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Foto: Hugo Silva/Red Bull Content Pool | Dieser Beitrag ist ursprünglich in der 32. Ausgabe des Sport Business Magazin erschienen.

BIG-WAVE-SURFEN Der Surfsport erfreut sich seit geraumer Zeit auch in Europa an enormer Beliebtheit. Ob Surfhostels in Portugal und Frankreich oder Flusswellen in München oder Ebensee, immer mehr Leute wagen den Ritt auf der Welle. Damit einhergehend bekommt auch der extreme Bruder des Surfsports, das Big-Wave Surfen, immer mehr Aufmerksamkeit. Auch weil das Zentrum des Sports nicht etwa auf Hawaii oder Tahiti ist, sondern in Portugal.

Von Maui bis Nazaré

Das Big-Wave-Surfen hat seinen Ursprung wie das klassische Surfen auf den Inseln von Hawaii. Der technische Fortschritt des letzten Jahrhunderts ermöglichte den Surfern, immer größere Wellen zu surfen, dennoch war der Sport nicht so populär wie das klassische Surfen und hinkte dementsprechend auch in den Innovationen hinterher. In den 1990er-Jahren allerdings revolutionierte eine Idee den Sport. Es wurde nach einer Möglichkeit gesucht, die größten Wellen an der Nordküste Mauis zu reiten. Die begehrte Welle, die später den Namen »Jaws« erhielt, war für die Surfer zu schnell. Deshalb beschloss man, motorisierte Schlauchboote als »Zugpferde« zu verwenden, um so in die Welle zu kommen.

Mittlerweile kommen dafür Jetskis zum Einsatz. Auch sonst hat sich im Big-Wave- Surfen einiges geändert. Allem voran die Welle der Begierde. Auch wenn »Jaws« auf Maui oder große Wellen auf der ganzen Welt noch immer beliebte Destinationen für den Sport sind, hat sich der Hotspot der Szene nach Europa verlegt, genauer gesagt in den Küstenort Nazaré, etwa eine Stunde nördlich von Lissabon. Die Wellen dort brechen bei den richtigen Bedingungen mit mehr als 20 Metern Höhe. Ermöglicht wird dieses Spektakel durch einen Unterwasser-Canyon direkt vor der Küste von Nazaré. Aus diesem Grund versammelt sich die Elite des Big-Wave-Surfens alle Jahre wieder in der 10.000-Einwohner-Stadt, um von Oktober bis März nach der größten Welle zu suchen. Dabei braucht es Geduld. Nur wenige Tage innerhalb dieses Zeitfensters bieten solche Wetterbedingungen, die das Surfen auf Wellen mit 20 Metern aufwärts zulassen. Die bisher höchste offiziell gerittene Welle vor Nazaré war etwa 24 Meter hoch und stellt somit den Weltrekord dar.

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Ein Deutsch-Österreicher an der Weltspitze

Einer der diesen Rekord jagt, ist der Deutsch-Österreicher Sebastian Steudtner. Er gehört seit Jahren zur Elite des Big-Wave-Surfens. Seine erste Begegnung mit dem Surfsport machte er bereits mit neun Jahren im Familienurlaub in Frankreich. Mit 13 Jahren beschloss er einer professionellen Windsurfkarriere auf Hawaii nachzugehen und setzte diesen Plan schließlich im Alter von 16 Jahren und mit Einwilligung seiner Eltern um. Bei den Eltern zweier professioneller Windsurfer lernte er mit Brett und Segel umzugehen und machte den amerikanischen High-School-Abschluss. Er schaffte es in die professionellen Sphären des Windsurfens und war dort wenige Jahre aktiv, ehe er 2003 zum ersten Mal »Jaws« brechen sah und beschloss, sich am Big-Wave-Surfen zu probieren. Ein Hawaiianer nahm ihn auf und bildete ihn aus, bis der heute 36-jährige »Jaws« reiten konnte. Auch im Big-Wave-Surfen erreichte er rasch ein professionelles Niveau und stieg in der Szene auf. Gegen Ende der 2000er-Jahre erreichte er endgültig den Surfer-Olymp als er die bis dato höchste »Jaws«-Welle ritt, die ihm 2010 den Award für die »Biggest Wave«, der auch als »Oscar« des Surfsports bekannt ist, einbrachte. In der Folge wurde auch die deutsche Öffentlichkeit aufmerksam auf ihn. Er war in zahlreichen Fernsehauftritten zu sehen, gab Interviews und gewann Sponsoren.

