Seite wählen

Mit Mitte 20 sind viele Profisportler auf der Spitze ihrer Leistung. Hürdenläuferin Jackie Baumann jedoch entschloss sich, an genau diesem Punkt und mit gerade einmal 24 Jahren ihre Karriere zu beenden – nicht wegen mangelnden Erfolgs oder einer Verletzung, sondern wegen des zunehmenden Wettkampfdrucks und damit verbundenen Ängsten und psychischen Problemen. Ein Gastbeitrag von Autor Andreas Klement.

Die zweimalige Deutsche Meisterin über 400-Meter-Hürden stammt aus einer Familie von Spitzensportlern. Ihr Vater ist der Olympiasieger Dieter Baumann, ihre Mutter Isabelle war ihre Trainerin. Kurz vor Olympia 2016, so erzählte sie in verschiedenen Medieninterviews, verlor sie ihre einstige Leichtigkeit. Sie berichtet von Schlafstörungen, Herzrasen, Hitzewallungen und Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Übelkeit – nicht die normale Nervosität vor dem Wettkampf, sondern ein Zyklus von Ängsten und Nervosität, aus dem sie nicht herauskam. Trotz Zusammenarbeit mit zwei Sportpsychologinnen kam sie nicht weiter und auch die Qualifikation für Olympia in Rio 2016 brachte nicht die erhoffte emotionale Erleichterung, stattdessen fühlte sie sich hin und her gerissen zwischen Verbänden, Medien und Sponsoren. Der berühmte Name, der Olympiasieg und die Dopingaffäre ihres Vaters waren in der Situation nicht gerade hilfreich: Immer wieder wurde sie von Medienvertretern darauf angesprochen.

Jackie Baumann hatte zunehmend das Gefühl, dass sie bei Wettkämpfen nicht ihre Trainingsleistungen abrufen konnte, gleichzeitig hatte sie Angst vor dem Aufhören, denn das Karriereende ist für Sportler immer mit Ungewissheit und Existenzsorgen verbunden. Trotz persönlicher Bestleistung entschloss sie sich kurz vor der Deutschen Meisterschaft, dennoch ihre Karriere zu beenden. Die mentalen Probleme waren zu groß geworden. Im Deutschlandfunk kritisierte sie, dass zwar immer wieder über körperliche Verletzungen im Spitzensport gesprochen wird, nicht aber über die seelischen.

Depressionen im Sport – häufig verschwiegen und mit einem Tabu belegt

Für Außenstehende scheint es vielleicht zunächst verwunderlich, dass Menschen, die scheinbar alles erreicht haben – sportlichen und finanziellen Erfolg, eine Karriere in der Öffentlichkeit – an Depressionen erkranken. Doch wie Buchautor Matt Haig es auf Twitter über Prominente und Depressionen ausdrückte:

„Du kannst selbstbewusst klingen und doch Angstzustände haben. Du kannst gesund aussehen und dich doch schlecht fühlen. Du kannst privilegiert sein und doch nicht mental privilegiert.“

Das Thema Depressionen ist im Spitzensport noch immer ein Tabu, dabei scheint die Dunkelziffer groß zu sein. Bereits 2013 hatte eine Studie der Sporthochschule Köln gezeigt, dass viele Spitzensportler in Deutschland mit mentalen Problemen zu kämpfen haben – von Burnout über Essstörungen hin zu Existenzängsten, vor allem mit Blick auf das Karriereende. Die von der Deutschen Sporthilfe in Auftrag gegebene Studie „Dysfunktionen des Spitzensports“ zeigte, dass über 40 Prozent der deutschen Kader bewusst gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen, über elf Prozent litten unter Burn-out, jeder Zehnte nannte eine Essstörung und über neun Prozent eine Depression. Die Studie geht aber davon aus, dass die Dunkelziffer weit höher liegt – bei 30 bis 40 Prozent der Befragten.

