spieler ja nicht verpflichten zum Mentaltrainer zu gehen!“ Dabei spielen die mentalen Fertigkeiten jedes einzelnen Athleten für die Teamleistung eine entscheidende Rolle.

Ich fasse zusammen: Konditionstraining ist Pflicht, Mentaltraining muss nicht unbedingt sein. Fakt ist, der Kopf ist die Steuereinheit und gehört genauso trainiert wie alle anderen Muskeln auch. Diese Ignoranz im Fußball erinnert mich an eine Aussage von Chris Anderson, Professor an der Cornell Universität mit dem Schwerpunkt Sportanalyst im Fußball, der sagte:

»Der Fußball klammert sich an Dogmen und Binsenweisheiten. Der Sport wird von Männern bestimmt, die ihre Kompetenzen nicht gerne von Außenseitern in Frage stellen lassen wollen. Von Männern die sich sicher sind, dass ihre Sicht der Dinge die einzig wahre auf das Spiel ist. Sie wollen sich nicht sagen lassen, dass sie etwas übersehen haben. Dass es ein Wissen gibt, das ihnen fremd ist.«

Viele haben beim Thema Mentaltraining noch immer ein falsches Bild im Kopf. Sie glauben, der Athlet liegt beim Coaching auf der Couch und lässt sich berieseln. Nein, bei einem professionellen Mentalcoaching wird zusammen mit dem Athleten an seiner mentalen Leistungsfähigkeit gearbeitet. Das heißt, der Coach unterstützt den Sportler, seine mentalen Fertigkeiten zu optimieren, damit er im Match sein gesamtes Potential optimal nutzen kann. Ähnlich wenn Physiotherapeuten beim Sportler muskuläre Dysbalancen ausgleichen, arbeitet der Mentalcoach mit dem Spieler daran, seine mentalen Schwächen zu reduzieren und seine Stärken zu optimieren.

Das heißt, mentales Training ist ein wichtiges Instrument zur LEISTUNGSSTEIGERUNG jedes einzelnen Spielers und schlussendlich der gesamten Mannschaft.

Ralf Rangnick äußerte sich vor kurzem in einem Interview, wo er sagte, dass er die größte Entwicklungsmöglichkeit im Fußball auf kognitiver Ebene sieht. Im athletischen Bereich gehe es lediglich um marginale Fortschritte. Viel wichtiger sei es, unter Druck die richtigen Entscheidungen zu treffen und präzise zu agieren.

Es gibt unzählig viele Bereiche und Einflüsse, wo Spieler und Mannschaften im mentalen Bereich ansetzen können, um ihre Leistung zu steigern. Da die mentale Arbeit ein stetiger Prozess ist und Vorlaufzeit benötigt, ist eine präventive Vorgehensweise zu empfehlen. Nicht erst dann, wenn mentale Probleme auftreten, sollte man beginnen, sondern schon vorbeugend. Das gilt auch in der Nachwuchsarbeit, wo viel mehr Aufmerksamkeit in die mentale Arbeit notwendig wäre.

Professionell arbeitende Vereine, wie in Österreich Red Bull Salzburg oder die Damen Nationalmannschaft unter Dominik Thalhammer, haben das schon längst erkannt und nutzen die mentale Komponente effizient aus. Die Erfolge geben ihnen Recht.

Mentale Stärke ist erlernbar

Jeder kann seine mentalen Fähigkeiten entwickeln und ausbauen, wenn er will. Es ist an der Zeit, dass Vereine und Spieler neue Wege gehen und sich intensiv Gedanken über die Möglichkeit einer mentalen Leistungssteigerung machen.


Über den Autor: Wolfgang Seidl

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.