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Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 30. Ausgabe des Sport Business Magazins (01-2021) erschienen.

GASTBEITRAG HUNA. Die alte Lebensphilosophie der hawaiianischen Schamanen heißt wörtlich übersetzt Geheimnis. Lüften wir dieses Mysterium und lassen uns überraschen, wie diese Philosophie auch in unserer westlichen Welt in Sport und Business Gültigkeit hat. Ein Gastbeitrag von Mentalcoach Wolfgang Seidl.

Bei meinem Hawaii-Aufenthalt im Jahr 2012, wo ich bei der IRONMAN-Weltmeisterschaft als viertbester Österreicher die Ziellinie überquerte, hatte ich die ersten Berührungspunkte mit HUNA. Danach folgte eine Ausbildung auf diesem Gebiet, welche heute Teil meiner Arbeit als Mentalcoach ist. In meinem Beitrag möchte ich anhand einiger Beispiele aus dem Spitzensport, wie auch aus unserem Alltag zeigen, wie jeder von uns durch diese sieben HUNA-Prinzipien profitieren kann.

 

DIE 7 HUNA-PRINZIPIEN

IKE: ICH ERSCHAFFE MEINE REALITÄT
KALA: ALLES IST MÖGLICH
MAKIA: ENERGIE FOLGT DER AUFMERKSAMKEIT
MANAWA: JETZT IST DER AUGENBLICK DER KRAFT
ALOHA: LIEBE WAS DU TUST
MANA: ALLE MACHT KOMMT VON INNEN
PONO: WIRKSAMKEIT IST DAS MASS DER WAHRHEIT

ERFOLG »Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Sportlern ist die Fähigkeit, ihren Fokus in die ideale Richtung zu lenken« | © pixabay

IKE – Ich erschaffe meine Realität

Für uns Menschen gibt es keine objektive Realität, nur unsere eigene Interpretation. Wir nehmen immer nur das wahr, was wir wahrnehmen wollen. Bewusst oder unbewusst. Forschungen haben ergeben, wir nehmen durch unsere Sinnesorgane pro Sekunde rund elf Millionen Bits an Informationen wahr. Bewusst verarbeiten können wir davon lediglich 40 bis 50 Bits. Das sind circa 0,000004 Prozent.

Welche Reize bewusst wahrgenommen werden, hängt von unserem Fokus ab. Dadurch erschaffen wir unsere eigene Realität. Das, worauf wir uns konzentrieren, rückt stärker in unsere Wahrnehmung.

Störende Geräusche im Publikum oder ablenkende Gesten eines Gegners können den antrainierten Automatismus eines Tennisspielers am Centercourt stören. Je mehr sich der Spieler auf diese Störfaktoren einlässt, desto mehr verliert er den so wichtigen Fokus. Mental starke Spieler haben Methoden bei der Hand, um diese Störungen auszublenden und sich wieder auf ihre eigene Realität, wo Ruhe und Sicherheit herrschen, zu fokussieren.

 

KALA – Alles ist möglich

Die Schamanen in Hawaii sagen, dass das Universum ohne Grenzen ist. Limitationen ergeben sich nur durch die eigenen, individuellen, menschlichen Gedanken. Diese Philosophie nutzte auch der Extremsportler James Lawrence, der im Jahr 2015 sage und schreibe 50 IRONMAN-Bewerbe an 50 aufeinanderfolgenden Tagen in 50 Staaten der USA finishte. Zur Erinnerung: ein IRONMAN-Rennen besteht aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen. Erinnern wir uns an Roger Bannister, der als erster Mensch im Jahr 1954 die Meile unter vier Minuten absolvierte, obwohl ihm das zu dieser Zeit niemand zutraute. Das Spannende passiert danach. Noch im selben Jahr unterboten weitere Athleten diese vier Minuten Grenze. Bannister hat durch seinen Auftritt die imaginäre Grenze in den Köpfen der Sportwelt geknackt und war »Türöffner« für neue Rekorde.