Das mentale Wohlbefinden hat konkrete Folgen für das Verhalten und Probleme im Leistungssport: 58 Prozent der befragten Sportler nannten Existenzangst als ein Motiv für Doping, bewusst einkalkulierte Gesundheitsschäden und eine Beteiligung am Fixing von Wettbewerbsergebnissen. 90 Prozent sorgten sich um die eigene Zukunft nach dem Karriereende.

Olympiasieger Michael Phelps: „Man ist so verloren“

Wie weit Depressionen im Spitzensport verbreitet sind, zeigen zahlreiche prominente Beispiele: Michael Phelps hält bis heute mit 23 Medaillen im Schwimmen den Allzeit-Rekord für Olympisches Gold und machte mit Werbeverträgen Millionen. Auf diesen Medaillenerfolg blickt er heute mit sehr zwiespältigen Gefühlen zurück: denn während seiner Karriere war er nicht nur tief unglücklich, sondern litt zudem unter Depressionen. Nach den Olympischen Spielen von 2012 geriet er an den Rand des Suizids. In der jüngst auf dem US-amerikanischen Fernsehprogrammanbieter HBO ausgestrahlten TV-Dokumentation „The Weight of Gold“ sprach Phelps erstmals ganz offen über seine Krankheit.

Für ihn war es ein Zyklus: Nach dem Rausch von Olympia, dem Rummel und den zahlreichen Interviews und Ehrungen, saß er plötzlich allein in der Wohnung. „Nach den Olympischen Spielen machen die Tore des Dorfes zu und das war’s dann“, sagt Phelps. Von einer unheimlichen Leere erzählt er und der Ungewissheit, ob er sich der Tortur des Trainings noch einmal aussetzen soll. Tiefe Traurigkeit, Interessenlosigkeit, kein Antrieb, Müdigkeit, Schlafstörungen, damit verbundene Schuldgefühle und ein mangelndes Selbstwertgefühl sind alles Anzeichen einer Depression, die Sportler ernst nehmen sollten – vor allem, wenn sie über Wochen anhalten.

Durch Therapie gelang es Phelps, seinen größten Tiefpunkt 2014 zu überwinden und er entschloss sich, 2016 noch einmal zu Olympia zu fahren, um mit diesem Teil seines Lebens bewusst abzuschließen. Heute setzt er sich dafür ein, dass psychische Erkrankungen unter Sportlern nicht länger als ein Stigma gelten.

Der tiefe mentale Sturz nach dem Wettkampf

Phelps selbst bezeichnet Depressionen im Spitzensport als systemisch. „Man ist so verloren. Gut 80 Prozent, vielleicht mehr, haben eine Art von post-olympischer Depression“, sagt Michael Phelps. In der von ihm produzierten Dokumentation kommen auch andere Sportler zu Wort und berichten über den psychischen Druck unter dem Athleten kontinuierlich stehen: „Alles dreht sich um einen einzigen Fokus und dieser Fokus sind die Olympischen Spiele“, sagt Shortrack-Läufer und Erfolgsathlet Apolo Ohno in der Dokumentation „Es ist Gold. Und dann: Was?“.

Skifahrer Bode Miller bezeichnet das Sportsystem als ein Fließband von immer neuen Athleten: kaum hat ein Athlet den Zenit erreicht, findet sich ein neuer, junger und leistungsstarker Sportler, der seinen Platz einnimmt. Die wirklich tragischen Geschichten finden dabei oft wenig oder nur kurz Beachtung. Die Dokumentation berichtet zum Beispiel von Freestyle-Skifahrer Speedy Pederson, der sich auf einem Parkplatz eines Skilifts erschoss, und von Bobfahrer Steven Holcomb, der 2017 im olympischen Trainingszentrum an einer Überdosis Tabletten und Alkohol starb.