2012 kam er zum ersten Mal in Kontakt mit seiner heutigen Heimat, Nazaré. Er erkannte das Potenzial der Welle und nutzt seit diesem Zeitpunkt seine Ressourcen, um die größten Wellen der Welt vor Portugal zu surfen. Dabei schuf er ein Unterstützungsnetzwerk, von dem heute die ganze Szene profitiert. Er initiierte eine Surf-Rettung, arbeitet seit 2014 mit einem deutschen Marinearzt zusammen, der als Notarzt an den Stichtagen fungiert. Auch sogenannte »Spotter« – Personen, die mit Ferngläsern von Aufsichtspunkten das Geschehen im Wasser verfolgen und per Funk mit den Rettungskräften auf den Jetskis kommunizieren – finden sich in seinem Team wieder. Für Steudtner steht seine eigene Sicherheit, aber auch die seiner Konkurrenten an oberster Stelle. Gerade deshalb war er auch substanziell daran beteiligt, diese risikominimierenden Vorkehrungen in Nazaré mitzutragen und die Kleinstadt damit als den Big-Wave-Surfspot der Szene zu etablieren.

Big-Wave-Surfer Sebastian Steudtner: Die Jagd nach der Monsterwelle

SEBASTIAN STEUDTNER Der Deutsch-Österreicher gehört zur Elite des Big-Wave-Surfens und benötigt 40 Surfboards – a 1.000 Euro – pro Saison. | © Instagram @sebastiansurfs

»Extrem« teurer Sport, niedrige Preisgelder

Diese Vorkehrungen sind kostspielig. Wenn gerade kein Contest der World Surf League stattfindet, müssen diese Kosten vollständig von den Athleten selbst übernommen werden: vom Physiotherapeuten und Trainer bis zu den Spottern und dem Marinearzt, der extra eingeflogen werden muss. Hinzu kommen hohe Kosten für die Surfboards. Im Falle von Steudtner sind das etwa 40 pro Saison, zum Stückpreis von circa 1.000 Euro. Auch im Big-Wave-Surfen, wie in vielen andere Randsportarten auch, sind selbst die Athleten an der absoluten Weltspitze abhängig von Sponsoren, um diese Sportart überhaupt ausüben zu können.

Es werden auch Preisgelder von der World Surf League ausgeschüttet: 350.000 Dollar bei den Big Wave Awards. Diese werden auf insgesamt neun Kategorien aufgeteilt. Während es für den »Ride of the Year«-Award noch 55.000 US-Dollar gibt, können sich die Gewinner des »Biggest Wave«-Award über gerade einmal 15.000 US-Dollar freuen. Selbst wenn man die höchstdotierte Auszeichnung des Jahres bekommt, reicht das Geld gerade einmal für die Finanzierung der Surfboards für eine Saison.

Dennoch zeigt die Entwicklung des Big-Wave-Surfen, ähnlich wie beim klassischen Surfen, in die richtige Richtung. Das öffentliche Interesse an den Bewerben steigt mit der wachsenden Beliebtheit des Surfsports als Freizeit- oder Urlaubsaktivität. Das bestätigen auch die Zahlen der World Surf League: mehr als 1,3 Milliarden Videoaufrufe auf Social Media im Jahr 2019, 61,3 Millionen digitale Reichweite und 200 Stunden an Liveübertragung, bei mehr als 246 Veranstaltungen weltweit. Demographisch gesehen sind 74 Prozent der erreichten Menschen der »Generation Z« oder den »Millenials« zugehörig. Bemerkenswert: Der Frauenanteil ist in der Interessensgruppe bei 33 Prozent. Einen nicht unwesentlichen Grund dafür dürfte dabei die Tatsache sein, dass in der World Surf League Frauen und Männer gleich bezahlt werden.

Big-Wave-Surfer Pedro Scooby: Die Jagd nach der Monsterwelle

DIE PERFEKTE WELLE 350.000 US-Dollar schüttet die World Surf League bei den Big Wave Awards aus – Frauen und Männer werden gleich bezahlt. | © Xabi Barreneche/Red Bull Content Pool

Dennoch ist und bleibt das Surfen, insbesondere das Big-Wave-Surfen, eine Randsportart. An der Weltspitze lässt sich zwar mit den richtigen Sponsoren gutes Geld verdienen, ein großer Anteil fließt allerdings in die Ausgaben, die der Sport mit sich bringt. Vermutlich landete aber ohnehin ein Großteil der Athleten nicht aus finanziellen Motiven beim Big-Wave-Surfen, sondern weil das Erlebnis mit 70 Kilometern pro Stunde auf einem Surfbrett eine 20 Meter oder höhere Welle zu reiten, aufregend und einzigartig ist. #

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