Die eigene Komfortzone zu verlassen, um Grenzen zu überschreiten, kostet oft viel Mut. Um diesen Schritt zu wagen, müssen wir uns unserer eigenen Ressourcen und Stärken bewusst sein. Vertrauen wir uns und unseren Fähigkeiten, dann ist vieles möglich.

MAKIA – Energie folgt der Aufmerksamkeit

Ein großer Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Sportlern ist die Fähigkeit, ihren Fokus in die ideale Richtung zu lenken.

Bevor Mark Allen den IRONMAN-Titel auf Hawaii sechsmal gewann, scheiterte er genauso oft an diesem Vorhaben. Nach diesen schmerzhaften Erfahrungen merkte er, dass nicht sein Körper die Ursache für sein Scheitern war, sondern viel mehr sein Geist. Ab diesem Zeitpunkt schenkte er der mentalen Komponente seine ganze Aufmerksamkeit. Die Folge war, dass er danach diesen Bewerb jahrelang dominierte und sich zum sechsfachen Weltmeister kürte.

 

»Wenn wir unsere Aufgaben mit Liebe tun, dann werden wir damit auch erfolgreich sein.«

 

Diese Philosophie von MAKIA hilft uns auch in unseren Alltagssituationen. Lenken wir während dieser Covid-19-Pandemie unsere Aufmerksamkeit zu sehr auf die negativen Schlagzeilen und täglichen Infektionszahlen, wird uns das in eine schlechte Stimmung bringen. Beschäftigen wir uns hingegen mit positiven Ereignissen und schönen Momenten, fördert das unser Wohlbefinden auf jeder Ebene.

 

MANAWA – Jetzt ist der Augenblick der Kraft 

Die Kraft der Gegenwart wird von uns allen unterschätzt. Die Schamanen gehen davon aus, dass es keine andere Zeit als die Gegenwart gibt. Sie sagen, wir können nicht in der Vergangenheit leben, denn die Vergangenheit besteht nur aus Erinnerungen. Wir können auch nicht in der Zukunft leben, denn diese existiert noch nicht und verändert sich mit jeder Entscheidung, die wir jetzt treffen. Unser Leben findet im JETZT statt.

Wir können die Zukunft nur im Hier und Jetzt gestalten. Diese HUNA-Philosophie ist für alle Athleten entscheidend. Jene, die gelernt haben ihre Aufmerksamkeit bewusst im Hier und Jetzt zu halten, haben einen großen Vorteil. So auch im Fußball, wo Tore in letzter Sekunden fallen. Erinnern wir uns an das Champions-League-Finale 1999 in Barcelona, in dem Bayern bis zur 90 Minute mit 1:0 führte. Die Bayernspieler waren kurz vor Abpfiff mit ihrer Aufmerksamkeit vermutlich schon beim Feiern. Manchester blieb bis zum Schluss fokussiert und erzielte innerhalb von drei Minuten zwei Tore und holte damit den Titel.

LÖSUNG STATT PROBLEM »Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die Lösungsmöglichkeit, anstatt sich mit dem Problem zu beschäftigen« | © pixabay

ALOHA – Liebe was du tust

Die hawaiianischen Schamanen sagen: »Wenn wir unsere Aufgaben mit Liebe tun, dann werden wir damit auch erfolgreich sein.« In Hawaii wird der Begriff »ALOHA« meist als Grußformel, sowohl zum Beginn wie auch am Ende einer Begegnung verwendet. Aloha ist mehr als nur ein Wort des Grußes. Für den Hawaiianer ist es eine Lebensphilosophie und jeder Buchstabe hat eine eigene Bedeutung:

A steht für Akahai und bedeutet Freundlichkeit
L steht für Lokahi und bedeutet Einheit und Zusammenhalt
O steht für Olu‘olu und bedeutet Liebenswürdigkeit und Friedfertigkeit
H steht für Ha’aha‘a und bedeutet Bescheidenheit, Demut
A steht für Ahonui und bedeutet Geduld und Ausdauer

Das neuseeländische Rugby-Team, die All Blacks, führt vor jedem Spiel einen Haka auf. Da die Kultur der Maori und der Hawaiiander viele Gemeinsamkeiten haben, kann man diesen ALOHA-Spirit auch in jedem Haka eindrucksvoll erleben.