In Deutschland löste 2009 der Tod von Robert Enke einen Schock aus: Der Torwart und Kapitän von Hannover 96 nahm sich an einem Bahnübergang in der Nähe seines Heimatortes das Leben. Die in seinem Namen gegründete Robert-Enke-Stiftung und seine Ehefrau Teresa Enke setzen sich ebenfalls dafür ein, das Thema Depression im Leistungssport und in der Gesellschaft zu enttabuisieren. Inzwischen ist die Erkenntnis gereift, dass auch Spitzensportler an Despression und psychischen Erkrankungen leiden. „Doch was Depressionen überhaupt sind, wie man sie erkennt, beziehungsweise wie man sie behandelt, darüber bestehen vielerorts noch Wissenslücken“, sagte Teresa Enke in einem Gespräch mit der DFB-Akademie.

Eine Depression kann grundsätzlich jeden treffen – nicht nur Leistungssportler – und hängt von ganz unterschiedlichen Faktoren ab. Dr. Frank Schneider hat mit der Robert-Enke-Stiftung einen Ratgeber zum Thema „Depressionen im Sport“ geschrieben. Depressionen, sagt er in einem Interview mit der Robert-Enke-Stiftung, hängen von vielen Faktoren ab: biologische Erbanlagen, Persönlichkeitsfaktoren ebenso wie umweltbezogene Faktoren. Das Umfeld des Leistungssports birgt aber spezifische Risiken, die eine Depression begünstigen können: Dazu gehören die erwähnte Leistungsorientierung und der damit verbundene Druck. Immerhin geht es im Leistungssport um viel Geld, so dass die dringend notwendige Regeneration zum Teil auf der Strecke bleibt.

Hinzu kommt, dass Spitzensportler ständig einer Bewertung ausgesetzt sind, sei es dass sie sich für Turniere qualifizieren müssen oder bestimmte körperliche Voraussetzungen – wie ein entsprechendes Körpergewicht – mitbringen müssen. Die amerikanische Kunstturnerin Katelyn Ohashi beispielsweise zog rechtzeitig die Bremse und wechselte vom Profisport in die Uni-Liga: Die junge Sportlerin hatte Probleme mit ihrer Körperwahrnehmung, unter anderem nach Kommentaren über ihr angeblich zu hohes Körpergewicht. Sie nahm schließlich psychologische Hilfe in Anspruch und entschloss sich dem Spitzensport den Rücken zu kehren.

Überforderung und Überschreiten der Leistungsgrenzen bergen ein Risiko

Der Druck von außen führt bei vielen Sportlern zu einem Gefühl der Überforderung und obwohl sie es gewohnt sind, ihre persönlichen Grenzen immer wieder zu überwinden, stoßen sie irgendwann an ihre Leistungsgrenzen. Ignorieren Sportler diese, führt das schnell zum sogenannten Übertrainingssyndrom, welches ein weiteres Depressionsrisiko darstellt.

Die starke Fokussierung auf ein einziges Ziel, so dass andere Interessen und auch soziale Kontakte zu Familie und Freunden darunter leiden, ist ein Faktor, der in der Dokumentation „The Weight of Gold“ genannt wird. Michael Phelps sagt:

„Ich habe mich nur als Schwimmer gesehen – nicht aber als Mensch.“

Dazu kommt das Gefühl, nicht über die mentalen Probleme sprechen zu können, damit die Fassade des perfekten Sportlers keine Risse bekommt, sowie der Mediendruck. Nicht selten werden Sportler dort zu unnahbaren Helden stilisiert.

Wird die Depression ignoriert, weil sie nicht ins Bild des starken, energiegeladenes Sportlers passt, kann das fatale Folgen haben. „Einen großen Risikofaktor bei Leistungssportlern sehe ich aber auch darin, dass Leistungssportler und ihr Umfeld psychische Beschwerden häufig immer noch nicht als Krankheit wahrnehmen, diese verleugnen oder sich dafür schämen und dementsprechend keine professionellen Hilfen aufsuchen und in Anspruch nehmen“, so Dr. Frank Schneider. Wer als Sportler das Gefühl hat, an Depressionen zu leiden, der sollte einen Arzt aufsuchen, sagt der Experte. Grundsätzlich sollten sich Sportler aber an einen Arzt oder Psychologen außerhalb des Vereins wenden: Sportpsychologen in Vereinen sind oft darauf spezialisiert zum Beispiel durch mentales Training die Motivation und Leistung zu verbessern, aber sie sind nicht unbedingt geschult im Umgang mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen. Auch ist immer zu bedenken, dass Sportpsychologen vom Verein bezahlt werden und da stellt sich die Frage, ob man sich tatsächlich direkt beim Arbeitgeber outen will.