 

MANA – Alle Macht kommt von innen

MANA bedeutet in der HUNA Philosophie Kraft und Lebensenergie. Die Hawaiianischen Schamanen lehren, dass wir MANA über die Atmung, über die Nahrung, über die Art unserer Gedanken und Emotionen, über die Art wie wir leben – in Balance oder unter ständigem Stress, oder über unser Umfeld und unsere Mitmenschen aufnehmen können.

Wenn die Schamanen sagen, unsere Kraft kommt von innen, dann meinen sie, dass es in unserer Verantwortung liegt und wir die Macht und die Autorität haben, diese zu steuern. Wir selbst entscheiden zum Beispiel, welche Art von Nahrung wir als Treibstoff für unseren Körper verwenden. Wir selbst entscheiden, welche Gedanken wir in uns zulassen. Wir selbst entscheiden, ob wir uns durch die richtige Atmung stärken oder schwächen.

Erfolgreiche Sportler haben das erkannt und übernehmen in jeder Situation die Eigenverantwortung für ihr Tun. Jeder von uns kann von dieser Philosophie, für seinen eigenen Lebensbereich, enorm viel mitnehmen.

PONO – Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit 

Der Begriff PONO lässt sich mehrfach übersetzen, in Kurzform heißt es »Flexibilität «. Die Schamanen sagen dazu auch: »Wirksamkeit ist das Maß der Wahrheit. Nur das Ergebnis zählt.«

Wie gelingt es manchen, hinter einem Problem oder einer Krise eine Chance zu entdecken? Ganz klar, weil sie geistig flexibel sind. Diese geistige Flexibilität ist meist nicht angeboren, diese wird trainiert. Stellen wir uns den Herausforderungen und Unannehmlichkeiten und suchen wir nach Lösungen, dann trainieren wir unsere psychischen »Muskeln«, unsere Ausdauer, unsere psychische Widerstandskraft und unser Selbstvertrauen. Probleme sind in Wirklichkeit Chancen, stärker und besser zu werden. Gerade in Zeiten der Pandemie sind viele Athleten gefordert, flexibel auf Verschiebungen und Absagen zu reagieren.

 

Meine persönliche Empfehlung 

▶ Ändern wir unseren Blickwinkel bei Problemen. Was können wir aus der Situation lernen? Wie haben wir ähnliche Probleme in der Vergangenheit bereits gelöst?

▶ »Lösung« statt »Problem« denken. Lenken wir unsere Aufmerksamkeit auf die Lösungsmöglichkeit, anstatt sich ständig mit dem Problem zu beschäftigen.

▶ Verbannen wir das Wort »Problem« aus unserem Wortschatz und verwenden stattdessen das Wort Herausforderung.

Wir sehen, die Philosophie von HUNA und mentales Training haben viele Gemeinsamkeiten, die im Spitzensport, in der Wirtschaft und im alltäglichen Leben hilfreich angewandt werden können.

Ich bin überzeugt, gerade in der heutigen Zeit, in der sich viele Menschen von den alten Religionen abwenden, kann HUNA unterstützen, einen achtsamen Weg der Mitte zu finden und Sicherheit geben. #

In seiner Arbeit als Mentalcoach betreut Wolfgang Seidl neben Unternehmen und Führungskräften vor allem Sportler im Einzelcoaching. Dazu zählen zum Beispiel der mehrfache IRONMAN-Sieger Michael Weiss, die Boxweltmeisterin Eva Voraberger sowie Fußballer aus der Bundesliga. Zusätzlich berät er auch Mannschaften in Form von Workshops und Coachings.

www.mana4you.at

Wolfgang Seidl

Mentalcoach

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