Selbst, wenn sich Sportler Hilfe suchen, ist der Weg oft sehr schwer und nicht immer erfolgreich – gerade, weil Vereine zum Teil nicht genug für das Thema sensibilisiert waren: Aufgrund von Teresa Enkes Beschreibung der Krankheit ihres Mannes, suchte beispielsweise Profifußballer Andreas Biermann nach zwei Suizidversuchen professionelle Hilfe wegen seiner Depressionen. Seine Krankheit machte er öffentlich. Einen Profivertrag bekam er danach nicht mehr und erklärte später, dass er keinem raten würde, seine psychischen Probleme öffentlich zu machen. 2014 verstarb er durch Suizid.

Karriere und Erfolg trotz Depression: Mit der richtigen Hilfe ist das möglich

Depressionen müssen nicht das Ende der Karriere sein. Dass man trotz Depression im Spitzensport erfolgreich sein kann, haben Sportler wie Andres Iniesta und Gianluigi Buffon gezeigt, die nach ihrer Erkrankung Weltmeister wurden, meint Teresa Enke:

„Wir sind der festen Überzeugung, dass wir einen selbstverständlichen Umgang mit seelischen Krankheiten erreichen müssen, damit sie ebenso wie körperliche Verletzungen als vorübergehend beurteilt werden.“

Eine Therapie kann aber auch andere Wege aufzeichnen, wie zum Beispiel bei Jackie Baumann: Sie hat gemerkt, dass sie außerhalb des Leistungssports glücklicher ist. Die ehemalige Leistungssportlerin plant jetzt eine Zukunft als Sport- und Geschichtslehrerin.

Die Robert-Enke-Stiftung und inzwischen auch die Verbände bieten Sportlern entsprechende Hilfestellung. Denn ohne mentale Gesundheit, ist es auf lange Sicht nicht möglich, sportliche Höchstleistungen zu bringen oder für die Zukunft zu planen. „Daraus müsste konsequenterweise eigentlich folgen, dass ein Sportler auch in diesem Bereich einen Experten an seiner Seite hat so wie sich zum Beispiel Athletiktrainer oder Ernährungswissenschaftler im Leistungssport längst etabliert haben“, sagte Teresa Enke im Interview mit der DFB-Akademie. An der Universität Aachen hat die Robert-Enke-Stiftung daher gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) 2010 ein Referat für Sportpsychiatrie und -psychotherapie gegründet, das die Ursachen für Depressionen von Leistungssportlern genauer untersucht und ein Netzwerk von qualifizierten Psychiatern und Psychotherapeuten aufbaut. # 

Andreas Klement

Andreas Klement ist Autor, Speaker, Moderator und Athleten-Coach. Andreas Klement analysiert die Erfolgsmechanismen aus dem Sport, die zu herausragenden Leistungen und Erfolg führen.

Das Thema Leadership und Verbindung mit Spitzensport inspirierte Andreas Klement schon während seiner ganzen beruflichen Laufbahn. Andreas Klement hat sich auf die Suche begeben und die besonderen Erfolgsfaktoren entdeckt: Strategien der Champions. Er unterstützt Unternehmen bei ihrer Strategieentwicklung in Verbindung mit passenden Personalentwicklungskonzepten.

Er setzt dabei ganz auf Mitarbeiterorientierung: Je höher der Standardisierungsgrad in der Firma, desto individueller sollte man mit seinen Mitarbeitern umgehen. Deshalb bringt Andreas Klement zwei Dinge zusammen, die auf den ersten Blick gar nicht so viel gemeinsam haben: Leadership und Sport.

Fotos: pixabay | instagram.com/jackie.baumann | instagram.com/m_phelps00 | instagram.com/enkestiftung | Andreas Klement